Monday, July 28, 2014
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Das Europaproblem der Schwellenmärkte

PARIS: Von Hongkong bis São Paulo und allerorts dazwischen dominiert unter Großanlegern derzeit ein Wort: Griechenland. Werden die Griechen in der Eurozone bleiben? Und was wird aus der Europäischen Union und der Weltwirtschaft, wenn sie es nicht tun?

Bis vor kurzem war Europa eine Art Spiegel, der den wichtigen Schwellenländern die spektakuläre Beschaffenheit ihres eigenen Erfolges bestätigte. Sie konnten ihre hohen Wachstumsraten dem hohen Verschuldungsgrad Europas gegenüberstellen und dem den europäischen Geist beherrschenden Pessimismus ihre „positive Energie“ entgegensetzen. Sie waren nur zu gern bereit, Europa zu raten, härter zu arbeiten und weniger auszugeben; legitimer Stolz mischte sich mit dem verständlichen Wunsch, historische Rechnungen zu begleichen und ihr Erbe kolonialer Unterwerfung und Beschämung abzumildern.

Heute jedoch wächst in den Schwellenländern die Sorge über die von ihnen zu Recht erkannten ernsten Risiken, die von der übermäßigen Schwäche Europas – dem weiterhin führenden Handelsraum der Welt – für ihre eigenen Volkswirtschaften ausgehen. Darüber hinaus bedroht Europas Malaise angesichts der besonders in China engen Verbindung zwischen der Legitimität der bestehenden Ordnung und der Fortsetzung des starken wirtschaftlichen Wachstums zusätzlich die politische Stabilität vieler dieser Länder.

Sollte die Krise in Europa zum Rückgang des jährlichen BIP-Wachstums in China auf unter 7%, in Indien auf unter 5% und in Brasilien auf unter 3% führen, so wären die ärmsten Bürger dieser Länder am stärksten betroffen. Sie waren nie Bestandteil jener „Kultur der Hoffnung“, die sich überwiegend auf den materiellen Erfolg gründete und eine Schlüsselrolle beim Aufschwung dieser Länder spielte. Sollte die soziale Ungleichheit neue Höhen erreichen, könnten ihre Frustration und Ablehnung vollumfänglich zu Tage treten.

In diesem Fall könnte Europa für die Schwellenländer plötzlich zu einem Spiegel ganz anderer Art werden – einem Spiegel, der ihre eigenen strukturellen Schwächen aufzeigt, wenn nicht gar verstärkt. Und das ist der Grund, warum – genau wie Europa die griechische Volkswirtschaft oder die spanischen Banken um jeden Preis retten muss – die Schwellenländer alles in ihrer Macht Stehende tun müssen, um zur Rettung der europäischen Volkswirtschaft beizutragen. Und wie Europa gelernt hat, sind die Kosten hierfür umso höher und die Erfolgschancen umso niedriger, je länger man damit abwartet.

Leider ist es unwahrscheinlich, dass eine Gruppe von Ländern, deren einendes Merkmal primär die gemeinsame Verleugnung ihrer globalen Verantwortung ist, zu einer derartigen Schlussfolgerung kommen wird. Tatsächlich dürften sich die meisten Schwellenländer gegen die Idee, Europa finanziell zur Hilfe zu kommen, gleich aus mehreren Gründen sperren.

Erstens gibt es so etwas wie einen Block der Schwellenländer nicht. Sie sind nicht durch eine gemeinsame Vision ihrer Zukunft oder ein gemeinsames politisches Ideal, wie in der westlichen Welt die Demokratie, geeint. Was immer die Grenzen oder Widersprüche gemeinsamer Werte sein mögen, es wäre naiv, ihre Bedeutung zu leugnen. Europa und Vereinigten Staaten werden Verbündete bleiben, selbst wenn Barack Obama, wie Nicolas Sarkozy in Frankreich, nur eine Amtszeit als Präsident ausfüllen sollte.

Zweitens sind die Schwellenländer eher Europas Rivalen als seine Partner. Was beide eint, ist allein ihr gemeinsames Misstrauen gegenüber China. In einem derartigen Kontext ist es äußerst schwierig, eine gemeinsame langfristige Strategie zu entwerfen.

Die Chinesen mögen verkünden, dass sie tendenziell „langfristiger“ denken als die „allgemeiner“ denkenden Amerikaner und die „tiefer“ denkenden Europäer, wie es ein bekannter chinesischer Experte für internationale Beziehungen formuliert hat. Doch was die europäische Finanzkrise angeht, so scheint Chinas Verhalten von rein kurzfristigen taktischen Überlegungen bestimmt zu sein, auch wenn sich die chinesischen Investitionen in Europa in 2011 verdreifacht haben. Den halben Hafen von Piräus zum Schleuderpreis zu erwerben, mag vorteilhafter scheinen, als in die langfristige Konsolidierung der griechischen Volkswirtschaft zu investieren, aber stimmt dies wirklich?

Drittens basiert der kurzfristige Opportunismus der Schwellenländer auf einem zweifachen Misstrauen: gegenüber Europa, natürlich, aber zugleich paradoxerweise gegenüber sich selbst. Anders ausgedrückt, es fehlt ihnen das Vertrauen in ihre Fähigkeit, ihren Teil zu tun, um den kranken Mann der Weltwirtschaft zu retten, zu dem Europa sich entwickelt hat.

Sicher steht dies im Widerspruch zu dem triumphierenden Gehabe, das derzeit insbesondere von Asien ausgeht. Kishore Mahbubani aus Singapur, einer seiner außenpolitischen Vordenker, erklärte kürzlich auf einer von meinem Institut ausgerichteten Konferenz in Wien, dass das kommende Jahrtausend ein asiatisches sein würde. Und doch spürt man aufseiten der Eliten aus den Schwellenländern so etwas wie einen existenziellen Zweifel, den die europäische Krise noch verstärkt hat. Diese Unsicherheit manifestiert sich in vielerlei Weise: von der Anhäufung liquiden Vermögens als Versicherung gegen in- und ausländische Unsicherheiten bis zu der Entscheidung vieler, wenn nicht der meisten von ihnen, ihre Kinder im Ausland ausbilden zu lassen.

Tatsächlich könnte sich der kranke Mann, der Europa unbestreitbar und der Westen insgesamt möglicherweise ist, als widerstandsfähiger erweisen, und zwar aufgrund seiner eigenen natürlichen Abwehrkräfte: der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Dies ist der Grund, warum die gegenwärtige europäische Krise durchaus ein entscheidender Test für die Schwellenländer sein könnte, die zwar wirtschaftlich dynamischer sind als Europa, aber letztlich politisch anfälliger.

Übersetzung aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedMoctar Aboubacar

    One question not posed here is the question of where we are going. Become partners with Europe, assess risks within Europe as threats to Emerging countries... but to what end? The current crisis is not business as usual, and the 'normal' toolkit does not seem to be the correct answer. So saying emerging markets are "denying global responsibility", or proning increased partnership with Europe means next to nothing as long as the author has not made clear the normative framework within which he is working.

  2. CommentedRodrigo Braz

    I believe that the common feeling, at least here in Brazil, is that it is a little ridiculous to ask poor countries, Brazil still has many families living in slums or in the arid northeast, to bail out rich economies.

    I mean, sure the crisis is bad, but we literally have people starving here. So to ask us to pay up so that greeks can retain their 14 salaries a year is seen as unrealistic.

  3. CommentedZsolt Hermann

    Unfortunately this article is full of the misunderstandings that has led to the crisis.
    First of all the "mirror" the "emerging market" countries should see in Europe is like a little child who looks into the mirror and sees himself as an 80 year old old man full of diseases, wrinkles, suffering, hardly alive close to death.
    What the child should understand from that picture that as long as he tries to live the same life, follow the same pattern he will end up the same weak, suffering, unhappy old man that he sees in the mirror today.
    There is no Greek problem, there is no European problem. We have system crisis. Whatever method humanity has applied so far through our history, based on our self centered, greedy, exploitative nature, especially in the last 100 years has lead us into this mess, the dead end.
    We simply cannot escape this system failure with the same mentality, methodology we entered it. If any country want to learn anything from Europe or the US, or any other developed nation is that whatever they did, whatever they are still doing is not right and we have to go the opposite direction. Instead of living inside ourselves, devouring everything only for our own pleasures, we have to "step out" and start sharing and making connections.
    Regarding "rivals" appearing later in the article, today there are no rivals, only in our minds following old polarized patterns. In a global integral world, where we are all interconnected in the same network there are only partners, like cells, organs in a single body. Or as a leading economist phrased it we are all on the same boat, that boat is sinking.
    If we want to keep the boat floating, whether we like it or not we have to work together, above all our differences, rejections, cultural characteristics, hatred, unless the boat is robust and is sailing safely we are all doomed.

  4. CommentedJ. C.

    I think the first and biggest mistake of this guy is to treat "Emerging Markets" as whole, from then on he lost my attention.... As if Brazil was the same than China or Venezuela or Haití... shows a great ignorance and xenofobia...

  5. CommentedFrank O'Callaghan

    It is important to see and state the root causes of the current 'crisis'. The world is more productive and wealthy than it has been in all of history. But there is a problem of distribution of wealth, power, work and resources. Inequality is the threat.

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