Monday, October 20, 2014
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Wachstum um jeden Preis?

STANFORD – Ständig werden wir mit Informationen über die angeblichen Risiken oder die Schutzwirkung von Nahrungsmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln, Chemikalien, Medikamenten oder Aktivitäten bombardiert. Ein Artikel in der Zeitschrift The Annals of Interneal Medicine berichtete im Juli zum Beispiel, dass Personen, die elf oder mehr Stunden pro Tag arbeiten, ein 67 prozentig höheres Risiko haben, an einem Herzinfarkt zu sterben, als Menschen, die sieben bis acht Stunden pro Tag arbeiten.

Was solche Studien allerdings nicht eindeutig festlegen können, ist, ob ein langer Arbeitstag Herzkrankheiten verursacht. Tatsächlich sorgt der Unterschied zwischen Zusammenhang und Ursache hinsichtlich wissenschaftlicher Studien immer wieder für Missverständnisse. Ein langer Arbeitstag ist möglicherweise nur ein Indikator für ein höheres Risiko, an Herzkrankheiten zu erkranken. Es könnte zum Beispiel sein, dass extrem gestresste Personen mit einer Persönlichkeit des Typus A, für die Cheeseburger mit Bacon und Sahnesaucen Grundnahrungsmittel sind, und die daher bereits ein erhöhtes langfristiges Risiko haben, an einer Herzkrankheit zu erkranken, auch tendenziell länger arbeiten.

Studien, die eine Beziehung zwischen einer Tatsache und einer gesundheitlichen Wirkung zeigen, sollten nichts weiter sein als ein Vorergebnis, das Wissenschaftler für die weitere Forschung und Analyse in eine bestimmte Richtung weist. Aber selbst professionelle Regulierer, die es besser wissen sollten, lassen sich manchmal von Fehlschlüssen dieser Art ablenken und zu Überreaktionen verleiten.

Vergangenen Dezember veröffentlichte die US-Behörde für Nahrungsmittel- und Medikamentensicherheit FDA eine Mitteilung zur Medikamentensicherheit. Sie befasst sich mit den Ergebnissen einer großen Studie, die in Frankreich durchgeführt worden war, der so genannten Santé Adulte GH Enfant oder SAGhE-Studie. Dieser Studie zufolge besteht ein erhöhtes Sterberisiko im Zusammenhang mit der menschlichen Wachstumshormontherapie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in Frankreich. In der behandelten Gruppe waren 93 Todesfälle aufgetreten, im Vergleich zu den 70 statistisch zu erwartenden Todesfällen.

Ein Zeitungsartikel berichtete über die Studie und die FDA-Warnung unter der Schlagzeile „Sterben Kinder für einen Zentimeter mehr?“. Formulierungen dieser Art beängstigen garantiert die zehntausenden Patienten (und die zahllosen Bodybuilder und Sportler, die entsprechende nicht zugelassene Präparate nehmen), die das Hormon während der letzten 26 Jahre eingenommen haben.

Das bringt uns wieder zu dem Verhältnis von Zusammenhang und Ursache. Die französische Studie hat alle Patienten, die das Wachstumshormon eingenommen haben, mit der allgemeinen Bevölkerung verglichen. Aber die beiden Gruppen sind nicht vergleichbar: Kinder, die das Medikament einnehmen, haben keinen normalen Wachstumsverlauf.

Wachstumshormone werden Kindern mit verschiedenen Arten der Kleinwüchsigkeit verabreicht, dazu gehören Kleinwüchsigkeit aufgrund einer Wachstumshormondefizienz mit unbekannter Ursache oder als Folge eines Verletzungstraumas oder einer Krebsbehandlung mit Strahlung, aus denen sich die Unfähigkeit der Hypophyse ergeben hat, das Hormon selbst zu produzieren. Es wird auch Kindern verschrieben, die aufgrund einer chronischen Niereninsuffizienz oder erheblicher genetischer Anomalien, wie dem Turner-Syndrom, dem Noonan-Syndrom und dem Prader-Willi-Syndrom nicht wachsen.

Diese Kinder sind schwer beeinträchtigt. Das Turner-Syndrom, eine Chromosomenanomalie, bei der die Geschlechtschromosomen teilweise oder ganz fehlen, äußert sich in verschiedenen Formen. Dazu gehören charakteristische körperliche Anomalien (oft nicht funktionierende Ovarien, die zu einem Ausfall der Menstruation und zu Sterilität führen) und verschiedene andere Gesundheitsprobleme wie angeborene Herzfehler, niedriger Schilddrüsenhormonspiegel und Autoimmunerkrankungen.

Das Noonan-Syndrom ist eine relativ häufig auftretende genetische Störung, die mit einer anomalen Entwicklung verschiedener Körpersysteme einhergeht, die ungewöhnliche Gesichtszüge, Kleinwüchsigkeit und Herzfehler hervorrufen. Das Prader-Willi-Syndrom kennzeichnet sich durch einen schwachen Muskeltonus, ein niedriges Geschlechtshormon-Niveau und eine Störung in dem Teil des Gehirns, der Gefühle von Sättigung bzw. Hunger kontrolliert, was zu Überernährung und Fettleibigkeit führt.

Bei diesen Patienten also dieselbe Sterberate zu erwarten wie bei der Allgemeinbevölkerung wäre so, wie Insulin dafür verantwortlich zu machen, dass Diabetiker früher sterben (die häufiger als Nicht-Diabetiker an Herz- und Nierenkrankheiten leiden). Es wäre tatsächlich eine große medizinische Neuigkeit, wenn es bei Patienten, die mit Wachstumshormonen behandelt werden, keine Zunahme der Sterberate gäbe, weil das implizieren würde, dass das Medikament eine lebensverlängernde Wirkung bei einer Population mit einer grundsätzlich kürzeren Lebenserwartung hat.

Ein anderes Ergebnis der SAGhE-Studie gibt Grund zur Skepsis in Bezug auf eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Medikament und der erhöhten Sterberate: die Ursache der Mortalität war mechanisch und physiologisch ganz anders, nämlich hauptsächlich Knochenkrebs, Herz-/Kreislauferkrankungen und zerebrovaskuläre Ereignisse. Eine engere, unimodale Manifestation von Toxizität wäre für die Feststellung einer Kausalität überzeugender.

Die amerikanischen Regulierer haben voreilig gehandelt. Die europäische Arzneimittelagentur war in ihrer Stellungnahme gemäßigter: „Auf Grundlage dieser Beobachtungsstudie allein kann ein Risiko nicht mit Gewissheit mit der Wachstumshormonbehandlung in Verbindung gebracht werden. Die Ergebnisse müssen bestätigt und durch weitere Analysen ergänzt werden.“

Es gibt einen reproduzierbaren, unleugbaren Zusammenhang zwischen Feuer und Feuerwehrfahrzeugen, aber das bedeutet nicht, dass letztere erstere verursachen. Wenn Sie oder ein Angehöriger unter der Aufsicht eines Arztes Wachstumshormone einnehmen, sollte das kein Anlass zur Beunruhigung sein.

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