Tuesday, October 21, 2014
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Wem die Stunde schlägt

Dieser Tage spricht der Vorsitzende des wirtschaftlichen Beraterstabs von Präsident Bush, Ben Bernanke, gern von einem „weltweiten Ersparnisüberschuss“, der überall zu erstaunlich niedrigen Realzinssätzen geführt hat. Das ist allerdings eine falsche Sicht der Dinge.

In Amerika gibt es ganz gewiss keinen Ersparnisüberschuss. Die Sparquote lag in den letzten Jahrzehnten auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Die rücksichtlose Steuerpolitik der Bush-Administration drückte sie erneut nach unten. Durch die sinkenden Zinssätze in den letzten Jahren stiegen die Immobilienpreise, wodurch der amerikanische Mittelstand alle vorhandenen Mittel in Eigenheime steckte, wodurch die Sparquoten noch weiter fielen. In Amerika gibt es also ein Ersparnisdefizit und keinen Überschuss.

Und wie steht es mit dem Rest der Welt? Gäbe es einen globalen Ersparnisüberschuss, müsste man durch Strategien zur Ankurbelung der Sparquote in Amerika und zur Steigerung des Verbrauchs in Haushalten außerhalb der USA die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht bringen können. Die Weltwirtschaft leidet allerdings nicht an einem Ersparnisüberschuss, sondern an einem Investitionsdefizit.

Man teile die Welt in drei Zonen ein: die Vereinigten Staaten, China und der Rest der Welt. Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Leistungsbilanzüberschuss des „Rests der Welt“ um einen Betrag angestiegen, den ein Ökonom der amerikanischen Federal Reserve Bank mit 450 Milliarden Dollar jährlich bezifferte. Dazu kam es aber nicht aufgrund gestiegener Sparquoten, sondern aufgrund gesunkener Investitionsquoten. Die fallenden Investitionsquoten in Japan, den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas – hier in der Reihenfolge ihrer Bedeutung – haben die Flut der Ersparnisse in Richtung USA auf amerikanische Staatsanleihen, hypothekarisch besicherte Wertpapiere und Eigenkapital-besicherte Kredite gelenkt – die Entsprechung des enormen amerikanischen Handelsdefizits in der Kapitalverkehrsbilanz.

Das Investitionsdefizit in Asien im Vergleich zu dem Wert vor zehn Jahren beträgt 400 Milliarden Dollar jährlich, wobei der Investitionsrückgang in Japan – aufgrund der über ein Jahrzehnt dauernden Stagnation – mehr als die Hälfte des gesamten Betrages ausmacht. Außerdem haben die Investitionsquoten in den Schwellenländern Asiens nie mehr den Wert erreicht, den sie vor der Krise in den Jahren 1997/1998 aufwiesen und auch im restlichen Asien sind mit Ausnahme Chinas die Investitionsquoten gesunken.

Um die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen, scheinen daher ganz andere Strategien gefragt. Ja, die USA brauchen Steuererhöhungen, um einen Budgetüberschuss zu erzielen und es bedarf politischer Strategien, um die private Spartätigkeit anzukurbeln. Aber auch weltweit sind Strategien vonnöten, um die Investitionstätigkeit in Asien, Lateinamerika, dem Nahen Osten und in Afrika in Schwung zu bringen.

Und hier stehen wir vor einem Problem. Menschen wie ich, die zu den Verfechtern einer internationalen Integration in den Bereichen Handel und Finanzen sowie einer Senkung der Zölle und Handelsschranken zählen, haben auf drei Vorteile hingewiesen:

· Die Maximierung des wirtschaftlichen – sowie des sozialen und kulturellen – Kontakts zwischen den reichen und armen Ländern ist in unseren Augen die beste Methode, um den Wissensfluss im Hinblick auf Technologie und Organisation anzuregen, der die letzte Hoffnung für eine rasche Entwicklung der Welt darstellt.

· Eine Senkung der Handelsschranken wird die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer für jene unwiderstehlich machen, die Zugang zu Finanzierungen haben.

· Freiere Kapitalflüsse werden armen Ländern genau diesen Zugang verschaffen, da sich Investoren aus reichen Ländern, angetrieben durch ihre Gier, in arme Länder vorwagen, wo Kapital knapp ist.

Der an erster Stelle erwähnte Nutzen ist noch immer gültig. Die Maximierung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontakts zwischen den reichen und armen Ländern bleibt sowohl die beste Methode, um den Wissensfluss im Hinblick auf Technologie und Organisation anzuregen als auch die letzte Hoffnung für eine rasche Entwicklung der Welt.

Das zweite und dritte Argument stehen allerdings auf schwachen Beinen. Diejenigen mit Zugang zu Finanzierungen scheinen dem Drang, die Produktion in Niedriglohnländer (mit Ausnahme Chinas) zu verlegen, widerstehen zu können. Die Liberalisierung der Kapitalflüsse hat weniger dazu geführt, dass Sparer aus reichen Ländern, ihre Gelder aus Gier in armen Ländern investieren, sondern eher dazu, dass Sparer aus armen Ländern ihr Geld aus Angst in reichen Ländern einparken – aus Angst vor politischer Instabilität, makroökonomischen Störungen und unzulänglichen Institutionen (vor allem solchen, welche die Rechte der Anleiheinhaber und Minderheitsaktionäre schützen sollten).

In den nächsten Jähren könnten durchaus Ereignisse eintreten, die die Sparquote in Amerika radikal in die Höhe treiben, weil sich die privaten amerikanischen Haushalte plötzlich arm fühlen: Steuererhöhungen, ein Immobiliencrash, steigende Importpreise durch einen fallenden Dollar, eine tiefe Rezession oder mehrere dieser Ereignisse auf einmal. Es wäre schön anzunehmen, dass der gegenwärtig in Richtung Amerika fließende Finanzstrom bei einem Nachlassen der Flut auf Dollar-Wertpapiere gemächlich seinen Kurs ändert und die Investitionstätigkeit in Asien ankurbelt. Darauf zählen sollte man allerdings nicht, vor allem im Hinblick auf den Anteil der Marginalinvestitionen in Asien, die auf die eine oder andere Art auf den Export in den amerikanischen Markt ausgerichtet sind.

Außerhalb Amerikas, vor allem aber in Asien, sollte man den instabilen Zustand der US-Makroökonomie mit ernsthafter Besorgnis zur Kenntnis nehmen. Der amerikanische Dichter John Donne formulierte es im 17. Jahrhundert so: „Frag nicht, wem die Stunde schlägt – sie schlägt dir.“

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