WASHINGTON, D.C.: Die europäischen Führungen sind überzeugt, dass Bankkapital „teuer“ ist – weil eine Erhöhung der Kapitalanforderungen das Wirtschaftswachstum bremsen würde. Doch die aktuellen Entwicklungen in der Griechenlandkrise beweisen genau das Gegenteil: Es ist der Kapitalmangel der europäischen Banken, der das europäische und weltweite Wachstum aus der Spur zu werfen droht.
Der Begriff „Kapital“ verweist bei den Banken schlicht auf ihre Eigenkapitalfinanzierung – welcher Anteil ihrer Verbindlichkeiten durch Aktionäre gehalten wird, statt in Form wie auch immer gestalteter Schulden gegenüber Kreditgebern. Der Vorteil von Eigenkapital ist, dass es Verluste auffängt, d.h. erst nachdem das gesamte Eigenkapital durch Verluste aufgezehrt ist, müssen diese auf die Kreditgeber umgelegt werden. Bankkapital ist also das, was zwischen faulen Krediten und der Insolvenz steht.
Bei den im letzten Jahr abgeschlossenen Basel-III-Verhandlungen beharrten Frankreich und Deutschland auf relativ niedrigen Kapitalanforderungen. Das war töricht: Wären ihre Großbanken heute mit mehr Kapital ausgestattet, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass weitere staatliche Rettungsaktionen erforderlich werden, geringer.
Zu den potenziell notleidenden Anlagewerten dieser Banken gehören natürlich Staatsanleihen aus Griechenland, Irland, Portugal und anderen Euroländern, deren Haushaltsperspektiven gerade von den Finanzmärkten herabgestuft werden, die jedoch bis vor kurzem von den zuständigen Behörden als „risikolos“ betrachtet wurden. Bei einer ausreichenden Kapitalausstattung der europäischen Banken würde eine Wertminderung griechischer und sonstiger Schuldpapiere das Eigenkapital der Aktionäre verringern und zu Enttäuschung bei den Anlegern führen, aber keine Bankenkrise verursachen. Nur leider haben die europäischen Banken – unabhängig von den Rettungsbemühungen der Eurozone – nicht genug Kapital, denn die Verluste werden nicht auf Griechenland beschränkt sein.
Die europäischen Großbanken werden dabei mit ihren Schulden nicht wirklich in Zahlungsverzug geraten: Die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und Italiens haben bereits klargestellt, dass ihre Banken zu groß sind, um sie scheitern zu lassen. Und Deutschland und Frankreich – wenn auch vielleicht nicht Italien – verfügen über genug finanzielle Feuerkraft, um ihre Banken in dem erforderlichen Maß zu unterstützen.
Aber kein europäischer Politiker würde für die Deutsche Bank, BNP Paribas usw. wirklich größere Summen aufs Spiel setzen wollen; die Regierungen werden keine Kapitalaufstockung unter Einsatz öffentlicher Gelder erzwingen. Genauso wenig ist die Politik geneigt, die Banken anzuweisen, mehr Kapital aus privaten Quellen aufzubringen – dies wäre zu peinlich für alle Beteiligten, denn es würde das ganze Ausmaß der bisherigen Torheit ans Licht bringen.
Und schließlich werden die Banker auf der Basis der erzielten Kapitalrendite bezahlt, ohne Berücksichtigung der dabei eingegangenen Risiken. Daher liegt es ganz klar in ihrem Interesse, ihr Geschäft weiter mit möglichst wenig Eigenkapital zu betreiben. Wenn sie dabei Glück haben, ist der Lohn riesig. Geraten sie in Schwierigkeiten – wie es derzeit wahrscheinlich erscheint –, trägt die Gesellschaft die Hauptlast der Auswirkungen in Form von Kreditverknappungen und fallenden Vermögenspreisen.
Natürlich könnte die Europäische Zentralbank die Zinsen weiter senken (die Erhöhung der Differenz zwischen den Fremdkapitalkosten der Banken und den Zinsen, die sie für von ihnen selbst vergebene Kredite nehmen, ist eine klassische Methode, um ihnen zu helfen, ihre Gewinne zu steigern und sich wieder mit Kapital einzudecken). Doch die EZB hat bereits signalisiert, dass große Zinssenkungen unwahrscheinlich sind, solange die deutsche Volkswirtschaft stark bleibt bei relativ niedriger Arbeitslosigkeit.
Die wahrscheinlichste Vorgehensweise dürfte eine Fortsetzung der Nachsicht seitens der Regulierungsbehörden sein, die es den Banken gestattet, ihre Verluste zu verstecken, kombiniert mit einer weiteren Runde übertrieben optimistischer finanzieller „Stresstests“, bei denen die Regulierer so tun, als gäbe es keine Probleme. Als die Europäer in 2010 ihre Banken derartigen Stresstests unterzogen, verleugneten sie z.B. unbekümmert die zu diesem Zeitpunkt absehbare Finanzkatastrophe in Irland. Die Stresstests haben sich als eine Übung erwiesen, die irgendwo zwischen Nutzlosigkeit und Fiasko anzusiedeln ist.
Die Reaktion in den Chefetagen der europäischen Banken wird bei diesem Szenario darin bestehen, in Deckung zu gehen und Darlehen zurückzufordern, um die Größe ihrer Bilanzen zu reduzieren und damit den Eigenkapitalanteil relativ zur Bilanzsumme in die Höhe zu drücken. Wenn alle Banken Anlagewerte abstoßen wollen, ohne die Folgen für die übrige Volkswirtschaft zu berücksichtigen, hat das offensichtliche externe Auswirkungen. Egal, ob Griechenland nun seine Zahlungsunfähigkeit erklärt oder erklären sollte oder die Zahlungen unter irgendeinem Euphemismus restrukturiert: Der Kapitalmangel innerhalb des Bankensystems bedeutet, dass die Kreditvergabe in der gesamten Eurozone unter Druck geraten wird.
Niemand weiß, wie die griechischen Probleme die Marktbewertungen der Staatspapiere anderer Euroländer beeinflussen werden. Und die Vernetzung der wichtigen globalen Banken ist eine bedeutende, wenn auch diffuse Sorge für alle Beteiligten. Das Eigenkapital wird sich im Verhältnis zur Bilanzsumme erhöhen – doch im Rahmen der gegenwärtigen Politik wird es sich erhöhen, weil die Banken ihre Anlagewerte reduzieren, nicht weil sie Kapital aufnehmen.
Dies ist genau der falsche Weg, um eine Finanzkrise zu bewältigen. Wenn der Internationale Währungsfonds in Europa etwas zu sagen hätte, würde er auf anspruchsvolle Stresstests und eine Rekapitalisierung der Banken in der gesamten Eurozone pochen. Doch die Europäische Union hält zusammen rund 30% der Stimmrechte im IWF und kann einen kraftvolleren Ansatz gegenüber dem europäischen Bankensystem wirksam blockieren.
In der Zwischenzeit wird der Mangel an Bankkapital fortbestehen, die kurzfristige Entwicklung der europäischen Wirtschaft schwer belasten und ihr längerfristiges Wachstumspotenzial untergraben.


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