Sunday, November 23, 2014
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Das kommende atlantische Zeitalter

PRINCETON – Die Vereinigten Staaten sind im Aufwind, Europa stabilisiert sich, und beide nähern sich einander an. Dies war Anfang des Monats die Hauptbotschaft der jährlichen Münchner Sicherheitskonferenz, einem hochkarätigen Zusammentreffen von Verteidigungsministern, Außenministern, hochrangigen Militärs, Parlamentariern, Journalisten und nationalen Sicherheitsexperten aller Art.

Die Teilnehmer stammen in erster Linie aus Europa und den USA. Als die Konferenz 1963 das erste Mal stattfand, war sie nur für NATO-Mitglieder bestimmt. Dieses Jahr hingegen nahmen auch hochrangige Regierungsmitglieder aus Brasilien, China, Indien, Nigeria, Singapur, Katar und Saudi-Arabien teil, ein wichtiges Zeichen der Zeit.

John McCain, der US-Senator und Präsidentschaftskandidat von 2008, bringt immer eine große Delegation von Kongressmitgliedern mit nach München. Normalerweise sendet die US-Regierung auch ihren Verteidigungs- und ihren Außenminister, die rituelle Reden halten, um den Europäern gegenüber die Stärke der transatlantischen Allianz zu betonen. Dieses Jahr gab sich Vizepräsident Joe Biden die Ehre, was die US-Repräsentation auf eine neue Stufe brachte.

Auf der Konferenz gab es auch ein Diskussionsforum zu einem ungewöhnlichen Thema – „Der amerikanische Öl- und Gas-Boom: Geopolitische Veränderungen im Energiebereich.“ Der US-Sonderbotschafter und Koordinator für internationale Energiefragen, Carlos Pascual, beschrieb „die interne Energierevolution der USA“: eine Steigerung der Erdgasproduktion von 25%, was in den USA zu sinkenden Gaspreisen führen könnte, und genug Ölförderung, um die Ölimporte von 60% des Konsums auf 40% senken zu können, und eine weitere Reduzierung von 10% in Aussicht.

Pascual kündigte an, bis 2030 könnten die USA all ihre benötigte Energie innerhalb Amerikas beschaffen. Eine kürzliche Studie des deutschen Geheimdienstes erwähnt die Möglichkeit, dass die USA bis 2020 sogar eine Öl- und Gas-Exportnation werden könnten, ganz im Gegensatz zu ihrem momentanen Status als der größte Energieimporteur der Welt. Der letztere Titel würde wahrscheinlich auf China übergehen, das immer mehr vom Nahen Osten abhängig sein würde. Als Zusatzbonus führte der höhere Anteil der Gasnutzung in den USA zu einem Rückgang der Kohlenstoffemissionen auf das Niveau von 1992.

Die Ansicht, die USA befänden sich in einer glücklichen Lage, wird heute weltweit nicht oft geäußert. Sie wurde aber durch die Beschreibung der Diskussionsteilnehmer gestützt, wie niedrigere Energiepreise einen umfassenden positiven Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft haben. Die Energiereserven des Landes wurden außerdem zu einem Investitionsmagneten. Der deutsche Minister für Wirtschaft und Technologie, Philipp Rösler, sagte, viele deutsche Unternehmen würden ihre Produktion aufgrund niedrigerer Energiepreise bereits in die USA verlegen.

Ebenso betonten die Redner die zunehmende Bedeutung von natürlichem Flüssiggas im Gegensatz zu Pipeline-Gas, was enorme geopolitische Auswirkungen hat. Kurz gesagt, wenn Gas in flüssiger Form exportiert wird, ist es fungibel. Mit anderen Worten: Sollte Russland die Gaslieferung an die Ukraine aus politischen Gründen stoppen, aber der Rest von Europa verfügt über Gas aus anderen Quellen, kann er es der Ukraine einfach weiterverkaufen und über die Ostsee liefern.

Jorma Ollila, Vorsitzender von Royal Dutch Shell, sprach über die größten weltweiten Lagerstätten von Schieferöl und Gas. Die Ukraine selbst verfügt über die drittgrößten Reserven Europas; andere Länder mit großen Vorkommen sind Polen, Frankreich, China, Indonesien, Australien, Südafrika, Argentinien und Mexiko. Und die USA haben Russland bereits als weltgrößten Gasproduzenten überholt.

Diese Daten zogen die Aufmerksamkeit des brasilianischen Außenministers Antonio de Aguiar Patriota auf sich. In einem Forum mit dem Titel „Die Schwellenländer und globale Führung“ bezog sich Patriota auf die Energiediskussion und meinte, die Schwellenländer sollten sich daran erinnern, dass „die klassischen Industrieländer nicht an Einfluss verlieren“. Kurz gesagt, wurde die hartnäckige Geschichte vom westlichen Niedergang plötzlich umgekehrt.

Auch auf der europäischen Seite scheint sich der Horizont aufzuhellen. Im Eröffnungsforum über „Die Eurokrise und die Zukunft der EU“ war vorsichtiger Optimismus erkennbar. Niemand war der Ansicht, die Nöte der Europäischen Union seien gelöst, aber ebenfalls dachte keiner, die Eurozone würde auseinanderbrechen. Im Gegenteil: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble betonte, der deutsche Entschluss, trotz der Probleme an der Eurozone festzuhalten, sei fest. Und ein prominenter Ökonom im Publikum, der oft den Untergang der Eurozone prophezeit hatte, machte schnell einen Rückzieher.

Neben den Berichten über den Aufstieg der USA (trotz Haushaltsproblemen) und einem sich stabilisierenden Europa (trotz der Probleme mit der Gemeinschaftswährung) gab es einen Vortrag von Joe Biden, der weit über die Bestätigungsrhetorik hinausging, die US-Politiker üblicherweise in europäischen Hauptstädten abliefern. Biden teilte dem Publikum mit, er und US-Präsident Barack Obama glaubten, Europa sei „der Eckpfeiler unseres Engagements mit dem Rest der Welt“ und „der Katalysator für unsere globale Zusammenarbeit“.

Biden betonte, Europa sei „Amerikas größter Wirtschaftspartner“, und erinnerte an Zahlen, die die auf Asien ausgerichtete Obama-Regierung oft vergessen zu haben schien: „über 600 Milliarden USD jährliches Handelsvolumen, das auf dem Kontinent und zu Hause Millionen von Arbeitsplätzen schafft und aufrecht erhält, und eine allgemeine Wirtschaftsbeziehung im Volumen von fünf Billionen USD.“ Biden fuhr damit fort, eine „umfassende transatlantische Handels- und Investitionsvereinbarung“ vorzuschlagen, und eine Woche später kündigte Obama in seiner Rede zur Lage der Nation Verhandlungen für genau eine solche Vereinbarung an.

Biden beendete seine Rede mit einem Paukenschlag. „Europa bleibt weiterhin der wichtigste und unersetzliche Partner Amerikas“ erklärte er. „Und verzeihen Sie mir die Anmaßung, wenn ich glaube, dass auch wir Ihr unentbehrlicher Partner bleiben.“ Diese starken Worte spiegeln eine neue Sensibilität in Washington wider. Wie die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton in einer ihrer letzten außenpolitischen Reden erklärte, planen die USA nicht, sich weg von Europa nach Asien zu wenden, sondern sich gemeinsam mit Europa Asien zuzuwenden.

Das Glück des Westens ist langsam aber sicher im Aufwind. Gemeinsam vereinen Europa und die USA über 50% des weltweiten BIP auf sich, verfügen über die mit großem Abstand größte Militärmacht und kontrollieren einen wachsenden Anteil der weltweiten Energiereserven. Außerdem haben sie hervorragende Möglichkeiten für Diplomatie und Entwicklungshilfe, und sie sind eine friedliche Gemeinschaft von Demokratien, die eine gemeinsame Verpflichtung für die Rechte, die Würde und das Potenzial aller Menschen miteinander teilen.

Stellen wir uns vor, diese Gemeinschaft würde sich entlang der Ostküste von Lateinamerika und der Westküste von Afrika nach Süden ausdehnen. Dann könnte dieses Jahrhundert tatsächlich zum atlantischen Jahrhundert werden.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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    1. Commentedhari naidu

      This lady is of course US centrist-mind and there is no way one can re-educate her at this point in time.

      Those of us who follow annual Munich Security Conference understand the focus is finally but slowly moving away from an Atlantic-centrist view of the world...to embrace emerging markets, and mainland China and India, in particular.

      Having retired as a global trade and development (EU) expert, I must remind her the next WTO boss will be a Brazilian (BRICS). Times are really changing and US and EU will have to focus on their (own) priorities while watching WTO take on issues which they might not necessarily desire at this international economic and financial cycle.

      Mind you US opposed the Brazilian candidate to replace Pascal Lamy.

    2. CommentedJacque Vilet

      She must be smoking funny cigarettes. How anyone can think that U.S. and Europe will become the economic power of the 21st century is not in the real world.

      U.S., Europe and Japan are mature markets --- and as consumer demand makes up majority of GDP I don't see how her prediction comes true.

      She sounds more like a politican then an economist. Why on earth was this published?

    3. CommentedOle C G Olesen

      Seldom it is to read such nonsense and political rhetoric !
      Talking sweet to the sick Auntie
      Recent events underline this ...

      But ofc the article represents the finest traditions of Mr Brezhinsky :
      http://www.comw.org/pda/fulltext/9709brzezinski.html

      http://www.amazon.com/exec/obidos/ISBN=0465027261/theatlanticmonthA/

      and the onslaught on individual and national freedom instituted by Global Megacorporations ... and their OWNERS

      I as a European do NOT want to be part of the diabolic imperialistic actions of a megalomaniac and fascistoid USA
      only acting for the PROFIT af a few persons ..who already OWN somewhere between 50 to 75 % of all there is to own in this world ... in spite of this STEALING the remaining wealth of citicens ... as we have wittnessed during the later years .... in order to ...DIS-EMPOWER the COMMON PEOPLE !

      These Companies :

      http://www.newscientist.com/article/mg21228354.500-revealed--the-capitalist-network-that-runs-the-world.html

      WHO .. are the owners ?
      WE KNOW !

      http://www.globalresearch.ca/the-federal-reserve-cartel-the-eight-families/25080

      Curiously above owners of the american dollar also are the majority shareholders in previously mentioned Mega-Corporations.. who own ...THE WORLD !

      And their Front-organisations ?
      We also KNOW :

      http://landdestroyer.blogspot.com/2011/03/naming-names-your-real-government.html

      The Hudson Institute was not on above list .. here a bit Info on WHO ..the Hudson Institute represents :

      http://www.sourcewatch.org/index.php?title=Hudson_Institute

      I as a European do not want to have the blood of Millions of Innocents on my hands ... as is the case for The UNITED STATES of AMERICA and the MULTINATIONAL MEGACORPORATIONS ...

      I have NOTHING in COMMON with these SATANIC ENTITIES !

      Geographically and Culturally I as a European have far more in common with RUSSIA and CHINA than a VULGAR and GREEDY MEGALOMANIAC UNITED STATES of AMERICA !

      China and Russia are also NOT BANCCRUPT as is the case for the USA where the latter only survives by STEALING the WEALTH of OTHER NATIONS including those of EUROPE
      and as a Nation IS the MAIN REASON behind the current European financial Woes .. by DEFRAUDING European Capital into buying WORTHLESS Ameriacan Financial debt instruments

      SO ..I say ... NO ... to an "Atlantic Century " .. we already have tried that .. to our DETRIMONY ... I prefer a EURASIAN Century .. which for any EUROPEAN who still can THINK ... is the only future worth considering

    4. CommentedZsolt Hermann

      I really would like to believe in this fairy tale, as if it was true, it would bring good fortune to all, since in today's global, interconnected world if the main engines of growth, development found their direction and fuel again it would propel the whole system with them.
      Unfortunately though the fairy tale looks very much like the "Emperor's new clothes", and the truth is the emperor already looks naked if we look at the picture honestly.
      The "rising" in the US, and "stabilization" in Europe only happens on paper, and in those high powered meetings, nothing of it is felt on the streets, or in the homes of the actual population living in those countries.
      Unemployment, especially youth unemployment is rising, living costs, social inequality is rising, the previous social net supporting the weaker layers is disappearing, the debt burden is burying layer after layer, people in general are more depressed and empty than ever, and there is absolutely no sign of any change from their point of view.
      Only the cash flow, the financial infrastructure that is dealt with, but it has very little relevance to people, and it is cosmetic in nature, unable to change the fundamental system crisis.
      The significance of the "mighty military force" of the west is also becoming irrelevant in the age of long range missiles, defense shields, remote control drones and virtual warfare, none of the recent western lead wars, putting troops on the ground achieved any meaningful success, in truth they were all failures.
      The "newly found energy independence" has only relevance in terms of the over consumption, over production, constant proliferation, exploitative economic model, but this model is unsustainable and is collapsing, in truth for a normal, modern human life we do not need even the fraction of the energy we consume today, thus this hysteria about energy independence will lose its meaning very soon.
      In short there is no "coming Atlantic century" for multiple reasons. Most of the "signs" the article is based on are irrelevant, meaningless, moreover the world is a single, interconnected and interdependent network, either all of us pull through, by fundamental changes to our lifestyle and interrelations, mutually working together complementing each other, or we all sink deeper ad deeper into crisis until the suffering will force us to change.

    5. CommentedAndré Rebentisch

      Exactly that phrasing of Mme Clinton was quite alarming. As well as the patronizing tone of Mr. Biden. The phrase "remains" indicates withdrawal in the defense context.

    6. CommentedRobert Upshaw

      The growing trade and energy routes are on the Indian and Pacific rim. That's where the action is. R. Kaplan detailed this in his book Monsoon. Europe's position is the weakest of all.

      More: http://thepondsofhappenstance.blogspot.com/2013/02/the-hubris-of-europhiles.html

    7. CommentedAvraam Dectis

      .
      "have the largest military force in the world by many multiples"

      --------------------------------------------------------------------------------

      It should be noted that while these Democracies are well armed, the USA, at least, is reduced to allowing large stalker gangs to openly poison people, some of whom have been openly poisoned for over 15 years while the police and government just watched.

      A Democracy that cannot use its millions of men under arms to protect its citizens or arrest its worst criminals is a Democracy in name only. It is really just a figurehead providing a pleasant illusion to cover up the fact that it is really a fractured entity with each splinter operating under rules and penalties that are unwritten and enforced by fear.

      See "gang staking" if any of this is news to you.

      In the USA, crime pays.
      .

    8. CommentedProcyon Mukherjee

      This essay is in sharp contrast to the forging reality that the center of gravity of the world's economic engine is slowly but steadily moving East.

      The gas bonanza has not seen gasoline prices move South, which is what the fundamental fallacy is that is yet to be explained, although natural gas prices have continued to move in the downward trajectory.

        CommentedAvraam Dectis

        .
        There is conjecture that speculation is artificially supporting energy prices.
        .

    9. CommentedAndrés Vallejo

      Buttressing all this optimism is only possible by relegating what should be our most pressing concern to a passing comment: "As an extra bonus, the higher US proportion of gas use has reduced US carbon emissions to 1992 levels." Even this cheer should be handled with care, as this interesting note explains: http://thinkprogress.org/climate/2012/12/05/1275811/why-claims-about-reductions-of-us-carbon-dioxide-emissions-are-misleading/?mobile=nc

    10. CommentedPaul A. Myers

      The US will be completing a transition in Obama's second term from being the biggest dumb government in the world under Bush to a pretty sensible steward of a very strong private-sector dominated US economy. All the job growth in the US since 2009 -- five million jobs -- has been in the private sector. The US has rebalanced towards a more productive economy in a very strong way.

      A truly enhanced free trade area with Europe would integrate half the world's economy and probably contribute towards many European countries moving towards a more productive future.

      So there are two win-wins out there for Europe: integrate within Europe and integrate across and around the Atlantic.

    11. CommentedStepan February

      There has been lots of cheerleading by the Syndicate recently. First the rise of the robots, now this. Its like our public intellectuals are not the drivers of our destiny but just the headlights illuminating the next few yards of the road.

    12. CommentedMike Chu

      Isn't the West bankrupt and East the creditors? Or, does Biden know something we don't.

    13. CommentedShane Beck

      Demographics say otherwise- both the US and Europe have ageing populations, which do not bode well in welfare states. Of course Russia, China and Japan have the same problem so it will be interesting to see how each nation copes....

    14. CommentedJosé Luiz Sarmento Ferreira

      Maybe so, but the European Union is the only political entity in the World to have made Keynesian economic policies illegal. Member-States can be fined heavily for not inscribing anti-Keynesian rules into their Constitutions. This blatant ideological bias doesn't bode well either for Europe or for its partners.

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