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Latin America

Lateinamerikas gescheiterte makroökonomische Diktaturen

Enrique Dussel Peters

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2003-12-23

von Enrique Dussel Peters

In den Neunzigerjahren wurde den Lateinamerikanern auf die Schulter geklopft, weil sie sich zu guter Letzt von den Militärdiktatoren befreiten, die die Geschichte des Kontinents verschandelt hatten. Doch die Diktatur der Generäle wurde, leider, durch die Diktatur einer Idee ersetzt: makroökonomische Stabilisierung. Jetzt beginnt auch diese Diktatur zu bröckeln. Hoffentlich wird sie schnell begraben.

Infolge des völligen Zusammenbruchs Argentiniens und des nachlassenden Wirtschaftswachstums überall in der Region, sind die wirtschaftspolitischen Debatten intensiver geworden. Was, fragen die Menschen, hat Lateinamerika wirklich durch die restriktive makroökonomische Politik gewonnen, die es nach der Schuldenkrise der Achtzigerjahre weitestgehend verfolgt hat? Geht es den Menschen besser? Hat der Kontinent irgendetwas aus dieser Erfahrung gelernt? Ist es für diesen Diktator an der Zeit zu gehen?

Anfang der Achtzigerjahre, nach Jahrzehnten einer makroökonomischen Politik, die Importsubstitution in den Vordergrund stellte, steckten weite Teile Lateinamerikas in ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten dreistellige Inflation, riesige Haushaltsdefizite und negative Wachstumsraten. Daraufhin begann eine Gruppe lateinamerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, ausgebildet an amerikanischen Universitäten, eine vollkommen andere Entwicklungsstrategie anzuregen.

Sie argumentierten, dass eine Integration in den Weltmarkt makroökonomische Stabilität voraussetze. Ein Land nach dem anderen verlagerte die Produktion auf Exporte. Dieser Vision einer Entwicklung zufolge, sollte eine makroökonomische Politik die Inflation drosseln und Haushaltsdefizite im Zaum halten; Privatfinanzierung aus dem Ausland sollte zur wichtigsten Quelle für Investitionskapital werden.

Angesichts der Realität, die diese "Vision" hervorgebracht hat, wird sie heute für ihre Blindheit gegeißelt. Ihre Befürworter und Anhänger haben es versäumt, solche grundlegenden und traditionellen makroökonomischen Variablen wie Nachfrage, Produktion, Investition, Verbrauch, Beschäftigung, Löhne und die Einkommensverteilung zu berücksichtigen. Diese vernachlässigten Details sind mindestens seit den Sechzigerjahren Bestandteil der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Vielleicht gab es einen Grund, warum sie sich in dieser Rolle gefielen.

Welche Beispiele gibt es für die Folgen in Lateinamerika, Makroökonomie zum obersten Gebot zu erklären? Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) hat die Zeiträume von 1945 bis 1980 und von 1990 bis 2000 verglichen. Einige der wichtigsten Erkenntnisse sind:

? Von 1945 bis 1980 stieg die Inflation im Durchschnitt jährlich um 20%, in den Achtzigerjahren um 400% und in den Neunzigerjahren um 170%;

? Von 1990 bis 2000 sind die Exporte vier mal so viel gestiegen wie von 1945-1980, wobei Importe die Wachstumsrate der Exporte verdoppelten;

? Nur Argentinien und Chile wiesen von 1990 bis 2000 ein dynamisches Wirtschaftswachstum auf; im Jahr 2003 blieb Chile allein in dieser Kategorie zurück. Was das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf angeht, fiel die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Region von 3,1% in der Zeit von 1945-1980 auf 1,6% in den Jahren 1990-2000;

? Die Einkommensverteilung verschlechterte sich. In den Jahren von 1945-1980 lebten 35% aller Haushalte unterhalb der Armutsgrenze; in den Jahren von 1990-2000 stieg ihr Anteil auf 38%.

Obwohl es jahrelang nicht gelungen ist, die Einkommensverteilung zu verbessern oder echte Arbeitsplätze, Investitionen und lebenswerte Löhne zu schaffen, ist die Diktatur der Makroökonomie weiter fest verwurzelt. In der Hoffnung ausländische Investoren anzuziehen halten lateinamerikanische Regierungen hartnäckig daran fest, Haushaltsdisziplin und Inflationskontrolle Priorität einzuräumen.

Mexiko ist ein ausgezeichnetes Beispiel für diese fehlerhafte Politik. Von 2001 bis 2003 fiel das BIP Mexikos im Durchschnitt um 0,7% pro Jahr, 993 der Maquilas in ausländischem Besitz haben zugemacht, was den Verlust von mehr als 290,000 Arbeitsplätzen oder 27% aller Maquila Betriebe bedeutet. Die verarbeitende Industrie hat ebenfalls 660,000 Jobs eingebüßt 15% der Arbeitsplätze insgesamt.

Dennoch bedeutet das vorherrschende makroökonomische Gewicht, das der Kontrolle von Inflation und Haushaltsdefiziten beigemessen wird, dass ein realer Wechselkurs des Peso, der um 30% überbewertet wurde, einfach ignoriert wird und Bankdarlehen für den Produktionssektor schwinden. So finanzierten die Geschäftsbanken im Jahr 2003 lediglich 22% der Anzahl der Firmen, die sie noch im Jahr 1995 unterstützten. Der Produktionssektor wird kurzum zu Gunsten von Inflations- und Haushaltsdefizitkontrolle geopfert. Die Verfolgung dieser makroökonomischen Ziele war einer der Hauptgründe für Argentiniens wirtschaftliche Probleme.

Das Resultat ist eine gefährliche Polarisierung in ganz Lateinamerika. Große inländische und ausländische exportorientierte Unternehmen und Investoren erhalten auf Kosten des Produktivsektors und der Löhne den Vorzug. Die Diktatur der Makroökonomie neigt weder dazu, Zugeständnisse zu machen, noch aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen. Dies kann nur als Ergebnis einer manichäischen Ideologie erklärt werden, die darauf pocht, radikal zwischen makroökonomischer Stabilität und Chaos zu entscheiden.

Im Gegensatz zu dieser simplen Vision haben eine Gruppe von Wissenschaftlern aus den Universitäten der Region und Unternehmer wie Carlos Slim in Mexiko die Notwendigkeit einer Reform der Wirtschaftsreform vorgebracht. Sie fordern die Entwicklung einer Öffentlichkeitspolitik, die, gemeinsam mit privaten Initiativen, die Natinalökonomie umorientiert, indem sie Beschäftigung, Reallöhne und regionale Integration zum Kern einer neuen Entwicklungsstrategie macht, die bis weit in die Zukunft aufrechterhalten werden kann.

Es ist bereits klar, dass es unmöglich ist eine wirtschaftlich lebensfähige makroökonomische Politik mit einem krisengeschüttelten Produktionssektor aufrechtzuerhalten, der keine Arbeitsplätze schafft oder Einkommen einigermaßen gerecht verteilt. Weiterhin ist klar oder sollte durch die Erfahrungen Argentiniens und Boliviens klar geworden sein , dass soziale und politische Stabilität unmöglich erreicht werden können, wenn nichts unternommen wird, um dem Verfall der Reallöhne Einhalt zu gebieten, der einen großen und zunehmenden Teil der lateinamerikanischen Gesellschaft außen vor lässt.

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AUTHOR INFO

Enrique Dussel Peters is Coordinator of the China/Mexico Studies Center at the National Autonomous University of Mexico, http://www.dusselpeters.com.