NEW YORK: Viele Linke misstrauen der Vorstellung, dass wirtschaftliches Wachstum in den Entwicklungsländern zur Reduzierung der Armut beiträgt. Eine wachstumsorientierte Politik ziele auf die Steigerung des Bruttosozialprodukts ab und nicht auf eine Linderung der Armut; der Schlüssel zur Armutsreduzierung sei Umverteilung. Diese Behauptungen freilich sind nicht durch entsprechende Belege gestützt.
Nun wissen Entwicklungsökonomen seit den 1950er Jahren, dass eine Zunahme des Bruttosozialprodukts nicht mit zunehmendem Wohlstand gleichzusetzen ist. Doch selbst vor der indischen Unabhängigkeit betrachtete die indische Führung Wachstum als Grundvoraussetzung für die Reduzierung der Armut und die Verbesserung sozialer Standards. In ökonomischer Hinsicht war Wachstum ein Instrument – und kein Ziel –, mittels dessen die wahren Ziele wie die Reduzierung der Armut und der soziale Aufstieg der Massen erreicht werden sollten.
Vor einem Vierteljahrhundert habe ich auf die beiden unterschiedlichen Weisen hingewiesen, auf die sich Wachstum so auswirkt. Erstens verschafft es den Armen eine Erwerbsbeschäftigung und trägt so dazu bei, sie aus der Armut zu befreien. Höhere Einkommen versetzen sie in die Lage, ihre privaten Ausgaben für Bildung und Gesundheit zu erhöhen (so, wie es in Indien während der jüngsten Phase beschleunigten Wachstums der Fall gewesen zu sein scheint).
Zweitens erhöht Wachstum die Staatseinnahmen, was bedeutet, dass die Regierung potenziell mehr für die Gesundheit und Bildung der Armen ausgeben kann. Natürlich gibt ein Land nicht zwangsläufig mehr Geld für derartige Dinge aus, nur weil es höhere Einnahmen erzielt; und selbst wenn es das tut, ist nicht gesagt, dass die Programme, die zu finanzieren es sich entscheidet, auch effektiv sind.
In nahezu vorsätzlicher Ignoranz der Tatsache, dass sich das wachstumszentrierte Modell immer wieder bewährt hat, propagieren die Skeptiker ein alternatives „redistributives“ Entwicklungsmodell, das ihrer Ansicht nach größere Auswirkungen auf die Reduzierung der Armut hätte. Die Kritiker des Wachstumsmodells argumentieren, dass es zwingend erforderlich sei, schnellstmöglich mit der Umverteilung von Einkommen und Vermögen zu beginnen. Der indische Bundesstaat Kerala und das Land Bangladesch seien Beispiele, wo Umverteilung und nicht Wachstum die Situation der Armen stärker verbessert hätten als im restlichen Indien.
Doch wie der Ökonom Arvind Panagariya von der Columbia University in seiner jüngsten Arbeit zeigt, waren Keralas Sozialstatistiken schon vor Einführung des aktuellen Umverteilungsmodells besser als jene im Rest des Landes. Zudem profitiert Kerala enorm von Überweisungen seiner Gastarbeiter im Nahen Osten – ein Faktor, der nichts mit seiner Umverteilungspolitik zu tun hat. Was Bangladesch angeht, so rangiert es auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen (einer zugegebenermaßen problematischen Quelle) hinter Indien.
In verarmten Ländern, in denen die Zahl der Armen die der Reichen enorm übersteigt, würde eine Umverteilung den Konsum der Armen nur minimal – vielleicht um einen Chapati pro Tag – steigern, und diese Steigerung wäre im Zusammenhang niedriger Einkommen und eines hohen Bevölkerungswachstums nicht nachhaltig. Kurz gesagt ist Wachstum für die meisten Entwicklungsländer die Hauptstrategie für eine integrative Entwicklung, d.h. eine Entwicklung, die die ausgegrenzten und besonders armen Mitglieder einer Gesellschaft bewusst einbindet.
Doch die politische Nachhaltigkeit eines Modells, das in erster Linie auf Wachstum setzt, erfordert sowohl symbolische als auch materielle Anstrengungen. Während die Armen vom Wachstum profitieren, profitieren die Reichen häufig überproportional. Um also dafür zu sorgen, dass die Armen weiter zu dem System stehen, wenn ihre wirtschaftlichen Sehnsüchte erst einmal geweckt sind, täten die Wohlhabenden gut daran, sich weniger demonstrativ dem Konsum hinzugeben.
Zugleich – und dies ist noch wichtiger – brauchen die Armen einen stärkeren Zugang zur Bildung, um ihre wirtschaftlichen Chancen und soziale Mobilität zu verbessern. „Weniger Exzesse und mehr Zugang“ muss das Prinzip werden, das die Entwicklungspolitik leitet.


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