Sunday, September 21, 2014
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Europas Anker der Stabilität

FRANKFURT – Mit einem Alter von weniger als zehn Jahren ist der Euro in jeder Hinsicht eine junge Währung. Dennoch ist er für beinahe 320 Millionen Menschen in 15 europäischen Ländern zu einer Realität des täglichen Lebens geworden. Angesichts der Entwicklung des Euro während der diesjährigen globalen Finanzkrise können selbst seine schärfsten Gegner nicht leugnen, dass der Euro ein erstaunlicher Erfolg ist.

Diesen Sommer haben sich wieder Millionen Reisende teure Gebühren beim lästigen Währungswechsel erspart. Von größerer ökonomischer Bedeutung ist allerdings der Vorteil für Handel und Investitionen durch die nicht mehr vorhandenen Währungsrisiken innerhalb der Euro-Zone. Die gemeinsame Währung vollendet den Binnenmarkt für die Mitglieder der Euroraums.

Seit 1999 waren die Mitglieder der Europäischen Währungsunion (EWU) einer Reihe von heftigen exogenen Schocks ausgesetzt: Der Anstieg des Preises für ein Fass Rohöl von ungefähr 10 auf 150 Dollar; der Zusammenbruch der Kapitalmärkte nach dem Platzen der Dotcom-Blase; die sich ausbreitende Gefahr des Terrorismus nach dem 11. September 2001 und zwei Kriege. Der im letzten Sommer beginnende Zusammenbruch des Marktes für amerikanische Subprime-Kredite löste Turbulenzen auf den Finanzmärkten aus und ein Ende ist nicht in Sicht.

Aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit mit nationalen Währungen hätten die Europäer damit rechnen müssen, dass jeder dieser Schocks eine heftige Krise auf den Devisenmärkten auslösen würde. Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, was während der jüngsten Finanzmarktkrise geschehen wäre, wenn die Länder der Eurozone noch immer ihre jeweiligen Währungen gehabt hätten: Immense Spekulationen gegen manche Währungen, massive Interventionen der Zentralbanken und schließlich der Zusammenbruch des Paritätssystems. 

In den Jahren 1992-1993 kam es zu einer dramatischen Krise des Europäischen Wechselkurssystems. Seit dieser Zeit hat sich die Menge das Kapitals, die bereitsteht, um jede Chance auf den Devisenmärkten zu nützen, vervielfacht, wodurch eine vergleichbare Situation heute viel gefährlicher wäre. Tatsächlich gefährdete die Krise in den frühen 1990er Jahren den Status quo innerhalb des EU-Binnenmarktes. Angesichts der enormen Kapitalflüsse von heute ist es schwer zu glauben, dass der Binnenmarkt eine Reihe einschneidender und abrupter Wechselkursänderungen überstanden hätte.

Wechselkursänderungen der Art, wie man sie in den Jahren 1991-1992 erlebte, haben starke Auswirkungen auf die relativen Preise für Güter, die zwischen den Ländern gehandelt werden. In Ländern mit stark aufgewerteten Währungen sind Unternehmen (und übrigens auch Gewerkschaften) mit einem plötzlichen und massiven Verlust der Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert. Zwangsläufig beginnen diese Unternehmen dann lautstark Schutz gegen die angeblich „unfairen“ Bedingungen zu fordern.

Zugegeben: Weder verhinderte der Euro riskante Investitionsentscheidungen europäischer Finanzinstitutionen noch die  Konsequenzen dieser Entscheidungen für die Finanzmärkte. Dazu war er aber auch nicht gedacht. Vielmehr erreichte der Euro, was er erreichen sollte: Die Krise wurde eingedämmt, weil sie auf den Devisenmärkten der Eurozone keine Schäden anrichten konnte.

Nach dem Ausbruch der Turbulenzen auf den Finanzmärkten im letzten Jahr stellte die Europäische Zentralbank zur Beruhigung der Situation sofort beträchtliche Liquidität zur Verfügung und tut das bis heute. Gleichzeitig hat die EZB ihr Hauptziel– die Aufrechterhaltung der Preisstabilität - nicht aus den Augen verloren. 

Es gelang es der EZB von Anfang an, die Inflationserwartungen auf einem Niveau zu etablieren, das ihrer Definition von Preisstabilität entsprach. Diese Leistung steht in krassem Widerspruch zu allen kritischen Stimmen, die vor dem Experiment einer Europäische Währungsunion warnten und sogar deren frühzeitiges Scheitern prognostizierten.

In den ersten Wochen nach Gründung der EZB im Juni 1998 erhielt ich einen Brief des mittlerweile verstorbenen Nobelpreisträgers Milton Friedman, der mir zu meiner Ernennung als Mitglied des EZB-Direktoriums gratulierte – und diese Aufgabe als „unmöglichen Job“ bezeichnete. Er war überzeugt, dass die Währungsunion in Europa zum Scheitern verurteilt war. Heute allerdings wird man schwer jemanden finden, der den Euro nicht als großen Erfolg betrachtet und die EZB ist so sicher etabliert, dass die Menschen diesen Erfolg als selbstverständlich werten.

Das war allerdings keine Frage des Glücks. Die Grundlagen der Erfolgsgeschichte des Euro sind harte Arbeit, das engagierte Bekenntnis zur einzigartigen historischen Mission einer gemeinsamen Währung und, nicht zuletzt, eine gut gewählte geldpolitische Strategie.

Dieser Erfolg ist allerdings kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Große Herausforderungen stehen an. Im Zusammenhang mit dem sich abschwächenden Wachstum steht dem Stabilitäts- und Wachstumspakt eine harte Bewährungsprobe bevor. Ebenso wichtig ist, dass die Reformen für eine größerer Flexibilität der Märkte immer noch nicht ausreichend sind, um die Vorteile einer einheitlichen Geldpolitik voll ausnutzen zu können.

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