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Europas Herausforderung durch die Immigration

LONDON – Europa steht beim Thema der Immigration vor einem Dilemma. Die Politiker des Mainstreams werden von fremdenfeindlichen Parteien gekapert und gewöhnen sich eine gegen Immigranten gerichtete Rhetorik an, um ängstliche Wähler zu gewinnen. Unterdessen werden die Menschen mit Migrationshintergrund in Schulen, Städten und am Arbeitsplatz immer mehr benachteiligt. Unterdessen bekommen zu viele Arbeitgeber trotz hoher Arbeitslosigkeit in ganz Europa nicht die Arbeitskräfte, die sie benötigen. Ingenieure, Ärzte und Krankenschwestern sind knapp, ebenso wie Landarbeiter und Gesundheitshelfer. Außerdem kann Europa nie genug Unternehmer haben, deren Ideen die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen.

Die vorherrschende Skepsis gegenüber Immigration ist nicht völlig unbegründet. Viele Gemeinschaften sind zutiefst polarisiert, worüber die Europäer verständlicherweise besorgt sind. Aber den Immigranten dafür die Schuld zu geben, ist falsch und verschlimmert das Problem. Wir alle sind schuld.

Aus Mangel an Verantwortung haben wir die Einwanderung zum Sündenbock für viele Probleme gemacht, die völlig andere Ursachen haben. Die andauernde Unsicherheit über die weltweite Krise, Europas existenzielle Debatten und den Aufstieg der Schwellenländer wird zu oft an Migranten abreagiert. Dies ist nicht nur ungerecht, sondern lenkt uns auch davon ab, Lösungen für die wirklichen Probleme zu finden.

Die europäischen Staaten müssen endlich akzeptieren, dass sie wie die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien Einwanderungsländer sind. Der Anteil der im Ausland geborenen Bürger ist in einigen europäischen Ländern – wie Spanien, Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und Griechenland – ähnlich hoch wie in den USA.

Trotzdem tätigen wir nicht die nötigen Investitionen, um neue Mitbürger in unsere Schulen und Arbeitsplätze zu integrieren. Auch haben wir nicht genug getan, um unsere öffentlichen Einrichtungen so umzugestalten, dass sie unsere vielfältigen Gesellschaften einbeziehen und auf sie eingehen können. Es geht nicht darum, wie viele neue Immigranten die Europäische Union akzeptieren kann, sondern darum, die Beschaffenheit und Zusammensetzung der Gesellschaften anzuerkennen, in denen wir bereits jetzt leben.

Dass Europas immigrationsfeindliche Stimmung gerade jetzt einen Höhepunkt erreicht, wo sich die Migrationsströme aufgrund des globalen Strukturwandels verschieben, ist ironisch – und gefährlich. Die wichtigste Verschiebung besteht darin, dass neue Pole der Anziehungskraft entstehen. Unternehmer, Migranten mit Doktortitel und diejenigen, die einfach ihr Leben verbessern wollen, strömen hin zu Orten wie Brasilien, Südafrika, Indonesien, Mexiko, China und Indien. Im kommenden Jahrzehnt wird der größte Teil der Migration in Richtung Südhalbkugel gehen. Der Westen ist nicht länger das gelobte Land, was die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas gefährdet.

Noch nie in der Geschichte war die europäische Bevölkerung so alt. Die Anzahl von Arbeitskräften wird stark abnehmen und könnte bis zur Mitte des Jahrzehnts auf fast ein Drittel fallen, was enorme Konsequenzen für Europas soziales Modell, die Vitalität seiner Städte sowie seine Fähigkeit zur Innovation und zum Wettbewerb hat. Auch die Beziehung der Generationen zueinander wird sich ändern, wenn die Alten immer abhängiger von den Jungen werden. Und während die Geschichte zeigt, dass Länder, die die Energie und Vitalität der Neuankömmlinge willkommen heißen, international am wettbewerbsfähigsten sind, schlägt Europa mit der Abschottung seiner Grenzen den umgekehrten Weg ein.

Aber noch ist nicht alles verloren. Europa hat sich durch eine Kombination von Untätigkeit und kurzsichtiger Politik selbst in diese Lage gebracht. Dies lässt erheblichen Raum für Verbesserungen. Tatsächlich gibt es in bestimmten Winkeln Europas Hoffnungsschimmer.

Man denke an Schweden, wo die Einwanderungspolitik insofern geändert wurde, dass Arbeitgeber die von ihnen benötigten Immigranten selbst auswählen können (mit der sinnvollen Einschränkung, dass Bürger Schwedens und der EU bevorzugt werden müssen). In rationaleren Zeiten würden diese Reformen in ganz Europa auf Neid stoßen, insbesondere angesichts der relativ widerstandsfähigen schwedischen Wirtschaft. Mit Sicherheit haben sie Aufmerksamkeit aus Australien und Kanada erhalten, wo sie nachgeahmt werden sollen.

Auch bei der Integration von Einwanderern hat es Innovationen gegeben. Einige, wenn auch bescheidene Initiativen ermutigen Menschen mit Migrationshintergrund, sich auf Stellen im öffentlichen Dienst bei der Polizei, der Feuerwehr oder anderswo zu bewerben. Solche Maßnahmen berücksichtigen auch den dringenden Bedarf an öffentlichen Einrichtungen, die ähnlich zusammengesetzt sind wie die Bevölkerung, für die sie arbeiten.

Zur Unterstützung von Integration gibt es noch viele weitere Werkzeuge. Wir verstehen sehr gut die Wichtigkeit der frühkindlichen Erziehung, und welche Programme den Graben zwischen einheimischen Kindern und denen von Immigranten schließen können. Außerdem wissen wir, wie wichtig es für den Integrationsprozess ist, eine Arbeit zu finden. Wir wissen, wie wir die Fähigkeiten von Immigranten besser erkennen und die richtige Art von Berufsausbildung bereitstellen können. Wir wissen, wie wir Diskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen verhindern können.

Wir wissen zwar, was zu tun ist, aber jetzt brauchen wir den politischen Willen, es tatsächlich durchzuführen. Eine gute Nachricht: Wenn wir die Integration verbessern können, wird es viel wahrscheinlicher, dass wir die Öffentlichkeit für eine offenere Einwanderungspolitik gewinnen können.

Ebenso wichtig für das Thema der Migration ist internationale Zusammenarbeit. Letztes Jahr, während der arabischen Revolutionen, hat die EU eine historische Gelegenheit verpasst, die beiden Seiten des Mittelmeeres stärker miteinander zu verbinden. Sie hätte jungen Studenten, Unternehmern und anderen Nordafrikanern ihre Türen öffnen sollen. Heute bemüht sich die EU ernsthafter um ihre südliche Nachbarschaft. Zu den Möglichkeiten zählen Freihandelsvereinbarungen, Erleichterungen bei der Visapflicht für Universitätsstudenten, Programme für temporäre Arbeitsverhältnisse und Anreize für Unternehmer.

Was Migration betrifft, ist kein Land eine Insel, und kein Land kann das Thema allein bearbeiten. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und dies wahrscheinlich in einem Umfeld, das sich noch viele Jahre der Migration entgegen stellen wird. Wieviel Fortschritt wir machen, hängt von unserer Fähigkeit ab, die mit der Migration verbundenen Mythen zu durchbrechen.

Migration ändert sich momentan auf grundlegende Weise, und wir müssen uns weiterhin dazu durchringen, Systeme und Ansätze zu finden, die den neuen Realitäten entsprechen. Wenn wir Erfolg haben, könnte die menschliche Mobilität zu einem der wertvollsten Güter des 21. Jahrhunderts werden.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff