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Latin America

Der Finanzhurrikan bricht über Lateinamerika herein

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2008-11-10

LOS ANGELES – Vor ein paar Wochen stand die Welt am Rande einer Katastrophe. Zum Glück verhinderten die entschlossenen Maßnahmen der Währungsbehörden in den Industrieländern – unter anderem die Bereitstellung von liquiden Mitteln in beispielloser Höhe – eine komplette Kernschmelze der Finanzmärkte. Die Welt ist der „Argentinisierung“ des internationalen Finanzsystems entgangen.

Was nicht verhindert wurde, ist eine tiefe, globale Rezession, die lang anhalten wird. In den kommenden Monaten wird nahezu jede Region der Welt eine Konjunkturverlangsamung erleben, bei der die Exporte abnehmen und die Arbeitslosigkeit steigt.

Die jüngsten Ereignisse haben die Vorstellung widerlegt, die aufstrebenden Nationen hätten sich von den fortgeschrittenen Wirtschaftsnationen „abgekoppelt“. Die Fakten zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die meisten aufstrebenden Wirtschaftsnationen sind immer noch zerbrechlich und von dem beeinflusst, was in den Industrieländern geschieht. Die Auswirkungen dieser Rezession werden in Lateinamerika besonders schwerwiegend sein.

Brasilien und Mexiko wurden bislang am härtesten getroffen, so stark, dass der Wert ihrer Firmen um ungefähr 50 % gesunken ist. Die Lage in diesen Ländern ist so ernst, dass die Vereinigten Staaten ihnen vor ein paar Tagen einen Kredit von bis zu $ 60 Milliarden gewährten.

Aber Brasilien und Mexiko sind nicht die einzigen Länder, die von der Unbeständigkeit der Finanzmärkte betroffen sind. Chiles Währung hat ein Drittel an Wert eingebüßt, in Peru sind die Kosten für Fremdfinanzierung explodiert und in Argentinien musste die Regierung zu extremen Maßnahmen greifen, unter anderem der Verstaatlichung des Rentensystems, um ein drohendes Finanzdesaster zu verhindern.

Da die Rezession womöglich 18 Monate oder länger dauert, was sie zur längsten seit dem Zweiten Weltkrieg machen würde, wird Argentinien eines der am stärksten betroffenen Länder sein. Sein Bedarf an Fremdfinanzierung ist gewaltig, und seine Exporte werden rapide sinken. Aber auch die Politik wird in Argentiniens wirtschaftlicher Notlage eine Rolle spielen.

Die Regierung von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner erzeugt bei den ausländischen Investoren, die willkürliche Maßnahmen fürchten, eine Menge Misstrauen. Die jüngste Entscheidung von Standard and Poor, Argentiniens Rating herabzusetzen, ist vollkommen gerechtfertigt und spiegelt die Angst vieler Analysten wieder, dass Argentinien die Schulden der öffentlichen Hand wieder nicht bedienen kann.

Mexiko und Mittelamerika werden ebenfalls unter der langen Rezession zu leiden haben. Seit vielen Jahren ist ihr ökonomisches Schicksal eng mit dem der USA verbunden. Diese Verbindungen haben mit dem Unterzeichnen bilateraler Freihandelsabkommen mit den USA zugenommen, sodass es wahrscheinlich ist, dass die beiden Länder, wenn die USA in eine Rezession eintreten, 2009 und vielleicht in der ersten Hälfte 2010 negatives Wachstum verzeichnen werden.

Von der Finanzkrise und der US-Rezession weniger betroffen sind diejenigen, die bei ihrer Entwicklung die asiatischen Nationen im Auge behalten haben – insbesondere Chile, Kolumbien und Peru – und Ressourcen akkumuliert haben, um unerwarteten Unwettern auf den Finanzmärkten zu begegnen. Sie werden ihr Beschäftigungsniveau schneller wieder erreichen.

Doch ist die wichtigste Frage, was in Brasilien passieren wird, Lateinamerikas Riesen. In den letzten Jahren haben Investoren überall auf der Welt angefangen, Brasilien als eine Wirtschaftsmacht im Kommen anzusehen. Es war die Rede von einem Wunder, und viele behaupteten, Brasilien werde so spektakulär wachsen wie China und Indien und nicht mehr das ewige Land „der Zukunft“ bleiben. Leider deutet alles darauf hin, dass es sich dabei um eine Illusion handelte, die auf Wunschdenken beruhte.

Brasiliens Boom der letzten Jahre stand auf einem unglaublich schwachen Fundament. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva entschied sich zwar dafür, den zügellosen Populismus des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu vermeiden, und wurde erfolgreich mit der Inflation fertig, doch bedarf es mehr, um eine große Wirtschaftsmacht zu werden.

Lula hat einfach beschlossen, dass Brasilien ein „normales“ Land wäre. Doch braucht es mehr als nur eine kontrollierte Inflationsrate, um eine stabile Wirtschaft mit einer hohen und stetigen Wachstumsrate zu schaffen. Agilität, Dynamik, Produktivität und eine Wirtschaftspolitik, die Effizienz und Unternehmensgeist fördert, sind vonnöten.

Wie viele Studien belegen, konnte – oder wollte – Brasilien nicht die Modernisierungsreformen umsetzen, die notwendig waren, um eine Produktivitätssteigerung zu fördern. Brasilien ist immer noch ein ungeheuer bürokratisches Land, dessen Bildungssystem in der Krise steckt, mit sehr hohen Schulden, einer mittelmäßigen Infrastruktur, Hindernissen für Unternehmensgründungen und viel Korruption.

Es ist traurig, aber wahr: In den letzten Jahren hat sich Brasilien nicht für Modernisierung und Effizienz entschieden und wird die Folgen in den schweren Jahren, die vor ihm liegen, zu tragen haben.

Sebastián Edwards ist Professor für Ökonomie an der UCLA und war Chefökonom für Lateinamerika bei der Weltbank.

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alexferro 06:18 19 Nov 08

You are probably right. Then again you won't believe how fast abureaucracy can move -- when it wants to.

alexferro


jlgaviao 05:07 21 Nov 08

Fully endorse your sentiment regarding Brazil. It is what it is, a boiling frog that it will survive only if something unexpected happens in the kitchen, which is not likely...


dmedina 09:40 25 Nov 08

Words come easy: "the rampant populism of Hugo Chávez"; but you do not say a word about how this financial hurricane will hit Venezuela. Exactly in the same way Lula "decide to avoid the rampant populism" of Chávez, you avoid to say anyhting about Venezuela beacuse you probably know that it is in a better position to face the crisis (not to avoid it, clearly).