WEEKLY SERIES

INTERNATIONAL ECONOMICS

STRATEGIC SPOTLIGHT

GLOBAL FINANCE

ECONOMICS OF DEVELOPMENT

ECONOMIC AND REGULATORY POLICY

ECONOMIC HISTORY

ECONOMIC PERSPECTIVES

PUBLIC INTELLECTUALS

GLOBAL OUTLOOK

REGIONAL EYE

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

The Worldly Philosophers

Das personifizierte Böse

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

2009-10-28

COLLEGE STATION, TEXAS – Die Gleichsetzung von Krieg mit individueller Bösartigkeit ist in der internationalen Politik von heute allgegenwärtig – wenn nicht gar universell. Kriege sind Kämpfe gegen böse Tyrannen und die von ihnen kontrollierten unrechtmäßigen Regierungen. Diese Rhetorik erleichtert es, Kriege zu rechtfertigen, zu führen und zu unterstützen. Dies vor allem für gewählte Volksvertreter, die auf Schwankungen in der öffentlichen Meinung unmittelbar reagieren müssen. Diese Sprache funktioniert in der heutigen medienbesessenen Zeit in jeder Gesellschaft gleichermaßen.

So ist es auch kein Wunder, dass politische Führer internationale Konflikte beständig personalisieren. Leider sind durch eine solche Alltagssprache Kriege auch schwerer zu verhindern, zu beenden und sie gehen wohl auch tödlicher aus.

Die Rhetorik des personifizierten Bösen ist anhand amerikanischer Beispiele leicht zu belegen, obwohl es sich kaum um ein einzigartig amerikanisches Phänomen handelt. So geben chinesische Führer der taiwanesischen Führung die Schuld an den Spannungen zwischen den beiden Ländern, und für alles, was in Tibet schief läuft, ist der Dalai Lama verantwortlich. Auch George W. Bush wurde von Demonstranten auf der ganzen Welt mit Hitler verglichen und Mullahs in der ganzen islamischen Welt bezeichnen amerikanische Präsidenten rituell als Mensch gewordene Satane, während sie gleichzeitig ihre prinzipielle Gewogenheit gegenüber den Menschen in Amerika Ausdruck verleihen.

Für amerikanische Präsidenten der jüngeren Vergangenheit ist ein Einsatz militärischer Kräfte beinahe unmöglich, ohne vorher eine derartige Rhetorik als Mantra oder verbale Stütze anzuwenden. Das berühmteste Beispiel dafür ereignete sich 1917. Woodrow Wilson erbat die Kriegserklärung gegen Deutschland mit den folgenden Worten: „Wir haben keinen Streit mit dem deutschen Volk. Wir haben gegen dieses nur ein Gefühl der Sympathie und der Freundschaft. Seine Regierung hat nicht auf sein Betreiben gehandelt, als sie in den Krieg eintrat.” Nur der Kaiser und seine bösen Handlanger hatten Schuld.

Im Jahr 1990 formulierte George H.W. Bush den gleichen Appell: „Wir haben keinen Streit mit den Menschen im Irak.“ Und im Jahr 2003 verwendete sein Sohn die gleiche Phrase und fügte noch hinzu „sie sind die täglichen Opfer von Saddam Husseins Unterdrückung.” Bereits bei früheren Gelegenheiten hatte George W. Bush festgestellt, dass die Amerikaner „keinen Streit mit den Menschen in Afghanistan“ hätten, nur mit der Al-Kaida und ihren Unterstützern aus den Kreisen der Taliban. Er verwendete diese Phrase sogar in seiner Rede zur Lage der Nation im Jahr 2008, in der es hieß: „Unsere Botschaft an die Menschen im Iran ist klar: Wir haben keinen Streit mit Ihnen... Unsere Botschaft an die Führung des Iran ist aber ebenso klar: Setzen Sie die nukleare Anreicherung überprüfbar aus, damit die Verhandlungen beginnen können.“  

Jeder amerikanische Präsident seit Wilson verwendete zumindest einmal in seiner Amtszeit den Satz „haben keinen Streit“ mit einem ausländischen Feind. Dieser Kommentar wird typischerweise nur Tage, wenn nicht gar Stunden vor dem Abwurf der ersten amerikanischen Bomben abgegeben. Bill Clinton erklärte am Vorabend des Bombardements von Serbien, dass „ich nicht stark genug betonen kann, dass die Vereinigten Staaten keinen Streit mit dem serbischen Volk haben.“ Barack Obama verkündete noch während seines Wahlkampfs: „Wir haben keinen Streit mit den Menschen im Iran. Diese wissen, dass Präsident Ahmadinedschad rücksichtslos, unverantwortlich und taub für ihre alltäglichen Anliegen ist.”

Amerikanische Präsidenten setzen eine derartige Sprache aus guten Gründen ein. Sie wissen, dass ihre Zuhörerschaft – ein selbsternannter Schmelztiegel der Völker – lieber Diktatoren bekämpft als Brüder und Cousins im Ausland. Wilsons Formulierung rührte ja von einem demographischen und politischen Dilemma her. Im Jahr 1917 hatten nämlich über ein Drittel der Amerikaner Vorfahren in Deutschland und seinen verbündeten Staaten. Wilson konnte die Menschen in Amerika nicht gut beschwören die „Krauts zu töten“ wie dies britische oder französische Führer häufig machten, weil so viele der Soldaten Wilsons, zumindest ethnisch gesehen, selbst „Krauts“ waren. So transformierte er amerikanische Soldaten rhetorisch von Brudermördern zu Befreiern ihres ehemaligen Vaterlandes.

Erst wenn der Außenfeind sich grundlegend von dem unterschied, wie sich die Amerikaner selbst wahrnahmen, war es Präsidenten möglich, gegen ein Volk als Ganzes Krieg zu führen. So konnte Franklin Roosevelt die Amerikaner mahnen, die Welt vor der „Herrschaft Hitlers und Mussolinis “ zu bewahren und ihnen gleichzeitig erklären, dass „wir uns mitten in einem Krieg gegen Japan befinden.“ Der Krieg in Europa war ein Krieg zur Befreiung unterdrückter Völker von Tyrannen. Der Krieg im Pazifik war ein ethnischer Krieg.

Eine derartig politisch zweckmäßige Sprache hat allerdings ihre strategischen Nachteile. Erstens: Wenn man die Schuld an einem Konflikt einmal an einer Person festgemacht hat – an einem Saddam Hussein oder einem Kim Jong Il – wird es schwierig, eine Lösung für einen internationalen Konflikt zu finden, die nicht den Sturz des Tyrannen bedingt.  Man stelle sich Verhandlungen zwischen Bush und Saddam Hussein in den Jahren 2005 oder 2006 vor  - wenn es keinen erneuten Krieg mit dem Irak gegeben hätte -  nachdem Bush Saddam als Hitler dieser Generation bezeichnet hatte.

Problematischer ist die Identifikation eines Konflikts mit einer einzelnen Person, wenn dadurch die systemische und heimtückische Natur eines internationalen Konflikts überlagert wird. Man denke daran, wenn die jüngere Vergangenheit verlaufen wäre, hätte Saddam das Angebot der Bush-Administration zur Flucht ins Exil angenommen anstatt in den Krieg zu ziehen. Oder wenn der erste Versuch, Saddam in den ersten Stunden des Krieges nach dem Leben zu trachten, erfolgreich geendet hätte.  

Wäre der Irak tatsächlich im Besitz von Massenvernichtungswaffen gewesen, wie Bush glaubte, wem genau wären diese Waffen nach Husseins Flucht in die Hände gefallen? Die Gleichsetzung von Krieg mit einem einzelnen Tyrannen setzt den politischen Entscheidungsträgern also strategische Grenzen. Sie führt paradoxerweise auch zu einer größeren Zahl von zivilen Toten. Bomben auf ausländische Diktatoren oder deren Sicherheitsapparate führen fast zwangsläufig zum Tod von Menschen, die sich weit außerhalb der Machtzirkel befinden. Deren Tod ist leichter zu bewältigen und zu rechtfertigen, so lange Angehörige der Luftwaffe und Soldaten sowie auch die Bevölkerung daheim glauben, dass die Gewalt zumindest gegen das personifizierte Böse gerichtet ist.

Eine derartige Rhetorik funktioniert ganz eindeutig. Sie ist in ihrem Wesen global. Aber sie hilft auch dabei, aus der Welt einen gefährlicheren Ort zu machen, indem man die wahren Kriegsgründe verschleiert und den Menschen auf der ganzen Welt ermöglicht, Gewalt nicht als Mittel zum Zweck, sondern als heilige Mission für Befreiung, Freiheit und Beseitigung der Tyrannei zu rechtfertigen. Bis sich die politischen Führer von der Rhetorik des Bösen als Rechtfertigung für den Krieg verabschieden, ist es unwahrscheinlich, dass der Krieg selbst verschwindet.

Jeffrey A. Engel ist Programmleiter am Scowcroft Institute for International Affairs der  Texas A&M University.

You might also like to read more from or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.