Friday, August 29, 2014
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Freie oder geregelte Energiemärkte?

MADRID – In diesem Monat wird die Internationale Energieagentur ihren jährlichen Bericht veröffentlichen, den international maßgeblichen World Energy Outlook, in dem bestätigt wird, dass wir uns nicht auf dem richtigen Weg zur Senkung der globalen Erwärmung befinden. Wenn der aktuelle Trend in der Energieproduktion anhält, wird die Durchschnittstemperatur der Erde im Jahr 2100 um über 2ºC höher sein als im Jahr 1990, wodurch der Planet und die Bedingungen für das menschliche Leben irreversibel geschädigt werden.

Derzeit beanspruchen noch akutere Krisen beinahe die gesamte Aufmerksamkeit der Welt und lenken Staaten sowie auch Bürger von den immer noch vor uns liegenden Herausforderungen im Energiebereich ab. In den Vereinigten Staaten hat es schon lange keine Energiedebatte auf nationaler Ebene gegeben; die Europäische Union befindet sich im Auge eines finanziellen Hurrikans; und die Schwellenländer möchten ihr rasches Wirtschaftswachstum aufrecht erhalten, um Millionen Menschen aus der Armut zu befreien. Angesichts dieser Zusammenhänge geht die für Ende November im südafrikanischen Durban anberaumte nächste Konferenz der UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel (UNFCCC) völlig unbemerkt über die Bühne.

Allerdings ist Energie von fundamentaler Bedeutung für die Menschheit. Dies nicht nur aufgrund ihrer möglichen negativen Externalitäten, sondern auch angesichts ihrer wirtschaftlichen Relevanz: Westliche Länder geben 8-10 Prozent ihres BIPs für Energie aus, während die Ausgaben der Entwicklungsländer dafür doppelt oder drei Mal so hoch sind. Aus diesem Grund brauchen wir ein System zur Regelung des Energiesektors.  

Hauptsächlich aufgrund seiner negativen ökologischen Externalitäten ist ein unregulierter Markt kein geeigneter Steuerungsmechanismus, weil er nicht in der Lage ist, die Umweltkosten zu internalisieren. Man hat berechnet, dass man auf die umweltschädlichsten Energiequellen eine Steuer im Ausmaß von 70 Prozent einheben müsste, um deren negativen Externalitäten Rechnung zu tragen. 

Ein erheblicher Informationsmangel in diesem Bereich ist ein weiterer Grund, warum der freie Markt nicht funktioniert. Oftmals ist es technisch schwierig, an Informationen zu gelangen, wie etwa im Hinblick auf die Eigenschaften einer Gasreserve. Hinzu kommt, dass Staaten Bodenschätze als strategischen Aktivposten betrachten und dazu keinerlei Informationen veröffentlichen. Schließlich sind auch die Zeitrahmen im Energiebereich üblicherweise lang: Auswirkungen auf die Umwelt können Jahrhunderte spürbar sein  und es kann Jahrzehnte dauern, bis sich Investitionen rechnen. Daher muss der Energiesektor durch ein System der Kooperation und Regulierung gesteuert werden.

Das wird natürlich kompliziert. Bei der Verwaltung von Energie bedarf es der gleichzeitigen Berücksichtung  technischer, politischer und wirtschaflichter Dimensionen. In der Erkundung und Ausbeutung von Energiequellen sind viele verschiedene Disziplinen und Technologien involviert –  Wind, Photovoltaik, Atomenergie, Kohle usw. Etwas Ähnliches gibt es im politischen Bereich, wo Industrie- und Wirtschaftssektoren zwar organisiert sind, aber getrennt voneinander bestehen. Und die Notwendigkeit einer internationalen Koordination stellt eine zusätzliche Schwierigkeit dar.

Der Energiesektor ist ein Beispiel für die Unzulänglichkeit unserer multilateralen Institutionen. Energiepolitik wird auf nationaler Ebene betrieben, aber die Externalitäten des Sektors wirken global. Ein Leck in einem Atomkraftwerk oder in einer Ölquelle auf dem Meeresgrund und vor allem die CO2-Emissionen bedrohen nicht nur ein Land. Auf der anderen Seite bleibt der Nutzen der Energie bei spezifischen Akteuren – seien es Verbraucher, Produzenten oder Händler. Dieses Ungleichgewicht schafft einen klaren Anreiz für Trittbrettfahrer: Sie profitieren, während der Rest zahlt.

Überdies bedarf es einer globalen Regelung, weil Angebot und Nachfrage im Energiebereich weltweit voneinander abgekoppelt sind. Wenige Länder haben eine neutrale Energiebilanz. Öl, die wichtigste Energiequelle der Welt, ist in dieser Hinsicht bezeichnend. Der Mittlere Osten weist im Bereich Öl einen Außenhandelsüberschuss von 266 Prozent auf während die USA ein Defizit von 65 Prozent haben. Aufgrund dieses geographischen Ungleichgewichts bedarf es eines geordneten Handelssystems, klarer Regulierungen und eines wohlstrukturierten globalen Markts. Heute allerdings wimmelt es nur so vor undurchsichtigen bilateralen Abkommen und sehr unterschiedliche ökologischen Anforderungen bestehen neben widersprüchlichen Subventionen.

Aufgrund dessen sind unsere globalen Energieinstitutionen bedauerlich unzulänglich. Die Internationale Energieagentur nimmt nur OECD-Länder auf, wodurch China, der größte Energieverbraucher, ausgeschlossen ist. Der zwischenstaatliche Energiecharta-Vertrag, der die Unterzeichner zur Einführung unabhängiger Marktregeln für Energieprodukte und Dienstleistungen verpflichtet, wurde von den USA, dem zweitgrößten Energieverbraucher der Welt, nicht unterzeichnet und von Russland, dem weltgrößten Ölproduzenten, nicht ratifiziert. Abkommen der Welthandelsorganisation sind für den Energiebereich nur am Rande relevant, weil Energie als begrenzte natürliche Ressource gilt und in vielen Fällen daher von den Regeln ausgenommen ist.

Außerdem vertrauen nicht-westliche Länder – wie beispielsweise die Energie-Großverbraucher China und Indien sowie die größten Produzenten (die Golfstaaten und Russland) – dem hauptsächlich vom Westen geschaffenen institutionellen System nicht. Die Schwellenländer argumentieren zurecht, dass der Westen für das Problem des Klimawandels von heute verantwortlich ist.  Von der Industriellen Revolution bis vor kurzem verlief die Entwicklung des Westens ohne ökologische Einschränkungen und die Schwellenländer sind der Ansicht, dass sie die Anpassungskosten nicht zu tragen haben sollten. Ebenso weigern sich die produzierenden Länder, einen der wenigen Machtbereiche aufzugeben, über den sie verfügen.

Die Lösung muss eine neue Institution enthalten. Vielleicht wäre es für den Anfang eine gute Idee, wenn die größten Emittenten der Welt Energiefragen über die G-20 oder ein ähnliches Gremium verhandeln. Später könnten die Verhandlungen allen Staaten offen stehen. Dies könnte beispielsweise innerhalb des Geltungsbereichs der UNFCCC stattfinden.

Die Verhandlungspunkte müssen umfassend sein und in Emissionsgrenzen sowie finanzieller und technologischer Unterstützung für weniger umweltschädliche Energiequellen münden. Eine Begrenzung der Emissionen würde die Kosten unverhältnismäßig den Öl exportierenden Ländern sowie den Verbrauchern in Schwellenländern aufbürden, wo die Technologien noch weniger ausgereift sind.

Bei der Konferenz des UNFCCC  in Durban müssen sich alle Länder – Industrieländer und Schwellenländer, Länder mit oder ohne natürliche Ressourcen -  zusammentun, um sicherzustellen, dass uns die größte Krise nicht unvorbereitet trifft, wenn alle aktuellen Krisen der Welt einst gelöst sind.

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  1. CommentedEveliina Mielikainen

    Although İ found the article very interesting and İ completely agree with the view expressed that the current institutions are inadequate in solving the geographical imbalance relating to the distribution and accessibility of energy resources. İ dısagree with the argument made concerning the West being free of environmental restrictions during the time of industrial revolution. Although at the time there was lack of supranational organisations to monitor the effects of industrialisation on the environment it was though a concern for the countries involved in the industrial revolution. For example the beginnings of environmentalist movements in the United States can be traced back to 1739 and Britain can be acknowledged for the first modern environmentalist law in 1863.

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