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Nahrung für die Revolution

PRINCETON – Gipfeltreffen werden durch ihren Austragungsort definiert. So fand die Weltwirtschaftskonferenz 1933 kurioserweise im Londoner Geologischen Museum in Kensington statt. Dies zu einer Zeit, als internationale Zusammenarbeit in ebenso weiter Ferne schien wie die versteinerten Dinosaurier. Insofern ist vielleicht auch Deauville in der französischen Normandie mit seiner (leicht abgewetzten) Eleganz eines vergangenen Zeitalters voll elitären Luxus, pompöser Prasserei und opulenter Bankette nicht gerade eine glückliche Wahl als Austragungsort eines G-8-Treffens.   

Heuer sprachen die Teilnehmer des G-8-Gipfels über interessante, aber nebensächliche Themen wie etwa die wirtschaftlichen Auswirkungen des Internet. Noch schlimmer: Wichtige Angelegenheiten wie etwa die Nahrungsmittelsicherheit wurden als Nebensächlichkeit abgehandelt.

Das Thema Nahrungsmittel trat erstmals beim Gipfeltreffen im italienischen L’Aquila im Juli 2009 in den Vordergrund. Damals als Reaktion auf einen ins Stocken geratenen Rohstoffboom, der aber seither mit der Gewalt eines Hurrikan wiedergekehrt ist. Nun verhandeln die G-8 die Finanzierung von schmerzlindernden Maßnahmen.

Das Thema Nahrungsmittel ist dennoch eng mit einer Reihe anderer wirtschaftlicher Probleme verknüpft, die von der internationalen Gemeinschaft nicht in adäquater Weise angegangen werden. Obwohl die Weltwirtschaft heutzutage im Allgemeinen relativ robust erscheint, steht die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit heute auf schwächeren Beinen als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt nach 1945.

Die instabile Nahrungsmittelsicherheit unterstreicht sämtliche schwerwiegenden Probleme der modernen Nicht-Ordnung dieser Welt. Es besteht die Bedrohung durch wirtschaftliche und finanzielle Nationalismen. Man hört von Währungskriegen, nationaler Verwaltung und Regulierung des Bankwesens sowie von zunehmenden Forderungen nach mehr Handelsprotektion. Und diese Dinge hängen alle miteinander zusammen.

Vor allem die Diskussion über die Geldpolitik schafft Uneinigkeit. Aufgrund niedriger Zinssätze in den Vereinigten Staaten können wichtige Finanzinstitutionen billig Dollars borgen, um dann in den großen Schwellenländern viel höhere Renditen zu erzielen.

Diese Vorgehensweise schafft für viele der dynamischsten Ökonomien der Welt ein unmögliches Dilemma. Wenn sie mit der Anhebung der Zinssätze im eigenen Land durchgreifen wollen, ziehen sie damit nur noch größere Kapitalzuflüsse an. Lassen sie den Wechselkurs steigen, versiegen vielleicht ein paar Kapitalzuflüsse, aber man bestraft damit die Exporteure im eigenen Land und sorgt für eine höhere Arbeitslosigkeit. Die politischen Entscheidungsträger in großen Schwellenländern wie Brasilien, China und der Türkei geißeln die USA und ihre Geldpolitik routinemäßig als eine Quelle der Inflation, sozialer Spannungen und politischer Instabilität.

Die offenkundigste und gefährlichste Folge niedriger Zinssätze in den wichtigsten Industrieländern ist deren Auswirkung auf die Rohstoffpreise, die vor allem bei Nahrungsmitteln und Treibstoffen sehr ausgeprägt ist. Viele Ökonomen, allen voran Jeffrey Frankel, haben gezeigt, dass die Preise auf diesen Märkten durch einen auktionsähnlichen Prozess gebildet werden. Infolgedessen übertragen Rohstoffmärkte die Auswirkungen einer monetären Expansion besonders schnell. Im Gegensatz dazu sind die Preise bei Markenprodukten, bei denen die Hersteller große Summen zur Sicherung des Marktes investieren, viel stabiler und zeigen auch nicht so schnell die Folgen der Geldpolitik.

Höhere Nahrungsmittelpreise hatten in vielen Ländern auch enormen Einfluss auf die Ausweitung der für den Ackerbau bestimmten Flächen und führten weltweit zu höherer Produktion. Brasilien, Russland und China, aber auch Algerien, Ägypten und Südafrika – ja, alle afrikanischen Länder, die eine funktionierende Regierung aufrecht erhielten – erlebten in den vergangenen zehn Jahren dramatische Zuwächse in der Nahrungsmittelproduktion.

Das sollte eigentlich ein Grund zur Freude sein: Auf der Welt gelingt es heute besser, die Menschen zu ernähren. Aber die gleichen wirtschaftlichen Impulse, die eine höhere Produktion unterstützen, führen auch zu Versorgungsproblemen, sinkenden Lebensstandards und massiven sozialen Belastungen, vor allem in städtischen Ballungszentren.

Das gilt es zu bedenken, denn historisch waren steigende Lebensmittelpreise der Auslöser politischer Revolutionen. Die drei Revolutionen, aus denen die moderne Welt hervorging – in Frankreich, Russland und China – hatten ihren unmittelbaren Ursprung in Nahrungsmittelknappheit, Angst vor Hunger und Streitigkeiten über Nahrungsmittelpreise. 

Die Brot-Panik, die 1789 Frankreich erfasste sowie die Unfähigkeit der Regierung, die Versorgung zu garantieren, zerstörten das Ancien Régime. Ludwig XVI. wurde verächtlich als „le boulanger“ – der Bäcker - bezeichnet. Im russischen Reich wurde die Stabilität 1917 durch die kriegsbedingte Inflation zerstört. Da sich die Bauern über den sinkenden Wert ihres Geldes sorgten, horteten sie ihre Ernten und ließen die Städte sterben. Die Bolschewiken kamen mit dem Versprechen von Brot (und Frieden) an die Macht. Auch China war durch die Inflation nach dem Zweiten Weltkrieg gelähmt und erwies sich dadurch als anfällig für Nahrungsmittelpanik.

Die Auswirkungen von Nahrungsmittelpreisen sind gewöhnlich nicht auf ein Land allein beschränkt. Im Gefolge mehrerer Missernten, die sich am dramatischsten in der irischen Hungersnot manifestierten, wurde Europa 1848 von mehreren Revolutionen gleichzeitig erschüttert. Und Preissteigerungen waren ein wichtiger Auslöser für den Unmut dieses Jahres im Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika. Obwohl sich die Wirtschaft sowohl in Ägypten als auch in Tunesien zufriedenstellend entwickelte, mussten die Menschen immer mehr für Nahrungsmittel ausgeben.  

Außerdem wäre es falsch, diese Entwicklung als rein regionales Phänomen zu betrachten, das sich nur auf den so genannten arabischen Frühling beschränkt. Die gleichen Unruhen, bei denen sich die Landbewohner gegen die städtische Bevölkerung in Stellung bringen und beide Seiten mehr Rechte verlangen, könnten die politische Ordnung auch in China und in anderen großen Schwellenmärkten untergraben.

In den letzten Jahrzehnten gab es unzählige ansteckende Finanzkrisen, durch welche die Unordnung von einem Land in das nächste übertragen wurde. Die Auswirkungen des globalisierten Geldes führen nun zu einem neuen Wirbelwind. In den kommenden Jahren oder gar schon Monaten werden wir wahrscheinlich neue Formen dieses Domino-Effekts erleben. Wie im Jahr 1848 führt der Kampf um leistbare Nahrungsmittel zu Unzufriedenheit, die Grenzen überschreitet, etablierte Regime gefährdet und die Forderungen der Menschen nach einer gerechteren politischen Ordnung verstärkt.

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