Saturday, April 19, 2014
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Die Vergewaltigungskultur in Indien beenden

NEW YORK – Das Verbrechen ist unfassbar. Eine 23-jährige Medizinstudentin ist tot, zwölf Tage, nachdem sie über eine Stunde lang von sechs Männern in einem Bus vergewaltigt worden war, der auf Hauptstraßen der indischen Hauptstadt unterwegs war. Ihre inneren Verletzungen durch die Eisenstange, die die Angreifer benutzten, waren so schwer, dass Ärzte in dem Versuch, ihr Leben zu retten, den Darm entfernen mussten.

Die Inder, so scheint es, haben genug. Auf dutzenden großer und immer wütenderer Demonstrationen forderten sie von der Regierung, die Sicherheit von Frauen zu gewährleisten und Vergewaltiger endlich zur Rechenschaft zu ziehen. Die Behörden haben zwar versucht, die Proteste nicht eskalieren zu lassen, indem sie das Zentrum von Neu-Dehli abriegelten und im Rest der Stadt den Verkehr einschränkten, jedoch ohne Erfolg. Nach dem Tod eines Polizisten wurde in die Menge gefeuert, wodurch ein Journalist, Bwizamani Singh, getötet wurde, was eine Rüge von Reporter ohne Grenzen zur Folge hatte.

Den scharfen Protesten liegt  an der Wurzel nicht einfach die hohe Vergewaltigungsrate in Indien zugrunde. In einer leidenschaftlichen Rede hat Kavita Krishnan, Sekretärin der indischen Frauenorganisation All India Progressive Women’s Association, ausgesprochen, worum es bei den Protesten wirklich geht: die gängige Praxis in Indien, die Opfer von Sexualverbrechen selbst verantwortlich zu machen. Behörden und Polizei, so Krisham, haben erst kürzlich wieder darauf hingewiesen, dass die meisten Vergewaltiger in Indien nicht verfolgt werden können, weil sie, wie ein Beamter es ausdrückte, der Frau bekannt seien. Andere Beamte haben angedeutet, dass die Opfer selber durch die Verwendung ihrer Bewegungsfreiheit die Verbrechen „provozierten“.

Diese Rückkehr zu pre-feministischen Diskursen ist nicht auf Indien beschränkt. In Italien wird eine ähnliche Debatte darüber geführt, ob Kleider und Verhalten von Frauen zur Vergewaltigung aufforderten. Sogar in Schweden klagen die Aktivisten, dass Vergewaltigungen, bei welchen die Frauen ihre Angreifer kennen, nicht verfolgt werden, weil die Opfer stigmatisiert würden.

Krishnan beklagte die Tatsache, dass die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungsprozessen in Indien von 46 Prozent im Jahr 1971 auf heute nur 26 Prozent gefallen ist (hier muss darauf hingewiesen werden, dass es immer noch eine höhere Rate ist als im Vereinigten Königreich, in Schweden und in den Vereinigten Staaten). Die Tatsache, dass die meisten Vergewaltigungen von Männern begangen werden, die dem Opfer bekannt sind, „sollte es umso einfacher machen, den Vergewaltiger zu fassen“. Stattdessen wird Frauen, die zur Polizei gehen geraten, sie sollten keine Anzeige erstatten. Unbekannte Menschen finden sich plötzlich aus dem Nichts auf der Wache ein, die der Frau „erklären“, warum dieser Ratschlag richtig ist.

Krishnan betont, das Problem beginne ganz oben. Mitten in den Protesten hat der Polizeipräsident von Neu-Dehli Öl ins Feuer gegossen, als er vorschlug, Frauen sollten doch Pfefferspray bei sich tragen, um mögliche Vergewaltiger abzuschrecken. Bei einer Pressekonferenz sagte er außerdem, Frauen sollten nicht ohne männliche Begleitung umherschweifen. Andernfalls seien sie  selber schuld, wenn ihnen etwas passierte.

Die Proteste werden nach dem Tod des Opfers fortgesetzt und Regierungsvertreter betonen, es seien Maßnahmen notwendig, um die „Sicherheit und den Schutz“ von Frauen zu gewährleisten. Aber das Wort „Sicherheit“ in Bezug auf Frauen, so Krishnan, „ist viel zu viel verwendet worden“. Indische Frauen hören es bereits ihr ganzes Leben. „Es bedeutet“, sagt sie, „benimm‘ dich. Geh‘ zurück ins Haus. Zieh’ dir bestimmte Kleider nicht an. Lebe deine Freiheit nicht aus…. Eine ganze Palette an patriarchalischen Gesetzen und Institutionen schreiben uns vor, was wir zu tun und zu lassen haben, damit wir ,sicher‘ sind.“

Die sechs Männer, die der Vergewaltigung im Bus angeklagt werden, wurden festgenommen und des Mordes angeklagt. Ferner hat die Regierung eine Untersuchung angeordnet, wie mit Vergewaltigungsfällen umgegangen wird. Kritiker der Regierung sind allerdings skeptisch hinsichtlich der offiziellen Absichten, schließlich werden pro Jahr in der Hauptstadt lediglich 600 Vergewaltigungen angezeigt, die Dunkelziffer liegt in den Tausenden.

Die Wahrheit hinter den Protesten findet man auf Blogs, wo junge indische Männer und Frauen klagen, dass Reisebücher Frauen immer vor weitverbreiteter sexueller Belästigung warnen und ihnen raten, sich in Gruppen zu bewegen. Filme, Religion, Musik und die Frauen selbst werden für die männliche Aggression gegen Frauen verantwortlich gemacht, die Vergewaltiger selbst aber werden nicht zur Verantwortung gezogen. Eine Kultur aber, die die Männer „verhätschele“, wie es ein Blogger ausdrückte, unterstütze die Vergewaltigungskultur.

Der Zusammenhang zwischen Vergewaltigung, männlichen Privilegien und der Herabwürdigung der weiblichen Sexualität war einer der wichtigsten Erkenntnisse der Feministinnen in den 1970ern – eine Erkenntnis, von der sie glaubten, sie sei erfolgreich in die kulturelle Debatte um Vergewaltigungen und in die Gesetzgebung eingeflossen. In Indien, wie in Italien, Schweden und in der ganzen Welt werden Frauen und Männer, die die Bewegungsfreiheit und die Unversehrtheit von Sexualverbrechen unterstützen, dazu gezwungen, diesen Kampf noch einmal zu führen. Es bleibt zu hoffen, dass die Proteste in Indien den Westen zu einer Aufgabe seiner selbstzufriedenen Haltung inspirieren werden.

In den Entwicklungsländern sind Frauen besonders gefährdet. Durch ihre Bejahung von Selbständigkeit und Mobilität riskieren sie,  mit einer etablierten Exekutive und mit Medien in Konflikt zu geraten, die Frauen immer noch durch die pre-feministische Brille betrachten: „Brave Mädchen“, die zuhause bleiben, haben nichts zu befürchten, „böse Mädchen“ dagegen, die ihr Recht auf öffentlichen Raum beanspruchen, sind Freiwild.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust

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  1. CommentedMK Anon

    "Krishnan assailed the fact that the conviction rate for rape prosecutions in India has fallen from 46% in 1971 to just 26% today (which, it should be noted, is higher than the conviction rates in the United Kingdom, Sweden, and the United States)"
    Don't get it? What's the aim? High conviction rate for rape prosecution? What kind of justice is that? Everyone is innocent until proven guilty after judiciary investigation. In this case, the justice is doing its job right.

    Rape is also a weapon to be used against man as we can see in Assange's case. What we really need is to be able to rely on the justice to find who's guilty and who's not .. and not to reach a certain conviction rate level.

  2. CommentedLanieta Tukana

    This is a particular discourse that needs to be repeated time and again. Rape has become an act that is so deeply rooted in societies that treats this vile act as justifiable and at times necessary for pacifying women or having the illusion of control over them. It is high time govts, socities and individuals address this issue as it is: a reprehensible crime. India is alike some coutries in the cultural sense of wanting their women to have squeaky clean images before marriage or when dating although the modern thinking Indian might think otherwise. Thus when a young girl is raped, she will only be too reluctant to report it even to her immediate family as this brings shame to her family and their honour. So the question is, if the stats of rape in India is so high, and considering how rape is viewed in their society, why is it still taking the Indian govt so long to enact and enable laws to protect their women and girls? Does their cultural mindset have to change? Should the issue of sexual violence be included in their school curriculum? Many have suggested in articles that it would take India ten years or more to be able to change society's view on rape culture. They only have to look at their young daughters and their women to realise that change must surely come swiftly. It is horrific to think of rape as being tolerable in our society!

  3. CommentedARae M

    I admire your coverage on the horrible rape of the young woman in India. However, we have a similar situation that has happened in OUR OWN COUNTRY:

    In Steubenville, Ohio a group of high school football 'heroes' drugged and gang raped a 16 year old girl. This girl's was unconscious body was literally carried from party to party, she was continually raped, then urinated on by the perpetrators. The pictures and videos of the evening were sent out to MANY PEOPLE via social media. None of which reported this crime or tried to stop it. Two minors have been charged as they still had pictures/videos on their cell phones. There has been evidence of suppression by some of the local authorities. This happened in August of 2012 and is expected to go to trial within the next couple of weeks.

    There has been a media blackout to some extent on this story. CNN, however did report on this, including the two rallies in support of the victim. I am appalled at the corporate media not covering this story, but not surprised. Please help get this story out. This young girl suffered, too.

    AR

  4. CommentedSiddhant Madan

    Will India's demographic dividend spur its economic growth or could it also lead to a surge in rape cases?
    Indian policy makers must make sure to increase the literacy level analogous to the increase in the young demographic level.

  5. CommentedZsolt Hermann

    I see a lot of parallels between the Indian gang rape case, and the latest mass shooting in the US, not to mention that sexual assault, rape is definitely not an Indian issue but global.
    But the main problem is that in both cases people want a quick fix, to punish or remove the last part of the chain, the guns in the mass shooting case or the raping men in the case in India.
    Of course people do not want to tackle the much more complex and difficult issue, the responsibility of the whole society.
    There is no question about the need of reducing the access to guns in the US, or about the appropriate punishment for the criminals committing rape or any other violent attacks against women, or children. But even if a death penalty is given to those committing these crimes would not change the fundamental problems initiating such crimes.
    It is naturally a multi factorial question so let us just concentrate on the "freedom of women" we celebrate so much in western societies. Unfortunately I do not see any freedom.
    Society forced women to try to become men in terms of professions, work, positions in order to sustain themselves and their children, many times they are raising alone. The consumer brainwashing completely distorted the classical woman image, with the present external look and lifestyle they have become the caricature of themselves. Especially young women today have such look, and lifestyle that even 5-10 years ago would have identified them 100% as prostitutes.
    Even 13-14 year old teenagers have no other theme to talk or fantasize about but sex, getting high, getting laid, their lives are flowing in between weekend parties.
    Every form of media is pouring either violence or sex or both.
    And this "free, western" influence is washing over the whole globe, undermining thousand year old classical cultures, removing the family model, any moral or ethical framework.
    The only full solution is a totally new education program, to re-educate ourselves about the role of the family, the different but equal roles of men and women in families and in the society, and how we could build modern societies where such roles can be fulfilled comfortably, without any pressures or prejudice.

  6. CommentedM Patel

    A thought provoking article on same topic is here: http://www.rediff.com/news/column/view-is-rape-a-new-development-indicator/20121231.htm

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