Friday, October 24, 2014
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Haben die Vereinigten Staaten abgewirtschaftet?

In den letzten zehn Jahren wurde die Welt von jenen Amerikanern belehrt, die das US-amerikanische Wirtschaftssystem für perfekt hielten. Die besondere Bedeutung des Wettbewerbs, lockere Arbeitsbestimmungen und ein bescheidenes soziales Netz haben angeblich Dynamik und hohe Wachstumsraten hervorgebracht.

Den Kontinentaleuropäern wurde geraten, das Modell der USA zu übernehmen und die Arbeitsmärkte zu liberalisieren, so dass Firmen ohne finanzielle Einbußen neue Mitarbeiter einstellen können und Arbeitslose, die wieder einen Job finden, ihren Lohn nicht durch Kürzungen der staatlichen Zuwendungen schwinden sehen. Den Japanern wurde empfohlen, die Verluste, die ihnen ihr Bankensystem nach dem Platzen der japanischen Blase bescherte, zu verstaatlichen um dann jene Teile, die erfolgreich weitergeführt werden können wieder zu privatisieren. Der Rest sollte liquidiert werden. Den Tigerstaaten Ostasiens wurde nahegelegt, ihr deutsch-japanisches, auf Universalbanken beruhendes Finanzsystem abzuschaffen und durch das anglo-amerikanische Modell der liquiden Finanzmärkte zu ersetzten. Außerdem wurden sie dazu angehalten, effizientere Regulierungsmaßnahmen in ihrem Finanzsystem zu etablieren.

Andere Entwicklungsländer ließ man wissen, dass folgende Faktoren sie daran hindern, am Reichtum der neuen globalisierten Wirtschaft teil zu haben: ihre Handelsschranken, ihre Vorliebe für inflationsträchtige Finanzierungen, ihre erfolglose Politik gegen Steuerhinterziehung und ihr Mangel an starken Regierungen, die Eigentums- und Vertragsrechte gegen die Interessen der lokalen Prominenz, der organisierten Kriminalität und - ganz wichtig - gegen ihre eigenen Funktionäre durchsetzen können.

Nun ist die Zeit des "Zurückzahlens" gekommen. Amerika wird vom Rest der Welt belehrt, wie seine nicht mehr ganz so perfekte Wirtschaft zu retten sei. Kann diese Kritik aber konstruktiv, ohne jeden Anflug von Schadenfreude vorgebracht werden?

In erster Linie wird man den Vertretern des amerikanischen Finanzsystems wohl raten, sich einmal alle guten Ratschläge zu Herzen zu nehmen, die man bislang Anderen erteilt hat. In manchen Ländern stehen die Manager unter der Kontrolle großer Universalbanken, deren Vertreter im Aufsichtsrat der Unternehmen sitzen und über umfangreiche Aktienstimmrechte verfügen. In vielen anderen Ländern unterstehen Manager der Kontrolle plutokratischer Familien, die an der Spitze von Firmenpyramiden stehen und spezielle Aktien halten. Das amerikanische Modell der "Corporate Governance" gründete sich auf folgende Faktoren:

· Das Versagen der Manager gilt als Auslöser für feindliche Übernahmen;

· schon vor einer Übernahme sollten Manager vor einer Revolte ihres Aufsichtsrates auf der Hut sein, vor allem wenn die Aufsichtsräte vermuteten, dass ihr Unternehmen das Ziel einer feindlichen Übernahme werden könnte;

· Manager mussten unter allen Umständen für eine gute Performance sorgen, da ihre eigenen Aktienoptionen und andere, erfolgsabhängige Vergütungen ihr Schicksal mit dem der Aktionäre und des Unternehmens verband.

Innerhalb dieser Beschränkungen allerdings hatten amerikanische Manager sehr viel weiter gehende Freiheiten als ihre ausländischen Kollegen, so dass ihre Entscheidungen auch nicht behindert oder hinterfragt wurden.

All das sollte für Dynamik sorgen. Damit dieses System funktioniert, müssen Investoren allerdings über solide Informationen zu Unternehmen mit weniger guter Performance verfügen und das Einkommen der Top-Manager muss der Performance des Unternehmens entsprechen.

Stattdessen etablierte sich ein allzu ungezwungener Umgang mit der Buchführung und die Entlohnung der Manager verlief nach dem Motto "Wenn du Erfolg hast, kriegst du was, wenn du keinen Erfolg hast, bewerten wir deine Optionen neu und du kriegst trotzdem was". So ist es auch kein Wunder, dass Bosse, die nicht mit starken Gewinnen aufwarten konnten, die Bücher oft mithilfe angeblich unabhängiger Wirtschaftsprüfer frisierten.

Unter diesen Umständen ist auch niemand, und schon gar nicht die Wirtschaftsprüfer, die mit Unternehmensberatung mehr verdienen, als mit der Buchführung einer Firma, kurzfristig daran interessiert, den Markt mit präzisen (in diesem Fall schlechten) Informationen zu versorgen. Daher müssen andere Länder den Amerikanern sagen, dass sich der Staat hier nicht aus der Verantwortung stehlen und diese Aufgabe dem Markt überlassen kann. Präzise Wirtschaftsinformation ist die Aufgabe des Staates. Und obendrein kann die Gier der Bosse nicht der einzige bestimmende Faktor bei der Festsetzung der Managergehälter sein.

Unglücklicherweise ist die derzeitige Regierung in Amerika heftig bemüht, die Bedeutung gewisser Tatsachen herunterzuspielen. Hierzu gehören beispielsweise die zeitgerechte Information über Insiderhandel (der Präsident selbst unterließ das, als er noch Geschäftsmann war), die zeitgerechte Informationen über einen veränderten Ausweis nicht realisierter Gewinne (was bei Halliburton unter der Führung des jetzigen Vizepräsidenten Dick Cheney geschah) und die Verpflichtung der Chefs über Betrügereien ihrer Untergebenen Bescheid zu wissen (im Gegensatz zu dem, was der jetzige Verteidigungsminister White vorgab, als er noch für das operative Energiegeschäft bei Enron zuständig war).

Amerika sollte auch daran erinnert werden, dass seine Bevölkerung immer älter wird und dass die großen Ersparnisse für die Pensionszahlungen an die Generation der Babyboomer benötigt werden. Vor zwei Jahren war die Sicherung des amerikanischen Pensionssystems das politische Mantra. Finanzieren wollte man das mit dem enormen Budgetüberschuss. Mit den Steuersenkungen von Präsident Bush aber wurden diese Überschüsse verschleudert. Riesige Defizite stellten sich wieder ein. Amerika muss daran erinnert werden, dass sein Pensionssystem eine tickende Zeitbombe ist, deren Entschärfung das vorrangige Ziel zu sein hat.

Schließlich kam es in Amerika den letzten zwei Jahrzehnten zu einem gesellschaftlichen Wandel von einer Mittelstandsgesellschaft, ähnlich der in europäischen Sozialdemokratien, hin zu einem Gebilde mit einer derartigen Konzentration des Reichtums, wie man ihn vor dem ersten Weltkrieg nicht gekannt hat. Eine treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist, dass sich Amerika von seinem Schwerpunkt auf Bildung zurückgezogen hat.

Durch die schlechter werdende Qualität der öffentlichen Schulen, die Reduktion der finanziellen Mittel für öffentliche höhere Schulen und mangelnden politischen Willen, höhere Bildung für jedermann erschwinglich zu machen, entstand eine ständig wachsende Kluft zwischen denjenigen, die sich Bildung leisten können und denjenigen, deren finanzielle Mittel nicht dafür reichen. Obwohl der Bedarf an mehr privaten und öffentlichen Investitionen in das Bildungswesen vom wirtschaftlichen Standpunkt gesehen, größer als je zuvor ist, können sich die meisten Menschen nicht genug ersparen, um sich Bildung auch leisten zu können. Obendrein kommt der Bildung, entgegen allen Aussagen von Politikern, nicht jener bundespolitische Stellenwert zu, den sie verdient.

Nachdem Amerika so lange Zeit eine Vormachtstellung innehatte, sollte es die Schelte von heute mit Würde ertragen. Wenn der Rest der Welt wirklich helfen möchte, sollte man Amerika in der von mir beschriebenen Weise raten. Einige unter uns werden diese Ratschläge möglicherweise beherzigen.

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