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Joschka Fischer

Wie weiter in Afghanistan?

Joschka Fischer

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2009-11-27

Es sieht nicht gut aus in Afghanistan. Die Taliban werden militärisch und politisch immer stärker, Präsident Karsai verliert wegen der grassierenden Korruption unter seiner Regierung und des offensichtlichen Wahlbetrugs weiter an Unterstützung in der Bevölkerung und internationalen Öffentlichkeit. US Präsident Obama tut sich schwer mit einer Entscheidung über die von seinen Militärs geforderte Truppenerhöhung. Die europäischen Nato-Mitglieder würden zudem ihre Soldaten lieber heute als morgen abziehen, und auch in den USA macht sich der Überdruss an dem Krieg in Afghanistan breit.

Der Westen scheint in dem Land am Hindukusch die Orientierung verloren zu haben – jenem „Friedhof der Imperien,“ wie es nach dem britischen Desaster im Januar 1842 genannt wurde, bei dem von über 16 000 Mann nur ein einziger überlebt hatte. Wofür kämpft die Nato eigentlich am Hindukusch?

Europa schweigt zu dieser Frage und möchte nur noch eines, nämlich raus. In den USA findet diese Debatte immerhin noch statt. Folgt man ihr, so muss man zu der Auffassung gelangen, dass es letztendlich um einen militärischen Sieg der Supermacht über die Taliban geht, damit Amerika dann endlich abziehen kann. Ein zweites Mal.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, worum es in Afghanistan tatsächlich geht, wird man die Antwort nicht allein und vor allem in dem Land selbst finden. Afghanistan ist das Schlachtfeld, aber die Ursachen für die Kriege und Bürgerkriege, die seit Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts dieses Land verheeren, lagen und liegen jenseits seiner Grenzen. Es wird also keine alleinige „afghanische Lösung“ geben können.

Drei Daten sind für das Verständnis des aktuellen afghanischen Knotens von zentraler Bedeutung – 1989, 2001 und 2003.

1989, als der Kalte Krieg zu Ende ging, hatte sich zuvor bereits die Rote Armee aus dem Land zurückgezogen und damit ihre Niederlage eingestanden. Nach der Sowjetunion zogen sich auch die USA aus diesem Konflikt zurück, und in diesem Augenblick begann der zweite afghanische Krieg, getarnt als Bürgerkrieg, aber in Wirklichkeit ein Stellvertreterkrieg der regionalen Nachbarn um die Macht am Hindukusch.

Pakistan, unterstützt von Saudi-Arabien, suchte mittels der von seinem Geheimdienst ISI geschaffenen und ausgerüsteten militanten Koranschüler (Taliban) aus den afghanischen Flüchtlingslagern, strategische Tiefe gegenüber seinem Erzfeind Indien. Iran verteidigte seine Interessen und die der schiitischen Minderheit im Westen des Landes. Und im Norden des Landes wurde die tadschikische Nordallianz wie auch Dostums Usbekenmiliz durch die nördlichen Nachbarn und dahinter durch Russland unterstützt und ausgerüstet.

Im Schlagschatten dieses zweiten, im Westen fast vergessenen afghanischen Krieges, etablierte sich im Afghanistan der Taliban die Terrororganisation Al Qaida des Osama bin Laden, das mit einem furchtbaren Terrorschlag am 11. September 2001 die USA angreifen sollte. An jenem Tag begann der dritte Krieg in Afghanistan, der bis heute anhält.

Und im März 2003  eröffnete dann George W. Bush seine Invasion des Iraks, die nicht nur Amerikas militärische Kraft völlig unnötig vergeuden sollte, sondern darüber hinaus eine Verknüpfung all der zahlreichen einzelnen Krisen zwischen der Ostküste des Mittelmeers und dem Tal des Indus nach sich zog. Denn der Iran wurde durch diese außenpolitische Torheit der USA in die zentrale Rolle in der gesamten Region befördert, und durch ihn der westliche und der östliche Teil jenes weiten Krisengürtels miteinander verbunden.

Wer daher heute eine Antwort auf das afghanische Rätsel sucht, wird zuerst und vor allem von der Region her denken müssen: Kann sich der Westen einen Rückzug aus dieser Region erlauben? Wenn Ja, dann sollte man aus Afghanistan sofort abziehen. Wenn Nein, dann sollte man über „Exit Strategy“ und Abzug nicht mehr diskutieren.

Der Preis eines Rückzugs des Westens aus dieser Krisenregion ist absehbar, denn man hat es dort mit kumulierten Bedrohungen zu tun, welche die westliche Sicherheit gefährden und die mit einem militärischen Abzug aus dem Irak und Afghanistan nicht verschwinden werden: Terrorismus, islamistischer Radikalismus, nukleare Bedrohung (Pakistan, Iran), Stellvertreterkriege und regionale Konflikte (Nahost, Irak, Afghanistan, Kaschmir) drohende staatliche Desintegration (Irak, Afghanistan, Pakistan, langfristiger am Persischen Golf und auf der arabischen Halbinsel). D.h. aber nichts geringeres, als dass nicht über einen Abzug, sondern lediglich über eine Rückverlegung der Kampflinie Richtung Westen gesprochen werden kann!

Ob ein solcher Schritt mehr Sicherheit bringen wird, muss deshalb nachdrücklich bezweifelt werden. Andererseits erweist sich bisherige Strategie des Westens in Afghanistan ebenfalls als wenig erfolgreich und macht die Taliban mit jedem Tag nur stärker. Was also tun?

Erstens eine klare politische Zieldefinition: ein stabiler Status Quo in Afghanistan, der verhindert, dass das Land erneut zum Schlachtfeld der regionalen Interessen und zur Organisationsbasis von Al Qaida wird. Dieses Ziel  wird ohne eine ausreichende militärische Präsenz und verbesserte und verstärkte Wiederaufbauleistungen nicht erreichbar sein.

Zweitens ein erneuerter regionaler Konsens über die Zukunft Afghanistans, um so auch zu verhindern, dass der afghanische Krieg vor allem in Richtung der Nuklearmacht Pakistan weitere destabilisierende und desintegrierende Konsequenzen hat. Dies setzt voraus, dass die Interessen Pakistans, Irans, aber auch Indiens, Saudi-Arabiens und vermutlich auch Chinas in einen solchen Konsens eingebunden werden. Der Kaschmir-Konflikt wird dabei vor allem indirekt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Dies ist keine leichte diplomatische Aufgabe, dennoch aber machbar und müsste das eigentliche Ziel einer neuen Afghanistankonferenz sein.

Drittens eine paralleles Konzert der Kriseneindämmung und vielleicht sogar Lösung: Nahost, Irak, Golf, Iran, Kaschmir. Dies ist eine Gleichung mit sehr vielen bekannten Unbekannten, aber wenn zumindest ihre teilweise Entschärfung nicht versucht wird, werden diese bekannten Unbekannten alle Teillösungen immer wieder in Frage stellen.

Die große Frage allerdings bleibt, ob die USA und ihre europäischen Verbündeten für ein solches Unterfangen noch die Kraft, die Ausdauer und den Weitblick haben. Man darf daran mit guten Gründen zweifeln. Die Alternative dazu wird eine ziemlich chaotische und gefährliche Zukunft in dieser weiten Krisenregion sein. Europa ist ihr direkter regionaler Nachbar.

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AUTHOR INFO

Joschka Fischer, Germany’s Foreign Minister and Vice Chancellor from 1998 to 2005, was a leader in the German Green Party for almost 20 years.