Die US Federal Reserve steht vor einem Dilemma, denn sie muss angesichts einer hurrikanverheerten Volkswirtschaft die Zinsen weiter erhöhen. Das Versäumnis der Federal Reserve, die Zinsen eher anzuheben, stellt daher eine wichtige Lehre für die Europäische Zentralbank dar: Nach einer langen Phase der Geldstabilität bei ungewöhnlich niedrigen Zinssätzen kann es gefährliche Folgen haben, wenn man zu lange wartet, die Zinsen auf ein normaleres und angemesseneres Niveau anzuheben.
Die Federal Reserve hat die Normalisierung der Zinssätze zu spät eingeleitet, und nun zahlt sie den Preis dafür. Die EZB darf nicht denselben Fehler machen – selbst wenn man berücksichtigt, dass die beiden Zentralbanken in unterschiedlichen Milieus und unter unterschiedlichen Einschränkungen agieren.
Warnsignale einer bevorstehenden Inflation gibt es in der Eurozone zuhauf. Das Geldmengenwachstum liegt bereits seit einiger Zeit deutlich über den Zielwerten, ein Anzeichen für einen Liquiditätsüberschuss. Die Gesamtteuerungsrate für die Eurozone lag im September bei 2,6% und damit über dem Zielwert der EZB von 2%. Gleiches gilt für die jüngste Prognose zur Inflationsentwicklung in 2006. (Die aktualisierten Prognosen werden Anfang Dezember veröffentlicht.) „Die Phase der Zurückhaltung bei Löhnen und Gehältern geht möglicherweise zu Ende,“ warnt Otmar Issing, Chefökonom der EZB, und impliziert damit, dass die steil ansteigenden Energiepreise sich möglicherweise nun auf das allgemeine Preisniveau niederschlagen (so genannte „Zweitrundeneffekte“).
Unter diesen Umständen gibt es keinen guten Grund, mit einer Zinserhöhung zu warten. Je länger die Energiepreise ihr gegenwärtiges hohes Niveau beibehalten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflationserwartungen zunehmen werden und sich Zweitrundeneffekte einstellen werden. Ein weiteres Hinausschieben der Zinsnormalisierung durch die EZB könnte durchaus zu einem üblen Anstieg der Inflation führen. Dies währe eine Katastrophe für die Konjunkturerholung in Europa, da die EZB dann keine Wahl hätte, als hart auf die monetäre Bremse zu treten.
Niemand will dies. Deshalb wäre eine Anhebung um 50 Basispunkte zum gegenwärtigen Zeitpunkt – die eine fortdauernde Konjunkturerholung ermöglicht, indem sie die Inflation im Zaum hält – besser, als eine drei- oder viermal so starke Erhöhung zu einem späteren Zeitpunkt. Das alte Sprichwort sagt: „Ein Gramm Vorsorge ist besser als ein Pfund Heilung.“ Dies gilt mit besonderem Nachdruck für die Geldpolitik.
Wenn man sich das Resultat der Sitzung des EZB-Rates vom letzten Monat ansieht, so scheint dieses Gramm an Vorsorge für die Wirtschaft der Eurozone kurz bevorzustehen.
Tatsächlich hat sich das Tempo, mit dem die EZB während der jüngsten Monate Inflationswarnungen ausgesprochen hat, gesteigert: Aus der früheren „Wachsamkeit“ wurde im September „besondere Wachsamkeit“ und im Oktober „hohe Wachsamkeit in Bezug auf Teuerungsgefahren“. Der EZB-Rat läuft Gefahr, dass ihm die Adjektive ausgehen – und dass er seine Glaubwürdigkeit verliert –, wenn er nicht bald eingreift.
Der Ton von EZB-Präsident Jean-Claude Trichets Bemerkungen in der Frage- und Antwortstunde der sich an die Sitzung vom Oktober anschließenden Pressekonferenz war ungewohnt zinsbullisch. Trichet schien sich für eine präventive Vorgehensweise auszusprechen, als er sagte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass es zu Zweitrundeneffekten kommt.“ Zum ersten Mal war der EZB-Präsident bereit, öffentlich zuzugeben, dass der Zentralbankrat das Für und Wider einer Zinserhöhung auf der Sitzung diskutiert hatte.
Trotzdem wurden die Zinssätze im Oktober als „noch immer angemessen“ beschrieben, was signalisiert, dass die sich EZB noch nicht entschieden hat, in den sauren Apfel zu beißen. Eine unerwartete Konjunkturverlangsamung oder ein starker Anstieg des Euro könnten die unausweichliche Zinserhöhung selbstverständlich hinausschieben. Klar jedoch scheint, dass die EZB die Pressekonferenz im Oktober genutzt hat, um Politiker, Gewerkschaften und die Märkte zu warnen, dass die lange Phase geldpolitischer Inaktivität zu Ende geht. Der Ausstieg hat begonnen.
Nicht alle sind über diese Nachricht glücklich. Politiker – wie Jacques Chirac in Frankreich, Silvio Berlusconi in Italien und auch ECOFIN (die Finanzminister der EU-Mitgliedsstaaten) – drängen nach wie vor auf stabile, sogar noch niedrigere Zinssätze.
Für die Politiker ist es allerdings einfach, eine unverantwortliche Geldpolitik an den Tag zu legen. Sie sind es nicht, denen man die Schuld gibt für steil ansteigende Preise, oder die den bösen Geist der Inflation wieder in die Flasche hinein zwängen müssen.
Indem sie konstant auf niedrigere Zinsen drängen, als die EZB sie liefern kann, bauen die Politiker die Zentralbank zum Sündenbock für die schwache wirtschaftliche Entwicklung Europas auf. Die Entwicklung in Europa ist schwach, so argumentieren sie, nicht aufgrund ihres eigenen Versäumnisses, Strukturreformen anzuführen, sondern weil die Zinsen zu hoch sind.
Gleichzeitig müsste die EZB nicht annähernd so weit gehen wie die Federal Reserve, die die Zinsen bei elf aufeinander folgenden Sitzungen jeweils schrittweise um 25 Basispunkte erhöht hat – wobei das nicht das Ende ist. Im Falle der EZB dürfte zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Erhöhung um 50 Basispunkte ausreichen, und danach könnten die Zinsen vermutlich eine Weile so bleiben, wie sie sind.
Die Federal Reserve hat zu lange gewartet, um den Normalisierungsprozess einzuleiten, und weil sie die Zinsen in der Abschwungsphase des Zinszyklus aggressiver gesenkt hat, muss sie sie während des Zinsaufschwungs nun auch aggressiver anheben.
Dies ist nicht die Art von sprunghafter Geldpolitik, wie Europa sie will oder braucht.


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