Wednesday, April 16, 2014
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Wie man dem Ölfluch entgeht

CAMBRIDGE, MASS.: Die Libyer leben wieder auf; sie haben das Gefühl, nach langer Zeit endlich Herren über ihr eigenes Schicksal zu sein. Die Iraker empfinden es nach einem Jahrzehnt des Krieges möglicherweise genauso. Beide Länder sind Ölproduzenten, und unter ihren Bürgern ist die Erwartung weit verbreitet, dass dieser Reichtum ein großer Vorteil beim Wiederaufbau ihrer Gesellschaften sein wird.

In Afrika hat derweil Ghana erstmals mit der Ölförderung begonnen, und auch Uganda steht kurz davor. Tatsächlich streichen derzeit von Westafrika bis hin zur Mongolei Länder unerwartete Gewinne aus neu entdeckten Öl- und Mineralvorkommen ein. Verstärkt wird ihre Euphorie durch das historische Niveau, das die Öl- und Mineralpreise im Verlaufe der letzten vier Jahre erreicht haben.

Viele Länder waren schon einmal in dieser Lage: euphorisch aufgrund unverhoffter Reichtümer an natürlichen Ressourcen. Aber dann mussten sie erleben, wie der Boom in Enttäuschung endete und die von ihm ausgehenden Chancen vertan wurden, ohne dass sich die Lebensqualität ihrer Bevölkerungen großartige verbessert hätte. Doch ob Libyen oder Ghana, einen Vorteil haben die politischen Führungen heute im Vergleich zu früher: Die meisten sind sich der Geschichte klar bewusst und wollen wissen, wie man dem berüchtigten „Ressourcenfluch“ entgeht.

Nun muss man, um ein Heilmittel zu verschreiben, zunächst die Krankheit diagnostizieren. Warum erweist sich Ölreichtum genauso häufig als Fluch wie als Segen?

Ökonomen haben sechs Fallgruben identifiziert, die rohstoffexportierende Länder in Schwierigkeiten bringen können: Schwankungen der Rohstoffpreise, die Verdrängung des produzierenden Gewerbes, die sogenannte „holländische Krankheit“ (bei der eine boomende Exportbranche eine rapide Währungsaufwertung verursacht, die die Wettbewerbsfähigkeit der übrigen Exporteure untergräbt), eine gehemmte institutionelle Entwicklung, Bürgerkriege und eine übermäßig schnelle Ausbeutung der Ressourcen (ohne dass ausreichende Ersparnisse gebildet werden).

Wie die starken Preisschwankungen während der letzten fünf Jahre zeigen, sind die Ölpreise besonders schwankungsanfällig. Der aktuelle Ölboom könnte sich schnell zur Flaute verkehren, insbesondere wenn sich die weltwirtschaftliche Aktivität verlangsamt.

Eine derartige Schwankungsanfälligkeit ist kostspielig, denn sie nimmt den betreffenden Volkswirtschaften die Chance, wirksam auf Preissignale zu reagieren. Vorübergehende Rohstoffbooms entziehen den in den Kinderschuhen steckenden Fertigungsbranchen und der Produktion anderer international gehandelter Güter regelhaft Arbeitskräfte, Kapital und Land. Diese Reallokation kann, falls diese Sektoren das „Learning by Doing“ fördern und breitere Produktivitätsgewinne befeuern, die langfristige wirtschaftliche Entwicklung schädigen.

Das Problem ist nicht allein, dass Arbeitnehmer, Kapital und Land vom boomenden Rohstoffsektor aufgesaugt werden. Sie werden zugleich durch Booms im Bausektor und im Bereich weiterer nicht handelbarer Güter sowie bei den Dienstleistungen aus dem Fertigungssektor abgezogen. Dazu kommt regelhaft eine übertriebene Ausweitung der Staatsausgaben, die zu aufgeblähten öffentlichen Löhnen und Gehältern und großen Infrastrukturprojekten führt, welche sich dann bei fallenden Ölpreisen als untragbar erweisen. Falls der Fertigungssektor in der Zwischenzeit „ausgehöhlt“ wurde, umso schlimmer.

Und selbst wenn sich der Anstieg der Ölpreise als dauerhaft erweist, lauern jede Menge Fallstricke. Staaten, die sich finanzieren können, indem sie einfach die physische Kontrolle über Öl- oder Mineralvorkommen übernehmen, versäumen langfristig häufig, Institutionen zu entwickeln, die der wirtschaftlichen Entwicklung förderlich sind.

Derartige Länder entwickeln eine hierarchische, autoritäre Gesellschaft, in der der einzige Anreiz im Wettkampf um den privilegierten Zugriff auf Rohstoffrenten besteht. Im Extremfall kann diese Konkurrenz die Form von Bürgerkriegen annehmen. In Ländern ohne reiche Rohstoffvorkommen dagegen haben die Eliten kaum eine Wahl, als eine dezentralisierte Wirtschaft zu fördern, in der der Einzelne Anreize zum Arbeiten und Sparen hat. Dies sind dann die Volkswirtschaften, die sich industrialisieren.

Die letzte Fallgrube ist die übermäßig schnelle Ausbeutung von Öl- oder Mineralvorkommen unter Verletzung der optimalen Sparquoten und erst recht der Bewahrung der Umwelt.

Was können Länder tun, um zu gewährleisten, dass natürliche Rohstoffe ein Segen und kein Fluch sind? Es gibt Strategien und Institutionen, die erprobt wurden und scheiterten. Hierzu gehören insbesondere Versuche, Schwankungen auf dem Weltmarkt durch Preiskontrollen, Exportkontrollen und Kartelle künstlich zu unterdrücken.

Einige Länder jedoch hatten Erfolg, und ihre Strategien könnten nützliche Vorbilder sein, denen Libyen, Irak, Ghana, Mongolei usw. nacheifern könnten. Hierzu gehören Sicherungsgeschäfte in Bezug auf die Exporterlöse z.B. durch den Markt für Öloptionen, wie Mexiko sie tätigt, eine antizyklische Fiskalpolitik etwa durch eine Variante der chilenischen strukturellen Haushaltsregel und die Übertragung der Leitung von Staatsfonds an professionelle Manager, wie sie Botswanas Pula Fund verfolgt.

Und schließlich wurden einige viel versprechende Ideen noch gar nicht ausprobiert: die Denominierung von Anleihen in Ölpreisen statt in Dollar, um sich gegen das Risiko eines Preisrückgangs abzusichern, Rohstoffpreisziele als Alternative zu Inflations- oder Wechselkurszielen zur Verankerung der Geldpolitik sowie die landesweite Verteilung der Ölerlöse auf Pro-Kopf-Basis, um zu gewährleisten, dass sie nicht auf den Schweizer Bankkonten der Eliten enden.

Die politischen Führungen haben einen freien Willen. Die Öl exportierenden Länder müssen sich nicht zu Gefangenen eines Fluchs machen, der andere befallen hat. Ein Land kann sich entscheiden, reiche Rohstoffvorkommen zum langfristigen wirtschaftlichen Aufstieg seiner Bevölkerung und nicht nur dem seiner Führung zu nutzen.

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