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Europa auf Urlaub

Gegenwärtig liegen in Frankreich und Deutschland in der Altersgruppe der 15 bis 25-Jährigen die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Person um etwa 50 % unter dem US-amerikanischem Wert. In anderen europäischen Ländern (wie beispielsweise Italien und Spanien) liegt dieser Wert zwischen den beiden Extremen. Obwohl sich manche Amerikaner immer gerne mit ihrer überragenden Arbeitsethik brüsten, gab es diese Ungleichheit der Arbeitsstunden zwischen den USA und Europa nicht immer. Tatsächlich war die Anzahl der Arbeitsstunden bis in die Mitte der 1970er Jahre auf beiden Seiten des Atlantiks etwa gleich.

Ab der Mitte der 1970er Jahre allerdings begannen die Westeuropäer jedes Jahr weniger zu arbeiten, während die Amerikaner im Großen und Ganzen auf gleich viele Arbeitsstunden kamen wie vorher. Wenn die Westeuropäer nach einer Erklärung suchen, warum ihr Wirtschaftswachstum dem amerikanischen nachhinkt, müssen sie keine weiteren Nachforschungen anstellen.

Die durchschnittliche Anzahl der Arbeitsstunden pro Person hängt von verschiedenen Faktoren ab:

• Vom Grad der Teilnahme am Arbeitsmarkt,

• von der Anzahl der freien Tage für Arbeitnehmer,

• und von der Anzahl der Arbeitsstunden in einer „normalen" Woche, als ohne Urlaubstage.

Der Unterschied zwischen den USA auf der einen und Frankreich und Deutschland auf der anderen Seite liegt praktisch zur Gänze in den ersten zwei genannten Punkten begründet, wobei jedem dieser Gründe etwa das gleiche Gewicht zukommt. Eine geringere Teilnahme am Arbeitsmarkt erklärt also etwa die eine Hälfte des Unterschiedes und mehr Urlaubstage der Arbeitnehmer die andere. Die Bedeutung der Ferien sollte niemanden überraschen, der europäische Gegebenheiten kennt: Ausgestorbene Städte im August, dreiwöchige „Urlaubsbrücken" im April und Mai in Frankreich und Italien, die jeden Freitag um 14 Uhr in deutschen Städten ausbrechenden „Stoßzeiten" und die übervölkerten Schipisten im Februar während der Winterschulferien.

Es ist allerdings eine Geschichte, zu wissen, „wie" die Europäer weniger arbeiten als die Amerikaner, aber eine andere „warum" das so ist. Ein Erklärungsansatz ist, dass Amerikaner als calvinistische Workaholics wahrgenommen werden (und sich selbst auch gerne so sehen), während die Europäer sich selbst gerne als Menschen sehen, die wissen, wie man die schönen Seiten des Lebens genießt. Als ein in den USA tätiger Europäer gebe ich zu, dass ich auch mehr Urlaub nehme, als meine amerikanischen Kollegen. Diese „kulturell" bedingte Erklärung könnte also etwas für sich haben. Aber warum begann das alles um das Jahr 1973?

Ein zweiter Erklärungsversuch sieht den Grund für den Unterschied zwischen den USA und Europa in den unterschiedlichen Einkommenssteuersätzen, die in Europa seit den 1970er Jahren beträchtlich gestiegen sind, während sie in den USA seit den frühen 1980er Jahren fielen. Die Höhe der Einkommenssteuersätze beeinflussen die Arbeitswilligkeit. Sie haben vielleicht keine großen Auswirkungen auf die Arbeitsstunden des Familienerhalters (typischerweise der Mann), aber sie beeinflussen die Teilnahme der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Warum auch arbeiten, wenn das Nettoeinkommen kaum für Kinderbetreuung und Hilfe im Haushalt reicht?

Aber selbst das ist keine ausreichende Begründung, denn Studien über die Reaktion des Angebots an Arbeitskräften auf Steueränderungen legen nahe, dass es noch etwas Anderes geben muss, um die enorme Kluft zwischen den USA und Europa, vor allem Frankreich und Deutschland, zu erklären.

Für die Altersgruppe der über 50-Jährigen ist die Struktur der Rentensysteme ein Hauptfaktor. In Europa war und ist es noch immer lukrativer, frühzeitig in Rente zu gehen als in den USA. Warum sollte ein Franzose oder ein Italiener heute mit Anfang sechzig arbeiten, wenn er sich in den 1990er Jahren mit Mitte fünfzig bei 80 % oder mehr seines letzten Aktivbezuges in die Rente verabschieden konnte? Bei Frauen lag das Renteneintrittsalter Mitte der 1990er Jahre noch niedriger und öffentliche Bedienstete hatten noch mehr Privilegien.

Aber das ist noch nicht alles. In den 1980er und 1990er Jahren reagierten viele europäische Gewerkschaften auf die steigende Arbeitslosigkeit mit einer Politik der verkürzten Arbeitszeit bei gleichbleibender Beschäftigungslage. Die Arbeitszeit wurde verringert (d.h. es gab mehr Urlaub), um die Beschäftigungszahlen stabil zu halten. Das Problem dabei war, dass die Lohnzahlungen nicht proportional zu den kürzeren Arbeitszeiten fielen, so dass es zu einer Erhöhung des Stundenlohnes kam. Die geringere Produktivität und höhere Lohnstückkosten untergruben die Bereitschaft der Unternehmen neue Arbeitskräfte einzustellen, wodurch die Arbeitslosenrate in Europa ständig höher ist als in den USA.

Die heutigen Debatten um das Wachstum in Europa sind voll von Schlagwörtern wie „wissensbasierte Gesellschaft", „technologischer Fortschritt" und „Investitionen in die Bildung". Die Europäer brauchen bestimmt irgendetwas, um die Nachteile ihres kürzeren Erwerbslebens und der vielen Ferien wettzumachen. Viel an der Diskussion ist jedoch bloß eine Form der „Political Correctness". Für die Europäer ist es beruhigender - und es „hört sich besser an" - wenn man ihnen erzählt, ihr Wirtschaftswachstum hinke deshalb nach, weil die Gesellschaft noch nicht ausreichend wissensbasiert ist, anstatt sie auf die Beziehung zwischen Urlaub und Wachstum hinzuweisen.

Die Europäer neigen dazu, Urlaub dem Wirtschaftswachstum vorzuziehen. Ich persönlich liebe es, immer mehr Urlaub zu nehmen. Aber dann darf ich mich nicht beschweren (was ich auch nicht tue), wenn mein Einkommen nicht immer schneller wächst.

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