WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

The World in Words

Samtene Selbsttäuschung

Jeffrey A Engel

English Spanish Russian French German Chinese Arabic
2009-11-27

COLLEGE STATION, TEXAS: Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 und dem relativ gewaltlosen Sturz des Kommunismus überall in Mittel- und Osteuropa sagten Optimisten ein neues Zeitalter einer Welt voller friedlicher Demokratien voraus. Die Geschichte, so schien es einigen, war an ihrem Ende angekommen. Doch die Optimisten haben sich als irregeleitet erwiesen, denn die großen und kleinen Mächte unserer Welt haben aus der Vergangenheit ihre eigenen, einander häufig widersprechenden Lehren gezogen.

Für die Amerikaner war 1989 die Bestätigung für all das, an was sie ohnehin schon glaubten. Sie hatten – durch harten Zwang und Überzeugung – den Kalten Krieg gewonnen, oder glaubten es jedenfalls. Sie sahen die Demonstranten in den osteuropäischen Hauptstädten und die Massen auf dem Platz des himmlischen Friedens, hörten ihre Rufe nach Freiheit und glaubten, dass diese Menschenmassen amerikanisch sein wollten. George H.W. Bush formulierte es so: „Wir wissen, wie man dem Menschen auf der Erde ein gerechteres und wohlhabenderes Leben sichert: durch freie Märkte, freie Rede, freie Wahlen und die Ausübung des freien Willens ohne Behinderung durch den Staat.“

Die nachfolgenden Ereignisse schienen das amerikanische Rezept zu bestätigen. Der Golfkrieg bestätigte die US-Militärmacht und die uralten Gefahren des Appeasements. Die Clinton-Ära machte eine aktive Demokratieförderung zum hauptsächlichen Instrument amerikanischer Außenpolitik, und die Administration von George W. Bush trieb diese in nie da gewesener Weise auf die Spitze.

Der Sieg im Kalten Krieg bot jeweils die Antwort. „Amerikas Entschlossenheit und die von Ronald Reagan so klar zum Ausdruck gebrachten Ideale“, so Clinton, „halfen, die Mauer zum Einsturz zu bringen.“ Welche Lehre daraus zu ziehen war, war klar: „Wir erreichen unsere Ziele durch Verteidigung unser Werte und indem wir die Kräfte der Freiheit anführen.“

Barack Obamas Worte sind ein Echo jener Worte Clintons. Trotz seiner häufigen Beschwörung des Wandels scheint seine zentrale Artikulation amerikanischer Politik bemerkenswert statisch. „Frühere Generationen haben den Faschismus und den Kommunismus nicht allein mit Raketen und Panzern in die Schranken gewiesen,“ predigte Obama bei seiner berühmten Wahlkampfrede in Berlin, „sondern mit robusten Bündnissen und nachhaltigen Überzeugungen.“

Dies ist der Grund, warum Obamas Amerika mehr Geld für Waffen ausgibt als die übrige Welt zusammen, und warum die Demokratieförderung unbestrittene Grundlage amerikanischer Außenpolitik bleibt, bei der nur über die Form ihrer Anwendung diskutiert werden kann. Die Geschichte bietet ein Erfolgsrezept – solange die Amerikaner sich an die Lehre von 1989 halten. 

Die übrige Welt freilich zog andere Lehren. Europäische Strategen verwarfen die amerikanische Sichtweise, wonach der Kalte Krieg durch Zwang gewonnen worden war, und vertraten stattdessen die Ansicht, dass die Zusammenarbeit triumphiert habe, eben weil es keinen Zwang gegeben habe. Sie hörten in den Appellen nach Freiheit von hinter dem Eisernen Vorhang nicht den Wunsch, amerikanisch zu werden, sondern am bemerkenswert erfolgreichen europäischen Experiment kollektiver Sicherheit und gemeinsamen Wohlstandes teilzuhaben, das nach dem Zweiten Weltkrieg aufkam. Für die heutigen europäischen Führer ist die zentrale Lehre aus 1989, dass Zwang kontraproduktiv ist; worauf es ankommt, ist Konsens.

Die russischen Führer zogen, nicht überraschend, ebenfalls eigene Schlüsse. Als Michail Gorbatschow von einem „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ sprach, stellte er sich dabei keinen Kontinent unter sowjetischer Vorherrschaft vor, wie ihn einst Josef Stalin angedroht hatte. Nachdem sie 1989 bemerkenswerte Zurückhaltung geübt hatte, erwartete die russische Führung, vom Westen mit offenen Armen akzeptiert zu werden. Stattdessen wurde die NATO bis an die Schwelle Russlands erweitert; die Europäische Union verschloss ihre Türen, und die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation schien außer Reichweite. Die postsowjetische Volkswirtschaft zerfiel, die Zahl der Verbrechen schoss steil in die Höhe, und die Lebenserwartung sank. Russlands Stimme verlor in internationalen Angelegenheiten an Autorität.

Für die russischen Führer war die Lehre aus 1989 klar: Dem Westen zu vertrauen, war bestenfalls töricht und schlimmstenfalls gefährlich. Gorbatschows Vision einer europäischen Einbindung ließ Jahrhunderte russischer Geschichte unbeachtet; der Westen wollte keine russische Teilnahme. Besser also, wenn sich die Russen auf ihre eigene Macht verließen, ihre eigenen Ressourcen entwickelten und ihre eigenen Grenzen kontrollierten. Der Kreml vertraute dem Westen 1989. Nachfolgende russische Führer weigern sich, sich noch einmal hinters Licht führen zu lassen.

In China ist das Erbe von 1989 am verwirrendsten. Die chinesischen Führer waren angesichts des Zerfalls des sowjetischen Blocks verschreckt. „Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um zu verhindern, dass die Veränderungen in Osteuropa Chinas interne Entwicklung beeinflussen.“ schlossen die Parteivertreter im März 1989, und innerhalb von Monaten hatten sie die demokratischen Proteste gewaltsam niedergeworfen.

China zog aus dem Jahr 1989 die Lehre, dass oberstes Gebot die staatliche Stabilität sei. Doch die chinesische Führung erkannte auch, dass die Missachtung der Forderungen des Volkes für sie mit großen Gefahren verbunden war. Die Regierung schloss daher eine stillschweigende Übereinkunft mit ihren Bürgern: Politischer Widerspruch würde nicht toleriert, doch im Gegenzug würde der Staat wirtschaftliches Wachstum garantieren. Niemand würde die Legitimität der Regierung in Frage stellen, solange der Wohlstand stieg.

Auch die chinesische Außenpolitik räumte der Legitimität nach 1989 Vorrang ein; das Regime hoffte, seiner Autorität weltweit wieder Geltung zu verschaffen, indem es Chinas Beteiligung an den internationalen Organisationen ausweitete. Die chinesischen Führer übernahmen den kooperativen Charakter des europäischen Prozesses nach 1945, aber nahmen sich zugleich die russische Lehre zu Herzen: Der Westen würde nicht guten Absichten allein nachgeben.

Anders freilich als Russland legt China zunehmend weniger Gewicht auf traditionelle harte Macht, um seine Ziele zu erreichen. Tatsächlich haben die chinesischen Führer im Vergleich zu Chinas wachsendem BIP bemerkenswert wenig für das Militär ausgegeben. Die chinesische Macht beruht heute nicht auf der Fähigkeit des Landes, der amerikanischen Kriegsmarine Paroli zu bieten, sondern auf seinen Beständen an US-Staatsanleihen.

Das Erbe von 1989 klingt sogar im Iran wider, dessen Führer aus dem Geschehen vom Platz des himmlischen Friedens und dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs die eindeutige Lehre gezogen zu haben scheinen, dass eine engagierte Regierung in der Tat eine Reformen fordernde Öffentlichkeit demobilisieren kann.

Die Welt würde die Schrecken vom Platz des himmlischen Friedens nicht so bald vergessen, versprachen die weltweiten Protestierenden 1989. Doch sie tat es – und zwar außergewöhnlich schnell. Die Rückschau auf das Jahr 1989 ist tatsächlich ein Blick nach vorn: von den folgenschweren Ereignissen dieses Jahres zu den ganz unterschiedlichen Hinterlassenschaften, die diese produzierten.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Jeffrey A. Engel is Director of Programming, Scowcroft Institute for International Affairs, Texas A&M University.