Thursday, September 18, 2014
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Chinas Wachstumsherausforderung

PEKING – Der gerade beendete 18. Kongress der kommunistischen Partei Chinas wurde über die allgegenwärtigen Fernsehschirme in Zügen und U-Bahn-Stationen live übertragen. Die geschäftigen Einwohner von Peking schienen dem aber nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken: Für sie war es der ganz normale Lauf der Dinge.

Dass die chinesische Öffentlichkeit dem zeremoniellen Machtwechsel ihres Landes nur wenig Interesse entgegen bringt, überrascht kaum. Alle wichtigen Entscheidungen wurden bereits lange vor dem Kongress getroffen – hinter verschlossenen Türen und ohne viel Einfluss von außen. Allerdings wird erwartet, dass dieser scheinbar nahtlose Übergang ein komplexes und potenziell schwieriges Jahrzehnt für China einleitet – ebenso wie für den Rest der Welt.

China befindet sich an einem Wendepunkt. Angesichts von immer noch über 100 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze und einem nominalen Pro-Kopf-Einkommenvon nur etwas über 6.000 USD wird weiterhin ein deutliches Wachstum benötigt. Der scheidende Präsident Hu Jintao deutete an, dass das BIP und das Pro-Kopf-Einkommen sich bis 2020 verdoppeln sollten, was ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 7,5% voraussetzen würde. Kann dies erreicht werden?

Die kürzlichen Verbesserungen der Daten für Industrieproduktion, Anlageinvestitionen und Einzelhandelsverkäufe legen nahe, dass sich die chinesische Wirtschaft nach ihrer Verlangsamung der letzten Quartale wieder auf dem Weg der Besserung befinden könnte. Aber angesichts dessen, dass die wirtschaftlichen Aussichten Chinas stark von externen Bedingungen abhängen, bleiben die Behörden vorsichtig. Immerhin erwarten die meisten unabhängigen Wirtschaftswissenschaftler für 2013 bis 2017 jährlich 7 - 7,5% BIP-Wachstum, und der Internationale Währungsfonds sogar 8,2 - 8,5%.

Auf dem Kongress war wiederholt zu hören, dass Chinas Führung für die nächsten Jahre als ihre größte Herausforderung ansieht, den Übergang von exportorientiertem Wachstum zu einem Wirtschaftsmodell zu schaffen, das stärker auf Inlandskonsum beruht. Da die USA und Europa die chinesischen Exporte nur noch wenig unterstützen können, wird dies immer dringender. Tatsächlich wird China sein Wachstumsziel im Handelssektor von 10% für 2012 wohl nicht erreichen, obwohl die Exporte in Entwicklungsländer in den ersten neun Monaten des Jahres bereits über diesem Wert lagen.

Entscheidend für die Veränderung des chinesischen Wachstumsmodells sind Einkommenswachstum und eine geringere Sparquote der Haushalte – und beides erfordert grundlegende Reformen. So sollten Verbesserungen in den Bereichen Gesundheitsfürsorge, Ausbildung und Altenpflege und die Anpassung dieser Leistungen an die Bedürfnisse und Erwartungen der wachsenden Mittelklasse die Haushalte dazu bewegen, einen größeren Teil ihres Einkommens zu Konsumzwecken auszugeben. Ebenso würde durch die Erhöhung der Zinssätze auf Bankkonten eine Verminderung der Ersparnisse ohne Einkommensverlust ermöglicht.

Die Politik in China, das sich seit der Regierung von Deng Xiaoping vor 30 Jahren auf dem Weg zur Marktwirtschaft befindet, wird immer komplexer. Die Wirtschaft muss in die gewünschte Richtung gesteuert werden, ohne Instabilität zu verursachen, wofür die richtige Reihenfolge und Koordination politischer Maßnahmen entscheidend ist. Einige chinesische Kollegen meinten zu mir, der Erfolg der Reformen in den nächsten Jahren hinge mehr den je von guter Durchführung ab.

Insbesondere muss die neue Führung bei der Sanierung der Staatsbetriebe und der Liberalisierung der Banken die Verbindungen zwischen der Realwirtschaft und dem expandierenden Finanzsektor beachten. Die Preisgestaltung von Werten wie Rohstoffen oder Finanzanlagen sollte marktorientierter und transparenter, die Kapitalverteilung effizienter und Renditeorientierung sowie Korruption geringer werden. Darüber hinaus muss angesichts der stetig fortschreitenden Internationalisierung des Renminbi die Liberalisierung im Inland in Einklang mit stärkerer globaler Integration erfolgen.

Wie Hu bereits in der Eröffnungsrede des Kongresses andeutete, wird das Zentralthema der kommenden Jahre das Verhältnis zwischen Staat und Markt sein. Aber Reformen werden weiterhin allmählich und von oben herab stattfinden – insbesondere im Finanzsektor, auf den sich im nächsten Jahrzehnt die Bemühungen konzentrieren werden.

Viele Chinesen scheinen der Ansicht zu sein, Marktdisziplin werde zu fairem Wettbewerb und zur Überbrückung des immer größeren Grabens zwischen Reich und Arm führen. Die Einkommensverteilung in China hat sich sehr ungünstig entwickelt: Bei einem Gini-Koeffizienten von 0,438, der die Ungleichheit der Einkommen misst, liegt das Land näher an den Vereinigten Staaten als an den egalitären Gesellschaften Nordeuropas (mit Ausnahme Großbritanniens). Und die ungerechte Verteilung von Ressourcen, durch die so viele politisch gut vernetzte Individuen und Familien zu Reichtum gekommen sind, ist kaum noch erträglich.

Eine Schlüsselfrage für das nächste Jahrzehnt ist daher, ob die Wachstumsziele der chinesischen Regierung ausreichen, um im Zuge der langsamen Umsetzung weiterer wirtschaftlicher und politischer Reformen den sozialen Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Wenn der gesamtwirtschaftliche Kuchen weniger stark wächst, kann die soziale Stabilität nur durch größere Fairness gesichert werden. Dies scheint der neuen Führung klar zu sein. Aber ob sie in der Lage sind, die nötigen institutionellen Veränderungen durchzuführen, bleibt abzuwarten.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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  1. CommentedCarol Maczinsky

    The Chinese bubble will burst, no doubt about that. Then comes territorial desintegration of China and political turmoil.

  2. Commentedjames durante

    This is a good general overview. Perhaps more could be said about social disturbances not just in terms of income inequality and corruption but in regards to the related issue of the environment. This is the third leg of the stool so to speak. How will China keep up its breakneck growth rate while reversing the calamitous effects that growth has had on the land, air, water, people's health, and traditional ties to the land? More and more hostile protests break out over this than corruption (though, again, they are related).

    I don't see how the Party's announcement about a "social review board" could be taken at more than propaganda value by the Chinese people.

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