Wednesday, July 30, 2014
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Die neue Weltordnung der Wirtschaftswissenschaftler

In den meisten Zweigen der Wirtschaftswissenschaften verlässt man sich auf Konzepte, die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von dem britischen Ökonomen Alfred Marshall festgelegt wurden, der sagte, dass „die Natur keine Sprünge macht“. Doch irritiert uns Ökonomen in zunehmendem Maße die offensichtliche Unzulänglichkeit des neo-marshallschen Regelwerks, das wir uns zurechtgelegt haben, um unsere Welt zu erklären.

Die zentrale Behauptung dieses Regelwerks lautet, dass wir darauf vertrauen sollten, dass der Markt die Probleme lösen wird, die wir ihm stellen, und dass wir nicht erwarten sollten, dass kleine (oder sogar große) Änderungen riesige Auswirkungen hätten. Ein technologischer Sprung, der die Löhne der Qualifizierten und Gebildeten steigen lässt, wird andere dazu veranlassen, sich zu qualifizieren und zu bilden, und dadurch einen Ausgleich schaffen, so dass es keine zu großen Ungleichheiten gibt.

Ein Land, in dem die Arbeitsproduktivität niedrig ist, wird also zu einem attraktiven Gebiet für ausländische Direktinvestitionen, und die daraus resultierende Steigerung der Kapitalintensität steigert die Produktivität. Egal, wo man mit Marshalls Regelwerk auch hinschaut, man sieht, wie das wirtschaftliche Gleichgewicht alles zurück ins Lot bringt, indem die Auswirkungen von Schocks und Störungen kompensiert und abgeschwächt werden.

Marshalls Wirtschaftslehre hat sich großartig geschlagen und Ökonomen geholfen, die Welt zu verstehen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass für Fortschritt und Verständnis etwas Neues gebraucht wird – eine Wirtschaftslehre der positiven Kreisläufe, Schwellenwerte und Schmetterlingseffekte, in der kleine Änderungen sehr große Auswirkungen haben.

Vielleicht war das immer so. Nach den Maßstäben der letzten Jahrhunderte leben wir in einer Welt des unglaublichen Wohlstands. Innerhalb von zwei Generationen werden fast alle Menschen lesen und schreiben können.

Doch gab es auch vor dreihundert Jahren technologischen Fortschritt, angefangen bei der mechanischen Uhr und der Wassermühle über Kanonen und Karavellen bis zu Reissorten in Guangzhou, die dreimal im Jahr geschnitten werden können, und der Zucht von Merino-Schafen, die sich in den Hügeln Spaniens wohl fühlen. Doch trugen diese Innovationen lediglich zum Wachstum der menschlichen Bevölkerung bei, und nicht zur Steigerung des durchschnittlichen Lebensstandards.

Wenn wir heute das, was wir weltweit produzieren, gerecht aufteilten, würden wir dann einen Lebensstandard erreichen, der den unserer vorindustriellen Vorfahren zehnmal überträfe? Zwanzigmal? Hundertmal? Ist die Frage überhaupt sinnvoll?

David Landes erzählt gern die Geschichte von Nathan Meyer Rothschild, dem reichsten Mann der Welt in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, der in seinen Fünfzigern an einem entzündeten Abszess starb. Gäbe man ihm die Wahl, zwischen dem Leben, das er als Finanzprinz Europas führte, oder einem heutigen Leben mit einem eher niedrigen Einkommen, aber dreißig zusätzlichen Jahren, in denen er seine Urgroßenkel sehen könnte, wie würde er sich entscheiden?

Zweifellos leben wir heute in einer außergewöhnlich ungleichen Welt. Es gibt heute Familien in der Nähe von Xian, dem ehemaligen Zentrum des Reichs der Tang-Dynastie, mit einem Morgen trockenen Weizenfeldern und einer einzigen Ziege. An anderen Ecken der Welt gibt es Familien, die diese Weizenfarm mit einem einzigen Tageslohn kaufen könnten.

Marshalls Wirtschaftslehre – die Gleichgewichtsökonomie der komparativen Statistik, der Verschiebungen bei Angebots- und Nachfragekurven und der ausgleichenden Reaktionen – hilft dabei fast überhaupt nicht weiter. Warum stagnierten die durchschnittlichen Lebensstandards weltweit so lange? Warum war die Wachstumsrate in einem so kurzen Zeitraum einer außergewöhnlich schnellen Beschleunigung unterworfen? Wo ist die Wirtschaftslehre der Erfindung, Innovation, Anpassung und Verbreitung? Nicht bei Marshall. Und warum ist die heutige Welt so ungleich, dass es schwierig ist, irgendein Maß für die globale Verteilung zu finden, das keine Abweichung aufweist, zumindest bis in die 1980er?

Vor Generationen wiesen die Wirtschaftswissenschaftler Robert Solow und Moses Abramovitz bereits darauf hin, dass Marshalls Regelwerk ein klägliches Hilfsmittel darstellt, um modernes Wirtschaftswachstum zu verstehen. Die wirklichen Wachstumsmotoren sind nicht bei Angebot und Nachfrage oder beim Einsatz knapper Ressourcen für alternative Verwendungszwecke zu finden, sondern im technologischen und strukturellen Wandel – worüber Wirtschaftswissenschaftler wenig zu sagen haben.

Wirtschaftshistoriker wie Ken Pomeranz weisen zu Recht darauf hin, dass die Unterschiede der durchschnittlichen Lebensstandards in den Hochkulturen Eurasiens vor der industriellen Revolution verhältnismäßig gering waren. Im späten siebzehnten Jahrhundert hatte ein Bauer im Yangtse-Tal einen anderen Lebensstil als sein ländlicher Zeitgenosse im Themse-Tal, doch war dieser Lebensstil nicht deutlich besser oder schlechter.

Zwei Jahrhunderte später, war dies nicht mehr der Fall: Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Lebensstandard in Großbritannien und in anderen Ländern, auf die sich die industrielle Revolution ausgeweitet hatte, zum ersten Mal in der Geschichtsschreibung Lichtjahre höher als jedes neo-malthusische Existenzminimum. Die wirtschaftlichen Leistungen der frühen industriellen Ära wurden vollbracht, obwohl ein erheblicher Anteil des Nationaleinkommens für die Unterstützung einer korrupten, dekadenten und verschwenderischen Aristokratie verloren ging. Sie wurden vollbracht, obwohl sich die Bevölkerung verdreifachte, was einen außergewöhnlichen malthusischen Druck auf die der Wirtschaft zugrunde liegenden natürlichen Ressourcen ausübte, und obwohl ein einmalig hoher Anteil des Nationaleinkommens fast ein Jahrhundertlang für einen intensiven Krieg gegen Frankreich eingesetzt wurde, eine Macht mit dreimal so viel Einwohnern wie Großbritannien.

Wie genau wurden diese Leistungen vollbracht? Welche kleinen Unterschiede waren am Ende so wichtig?

Wirtschaftswissenschaftler bemerken nun, dass die interessantesten Fragen, die sich ihnen stellen, immer außerhalb der Reichweite von Marshalls Regelwerk liegen. Es liegt auf der Hand, dass die Wirtschaftswissenschaften – wenn sie erfolgreich sein und Fortschritte machen wollen – in einer Generation völlig anders sein müssen, als sie es heute sind.

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