Eine große Überraschung des gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampfs in Frankreich ist, wie die Frage der „nationalen Identität“ in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt ist. Im Präsidentschaftswahlkampf 1995 waren Arbeitslosigkeit und soziale Trennlinien die beherrschenden Themen. Im Jahr 2002 dominierte das Thema Sicherheit. Diesmal allerdings haben die drei Hauptkandidaten – Nicolas Sarkozy, Ségolène Royal und François Bayrou – dem Wahlkampf ein gänzlich neues Erscheinungsbild gegeben.
So schlägt Sarkozy beispielsweise die Schaffung eines Ministeriums für Einwanderung und nationale Identität vor. Auch Royal, die zwar peinlich genau den Unterschied zwischen Nation und Nationalismus wahrt, rückt vom alten sozialistischen Herzstück, der Internationalen, ab, macht sich stattdessen für La Marseillaise stark und schlägt vor, dass alle Staatsbürger am Nationalfeiertag die französische Flagge hissen sollten. Bayrou kritisiert die „nationalistische Obsession“ seiner Mitbewerber, aber auch er unterstützt die Abschaffung des Jus soli (das Recht auf Staatsbürgerschaft nach dem Geburtsortprinzip) auf der französischen Insel Mayotte, aufgrund des massenhaften Zustroms schwangerer Frauen auf diese Insel.
Der Führer der Rechten, Jean-Marie Le Pen, meint, er sei mit dieser Entwicklung sehr glücklich. Tatsächlich ist eine Debatte über nationale Identität nichts Neues. Das Problem daran ist, dass die französische Identität schon immer aus widersprüchlichen und manchmal gegensätzlichen Elementen bestand wie Frankreichs katholische und säkulare Traditionen oder seine Revolutionsideologie neben dem Hang zum Konservativen und die unterschiedlichen kulturellen Auffassungen der Landbewohner und der Arbeiter.
Der Historiker Ernest Renan, der nach der Niederlage Frankreichs im Französisch-Preußischen Krieg 1871 seine Gedanken über die nationale Identität formulierte, definierte die Nation als „Seele“, die aus zwei Teilen besteht. Der eine Teil gehört der Vergangenheit an und besteht aus dem „reichen Erbe der Erinnerungen”. Der andere, gegenwarts- und zukunftsbezogene Teil besteht aus dem gemeinsamen Willen der Bürger, ihr öffentliches Leben gemeinsam leben zu wollen. Renan räumte diesem Willen zum Zusammenleben Priorität vor jeder ethnischen Definition ein und setzte damit das französische Konzept der Nation in direkten Kontrast zu dem beinahe rassischen Begriff des Volkes, der die deutsche Tradition dominiert.
Aus dieser Perspektive ist die nationale Identität ein „spirituelles Konzept“ auf Grundlage einer gemeinsamen Geschichte und einer Reihe von Werten. Manche dieser Werte haben ihre Wurzeln in einer Art säkularem Christentum, andere in den revolutionären Überzeugungen der Aufklärung in Bezug auf Menschenrechte, Gleichheit, die französische Sprache, säkulare Schulbildung und die Vorstellung, wonach der Staat für das Gemeinwohl und die Anwendung republikanischer Prinzipien verantwortlich sei.
Genau diese Auffassung von nationaler Identität – die über Rasse, Hautfarbe, Herkunft und Religion hinausgeht – ist momentan Gegenstand des Diskurses. Die gegenwärtig in Frankreich schwelende Identitätskrise wird durch das Zusammentreffen vieler anderer Faktoren noch verschärft: durch die Globalisierung, die Unsicherheit schafft, die Europäische Union, welche die Freiheiten der nationalen Regierungen beschränkt, die strategische Dominanz der Amerikaner, durch die Frankreichs Position auf der Welt geschmälert wurde und die aufstrebenden asiatischen Mächte.
Das ist eine ernsthafte Herausforderung für jene Intellektuelle, die das Konzept der Nation manchmal verhöhnen und argumentieren, dass wir in einer „post-nationalen“ Welt leben. In ihren Augen sollte man auf die nationale Identität zugunsten einer europäischen Identität verzichten, selbst wenn das Zugehörigkeitsgefühl zu Europa bei den Menschen in der EU nicht allzu ausgeprägt ist.
Stattdessen allerdings bleibt es bei der starken Verbindung zwischen Identität und Einwanderung, einem alten Stehsatz der äußersten Rechten. Diese Frage erhitzt die Gemüter immer mehr, weil es Frankreich nicht gelungen ist, eine wirksame Politik zur Integration afrikanischer Einwanderer zu entwickeln. Verschlimmert wird die Sache noch durch die Tatsache, dass manche religiösen Forderungen in das öffentliche Leben vorgedrungen sind, obwohl Religion und Kultur in Frankreich traditionell Privatsache sind. Deutlich abzulesen ist dieser Trend an den kontroversen Debatten, ob muslimische Mädchen in Schulen ein Kopftuch tragen dürfen.
Das Problem der Verbindung zwischen nationaler Identität und kulturellem Pluralismus taucht momentan in beinahe der gleichen Art und Weise in Großbritannien, Holland und Dänemark auf – in Ländern also, die sich im Gegensatz zu Frankreich schon vor Langem für eine Politik des Multikulturalismus entschieden haben. In den Vereinigten Staaten, einem Land mit enormen Einwanderungszahlen, können die einzelnen Gemeinschaften eine starke kulturelle Identität und einen tief verwurzelten Patriotismus hervorbringen. Das ist auch in Frankreich so, das von Einwanderern aufgebaut wurde, die in Wellen in das Land kamen. Aber im Gegensatz zu den USA beruht die Integration in Frankreich nicht auf Assimilierung, sondern auf dem Wunsch, die Homogenität zu fördern – die vereinte Nation, „einheitlich und unteilbar“.
In der durch die Globalisierung veränderten Welt von heute muss sich Frankreich der Herausforderung durch seine neuen Zuwanderer stellen: Auf der einen Seite sind die Prinzipien im Kern der französischen Identität zu erhalten und auf der anderen Seite ist dem Wunsch mancher neuer Bürger nach Beibehaltung ihrer eigenen Identität entgegenzukommen, obwohl dieser Wunsch den erwähnten Prinzipien entgegenstehen könnte. Die heutige Debatte um nationale Identität entsteht aus diesem Spannungsfeld und daher ist es auch nicht überraschend, dass diese Frage zum zentralen Thema im Präsidentschaftswahlkampf wurde. Bei dieser Diskussion stehen allerdings Werte auf dem Spiel, auf denen nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa aufgebaut wurde und die auch die Grundlage für den weiteren Aufbau sein werden.


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