Tuesday, October 21, 2014
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Aufklärung der Amerikaner über die muslimische Welt

NEW YORK – Präsident Barack Obama hat in seiner Grundsatzrede von Kairo der muslimischen Welt die Hand der Freundschaft entgegengestreckt – um damit Muslime für ein Miteinander in gegenseitigem Respekt zu gewinnen. Niemand hegt Zweifel an Obamas Aufrichtigkeit. Seit seinem ersten Tag im Amt betont er, wie wichtig es sei, in den Beziehungen zwischen den USA und der muslimischen Welt ein neues Kapitel zu beginnen.

Dieser Anspruch bleibt allerdings diffus, solange man sich nicht der traurigen Tatsache stellt, dass die meisten Amerikaner bedauerlich wenig über die grundlegenden Fakten des Islam sowie die geographische und kulturelle Vielfalt muslimischer Kulturen wissen.   

Die Mehrheit der Meinungsumfragen in den letzten vier Jahren zeigt, dass die Ansichten der Amerikaner über den Islam weiterhin als Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 betrachtet werden können. Umfragen der Washington Post/ABC News aus dem Jahr 2006 beispielsweise ergaben, dass beinahe die Hälfte der Amerikaner den Islam als „ungünstig“ einstufen und ein Viertel der Befragten einräumen, negative Gefühle gegenüber Muslimen zu hegen.  

Die amerikanischen Ansichten über die muslimische Welt sind vom Nahost-Konflikt und den Kriegen im Irak und in Afghanistan in einer Weise geprägt, dass es der Aufmerksamkeit der US-Bürger entgeht, dass die meisten Muslime in Asien leben oder dass es sich bei den vier Ländern mit den größten muslimischen Bevölkerungsanteilen – Indonesien, Pakistan, Indien und Bangladesh – um Kulturen mit Jahrtausende alten Traditionen der Koexistenz mit anderen Religionen und Kulturen handelt.  

Ein im Jahr 2005 veröffentlichter Bericht des Beirates für Kulturelle Diplomatie des US-Außenministeriums  fordert eine neue Vision kultureller Diplomatie, aufgrund derer „die nationale Sicherheit der USA in subtiler, weit reichender und nachhaltiger Weise“ gefördert werden könne.  Im Jahr 2008 brachte eine parteiübergreifende Initiative – das von der Organisation Search for Common Ground und dem Consensus Building Institute ins Leben gerufene US-Muslim Engagement Project— einen Bericht heraus, in dem man zu einer neuen Richtung in den Beziehungen zwischen den USA und der muslimischen Welt aufrief. Ein zentrales Anliegen dieser Bemühungen ist „die Stärkung des gegenseitigen Respekts zwischen Amerikanern und Muslimen auf der ganzen Welt.“  

Für die US-Bürger wird es Zeit,  die Obama-Administration in ihren Bestrebungen zu unterstützen, um tatsächlich ein neues Kapitel in den Beziehungen zur muslimischen Welt aufzuschlagen. Der erste Schritt besteht in einer gemeinsamen Aktion zur Aufklärung der Menschen über die vielfältigen Gesellschaften, in denen die 1 Milliarde Muslime dieser Welt leben.

Die Macht der Kultur besteht in ihrer Fähigkeit, Wahrnehmungen zu verändern. Vom 5. bis 14. Juni haben die New Yorker die Gelegenheit, im Rahmen der Veranstaltung „Muslim Voices: Arts and Ideas“ die beeindruckende Vielfalt muslimischer Kulturen zu erleben. Über 300 Künstler, Schriftsteller und Gelehrte aus über 25 Ländern, darunter auch die USA, werden zu diesem einzigartigen Festival mit zugleich stattfindender Konferenz erwartet.

Die Darbietungen umfassen eine atemberaubende Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen der muslimischen Welt. Dazu gehören traditionelle Präsentationen (Kalligraphie, sufistische Texte) ebenso wie zeitgenössische Vorführungen (Videoinstallationen, indonesisches Avantgarde-Theater und arabischer Hip-Hop). Bei einer parallel dazu stattfindenden Konferenz werden Wissenschaftler und Künstler aus aller Welt die Beziehungen zwischen kultureller Praxis und Public Policy untersuchen und neue Wege der kulturellen Diplomatie aufzeigen. Ein maßgebliches Ziel dieses Projekts ist, mit Stereotypen zu brechen und ein differenzierteres Verständnis muslimischer Gesellschaften zu erzeugen.

Trotz unseres Enthusiasmus über die Möglichkeiten dieser Initiative zu einer Verbesserung des Verständnisses beizutragen, sehen wir, dass eine künstlerische Darbietung, ein Film oder eine Ausstellung keine Lösung für alle Probleme liefern kann, die zwischen Amerikanern und der muslimischen Welt bestehen. Die aktuelle Distanziertheit hat ihre Ursachen in Unkenntnis ebenso wie in harten politischen Fakten, von denen viele darüber hinausgehen, was mit Kunst und Kultur realistischerweise bewirkt werden kann.

Dennoch sind  kulturelle Diplomatie und Initiativen wie „Muslim Voices“ in der Lage,  die Tür zur Realität der muslimischen Welt als vielfältigen Raum für erstklassige künstlerische Leistungen aufzustoßen. Das wiederum kann das Interesse fördern, harte politischen Themen mit gegenseitigem Respekt und einem Gefühl der Ebenbürtigkeit in Angriff zu nehmen.

Zu lange waren die Differenzen zwischen den USA und der muslimischen Welt nicht im Hinblick auf Vielfalt definiert, sondern als Grundlage eines permanenten weltweiten Konflikts. Wenn die Menschen allerdings an einer ästhetischen Erfahrung teilhaben, die sich auf eine spezielle Kultur bezieht und auch darüber hinausgeht, können sich Wahrnehmungen ändern.

Amerika ist hinsichtlich seiner nationalen und internationalen Geschichte an einem entscheidenden Punkt angelangt, an dem sich neue Hoffnungen auf interkulturellen Austausch, Dialog und gegenseitiges Verständnis ergeben. Präsident Obama und Außenministerin Hillary Clinton erklären, dass ihre Amtsperioden das Zeitalter „intelligenter Macht” sein werden, die sich aller ihr zur Verfügung stehender Instrumente der Diplomatie, einschließlich kultureller Diplomatie, bedienen wird.

Die USA müssen ihr Augenmerk wieder auf die Kunst als sinnvolle Möglichkeit zur Förderung eines stärkeren kulturellen Engagements und zur Schaffung neuer Kommunikationskanäle mit der muslimischen Welt legen. Dabei wird sich zeigen, dass die Beziehungen nicht nur durch politischen Konflikt bestimmt sein müssen. Vielmehr besteht jetzt die Chance, durch gemeinsame Teilnahme an der Vielfalt und Komplexität künstlerischer Ausdrucksformen Verbindungen zwischen Amerika und der muslimischen Welt zu definieren –  als entscheidenden Schritt in Richtung gegenseitigen Respekts. 

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