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Hat der Kapitalismus Zukunft?

NEW YORK – Während sich das Jahr 2008 dem Ende näherte, begannen viele Europäer vom Ende des Kapitalismus zu sprechen. Sie haben vergessen, dass der Kapitalismus in Europa bereits in den 1930er Jahren einmal der Planwirtschaft und dem Korporatismus weichen musste, häufig mit Gewalt, um in nur einer Handvoll von Ländern in den 1980ern wiederbelebt zu werden.

Angesichts der aktuellen Finanzkrise – der letzten in einer ganzen Reihe, die der Kapitalismus erlebt hat – kann man zu Recht fragen, ob die Vorteile des Kapitalismus, wenn es überhaupt welche gibt, immer noch größer als die Nachteile sind. Obwohl Marx eine beträchtliche Bewunderung für den Kapitalismus zugab, wird nun vorgeschlagen, dass das Gute daran – das Unternehmertum – genetisch in ein anderes System verpflanzt werden kann, ohne die Destruktivität, für die der Kapitalismus anfällig ist.

Der Kapitalismus wurde zuerst dafür bewundert, „fortschrittlich“ zu sein, wie Marx es ausdrückte. Als die Produktivität stieg, fiel sie nicht wieder zurück. Tatsächlich stieg mit dem allmählichen Entstehen des Finanzkapitalismus um ca. 1820 die Produktivität in einem europäischen Land nach dem anderen – Großbritannien, Belgien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Die Produktivität steigerte sich sogar noch stärker in den Vereinigten Staaten – und fing dort eher an zuzunehmen. Die dürftigen historischen Daten, die zur Analyse zur Verfügung stehen, deuten darauf hin, dass die Löhne (nach unten bereinigt um plötzliche Inflationssprünge in den vorhergehenden Jahrzehnten und nach oben um die Deflation in den folgenden Jahren) gegen 1820 in ähnlicher Weise anfingen zu klettern.

Heutzutage stellt sich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung die Frage, ob ein Produktivitätswachstum, das über das gewaltige heutige Niveau hinausgeht, einen großen Wert darstellt, im Vergleich zu den furchterregenden Kosten, die in den meisten Diskussionen als unabänderlich hingenommen werden. Doch ist diese modische Hypothese meiner Meinung und empirischen Forschung nach nicht haltbar.

Zuallererst stellen sich die Europäer den Kapitalismus als „freien Markt“ und Laissez-faire vor. Doch bedeutet Kapitalismus eine Offenheit für Innovation von unten nach oben. Der Kapitalismus bedroht nicht per se die sozialen Vorteile.

Die modische Hypothese bestreitet selbst den offensichtlichsten Vorteil. Ich gestehe zu, dass die Gehälter meiner überbezahlten Freunde hoch genug sind, um praktisch all ihre absehbaren Bedürfnisse zu erfüllen. Selbst mein eigenes Gehalt reicht aus, um meine eigenen zu erfüllen. Doch führen Produktivitätssteigerungen nahezu immer zu Lohnerhöhungen in der gesamten Wirtschaft. Und eine Erhöhung des allgemeinen Lohniveaus stellt einen sozialen Wert dar, der ungeheuer vorteilhaft ist.

Die Erhöhungen ermöglichen es mehr Menschen, sich von langweiliger, ermüdender oder beschwerlicher Arbeit zu befreien und dafür stimulierender, interessanter und geistig anspruchsvoller Arbeit nachzugehen. Die „dunklen, satanischen Fabriken“ aus Marx’ Zeiten sind dank größerer Produktivität verschwunden, nicht dank mehr staatlicher Regulation.

Die nächste Schwierigkeit mit dieser modischen Hypothese ist, dass die meisten der angeblichen Kosten illusorisch oder erfunden sind. Die Vorstellung, dass ein gut funktionierender Kapitalismus einen schwachen Arbeitsmarkt schafft, der zu höherer Arbeitslosigkeit und geringerer Partizipation der Arbeiterschaft führt, kann nicht aufrechterhalten werden. Im Gegenteil: Die Innovationen, die vom Kapitalismus angeregt und ermöglicht werden, schaffen Arbeitsplätze – in neuen Unternehmen, die gegründet werden, um neue Ideen zu entwickeln, im Marketing und im Management, das mit neuen Organisationen und Werkzeugen Schritt halten muss.

Die Vorstellung, dass einfache Leute von dem Gedanken gequält werden, dass andere Menschen über ein außergewöhnliches Vermögen verfügen, wird ebenfalls in modernen Kreisen kultiviert, ohne Vorlage irgendwelcher Beweise. Die meisten Menschen sind praktisch genug veranlagt, um zu sehen, dass es, wenn sie z.ampnbsp;B. zu bestimmten Tests ins Krankenhaus gehen müssen, darauf ankommt, dass die richtige Diagnoseapparatur für sie vorhanden ist, nicht darauf, ob es irgendwo anders einen besseren Apparat für andere gibt.

Zwar schafft der Kapitalismus Zerrüttungen und Ungewissheit, doch sollten wir die andere Seite der Medaille nicht aus den Augen verlieren. Dem Kapitalismus gelingt es auf einzigartige Weise, Unternehmer dazu anzuregen, neue kommerzielle Ideen zu erträumen und für den Markt zu entwickeln und bei den Verbrauchern freudige Erregung über die Entdeckung des Neuen zu erzeugen.

Vielleicht war die größte Errungenschaft des Kapitalismus die Umwandlung der Arbeitswelt von der Routine und somit Langeweile in eine Arbeitswelt des Wandels, der geistigen Anreize, Herausforderung, Problemlösung, Erforschung und manchmal der Entdeckung. Es stimmt zwar, dass die Fließbandarbeit, eine hirntötende Tätigkeit, seit der von Adam Smith 1776 beschriebenen Stecknadelfabrik bis zu Henry Fords riesigen Werken in den 1920er Jahren ein Merkmal des Kapitalismus war. Doch auch das kommunistische Russland und das sozialistische Europa konnten es sich nicht leisten, ohne Fließbänder auszukommen. Und dank des Produktivitätswachstums liegt ein immer höherer Anteil von Arbeitsplätzen außerhalb von Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben.

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts feierte Europa, von Wien über Berlin und Paris bis nach London, bereits die Umstrukturierung des Geschäftslebens. Selbstverständlich sahen sie, dass diese Aufregung und Tätigkeit ihren Preis an Schwierigkeiten und Besorgnis hatten. Doch wollte die Mehrheit nicht zur Beschaulichkeit der Vergangenheit zurückkehren.

Dennoch kehrten sie dazu zurück, wenn auch nicht beabsichtigt, als planwirtschaftliche und korporatistische Änderungen in den wirtschaftlichen Institutionen Innovation und Ehrgeiz drosselten, mit dem Ergebnis, dass die Arbeitswelt in Europa wieder so stupide wurde, wie sie es in der Vergangenheit gewesen war.

Heute schlagen intellektuelle Menschen, die es gut meinen, vor, dass wir das Unternehmertum wiederbeleben können, aber so, dass es in eine neue Wirtschaftsform eingebettet wird, die sich an sozialen Investitionen orientiert – um die Erderwärmung zu bekämpfen, Energiesparmöglichkeiten zu entwickeln und so weiter. Das Problem bei dieser Denkweise ist, so glaube ich, dass sie die Wirtschaft bürokratisieren wird, einen großen Anteil der Ausgaben an staatliche Behörden verteilen und vielen Unternehmen staatliche Verträge geben wird.

An sich ist das vielleicht kein Problem. Doch wird es das werden, wenn es die Fähigkeit Einzelner behindert, Innovationen für einen offenen Markt zu schaffen. In den 1930ern gab es ein natürliches Experiment, das diese These auf die Probe stellte: Die frisch bürokratisierten Volkswirtschaften Westeuropas wurden im Hinblick auf Innovationen von der relativ unbürokratischen US-Wirtschaft bei Weitem übertroffen.

Obwohl 2008 für die Weltwirtschaft ein Jahr der Herausforderungen war, bin ich daher sicher, dass diejenigen Länder, die Wert auf Innovation legen, gut beraten sind, den Kapitalismus zu behalten.

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