WASHINGTON, D.C.: Immer noch spaltet die erhitzte Debatte über die Ursachen der Finanzkrise von 2007-2009 die Vereinigten Staaten. Ist die Regierung schuld an dem, was schief gegangen ist, und, falls ja, in welchem Sinne?
Im Dezember meldete sich nun die republikanische Minderheit im Untersuchungsausschuss zur Finanzkrise, der Financial Crisis Inquiry Commission (FCIC), mit einer präventiven Darstellung ihrer Sicht der Dinge zu Wort. Laut dieser Gruppe brachte eine fehlgeleitete Regierungspolitik, die darauf abzielte, die Eigenheimquote bei den relativ armen Leuten zu steigern, zu viele von diesen dazu, Subprime-Hypotheken abzuschließen, die sie sich nicht leisten konnten.
Diese Geschichte könnte eine Menge Unterstützung erhalten, insbesondere im von den Republikanern kontrollierten Repräsentantenhaus und im Vorfeld der 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen. Die Republikaner in der FCIC schreiben sehr beredsam. Aber können sie ihre Behauptungen auch belegen? Liegt die Verantwortung für die schwerste Finanzkrise in den USA seit mehr als einer Generation bei den Armen?
Nicht laut Daron Acemoglu vom MIT (mit dem ich zu anderen Themen publiziert habe), der seine Ergebnisse Anfang Januar auf der Jahrestagung der American Finance Association vorstellte. (Die Folien seines Vortrages sind auf seiner Website beim MIT abrufbar.)
Acemoglu gliedert die Darstellung der Republikaner in drei klar voneinander abgegrenzte Fragen. Erstens: Gibt es Belege dafür, dass die Politiker in den USA auf die Vorlieben oder Wünsche von Wählern mit niedrigerem Einkommen eingehen?
Die wissenschaftlichen Belege zu diesem Punkt sind weniger eindeutig, als man sich wünschen würde, aber was wir haben – z.B. die Arbeiten von Larry Bartels von der Universität Princeton – legt nahe, dass in den letzten 50 Jahren praktisch die gesamte politische Elite der USA aufgehört hat, die Vorlieben der Wähler mit niedrigem bis mittlerem Einkommen zu teilen. Die Ansichten der Mandatsträger haben sich immer stärker jenen Meinungen angenähert, die man normalerweise an der Spitze der Einkommensverteilung findet.
Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, warum es zu dieser Änderung kam. In unserem Buch 13 Bankers verweisen James Kwak und ich auf die zunehmende Rolle der Wahlkampfspenden, die engen personellen Beziehungen zwischen der Wall Street und Washington und vor allem eine ideologische Verlagerung hin zu der Sichtweise, dass Finanzwirtschaft gut, mehr Finanzwirtschaft besser und eine Finanzwirtschaft, die keinerlei Einschränkungen unterliegt, am besten ist. Die logische Schlussfolgerung hieraus ist klar: Die Stimmen und Interessen der kleinen Leute zählen in der amerikanischen Politik kaum.
Acemoglus Auswertung der jüngsten Forschungsergebnisse zum Lobbyismus besagt, dass Teile des privaten Sektors sich eine Lockerung der Finanzregeln wünschten – und hart arbeiteten und viel Geld ausgaben, um dies zu erreichen. Der Anstoß für einen großen Subprime-Markt ging vom privaten Sektor aus: von „Innovationen“ der riesigen Hypothekenbanken Countrywide, Ameriquest und vielen anderen, die von den großen Investmentbanken unterstützt wurden. Und, um es deutlich zu sagen, es waren einige der größten Akteure der Wall Street, nicht überschuldete Hauseigentümer, die im Gefolge der Krise großzügige staatliche Rettungsgelder erhielten.
Acemoglu nächste Frage ist, ob es Belege dafür gibt, dass sich die Einkommensverteilung in den USA in den späten 1990er Jahren verschlechterte, was dann Politiker dazu brachte, die Kreditvergabe an Leute, die „ins Hintertreffen gerieten“, zu erleichtern? Tatsächlich hat die Ungleichheit der Einkommensverteilung in den USA in den letzten 40 Jahren stark zugenommen, aber die zeitlichen Abläufe stimmen überhaupt nicht mit der hier untersuchten Geschichte überein.
So wissen wir etwa aus Arbeiten, die Acemoglu gemeinsam mit David Autor (ebenfalls MIT) erstellt hat, dass die Einkommen der obersten 10% während der 1980er Jahre steil anstiegen. Die wöchentlichen Einkommen der ärmeren 50% und der untersten 10% wuchsen zu dieser Zeit nur langsam, aber in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verdienten die Menschen am unteren Ende der Einkommensverteilung tatsächlich vergleichsweise gut. Also hatte im Vorfeld des Subprime-Wahnsinns, der am Anfang des neuen Jahrhunderts einsetzte, niemand mehr zu kämpfen als zuvor.
Acemoglu verweist – unter Rückgriff auf Daten von Thomas Piketty und Emmanuel Saez – außerdem darauf, dass die Dynamik bei der Lohnverteilung für das oberste Prozent der Gehaltsempfänger in den USA anders aussieht. Wie bereits Thomas Philippon und Ariell Reshef vergeschlagen haben, scheint der starke Anstieg der Verdiensthöhe stärker mit der Deregulierung des Finanzsektors (und möglicherweise anderer Sektoren) in Verbindung zu stehen. Anders ausgedrückt: Die großen Gewinner aller Arten von „Finanzinnovationen“ während der letzten drei Jahrzehnte waren nicht die Armen (oder selbst die Mittelschicht), sondern die Reichen – diejenigen, die bereits vorher hoch bezahlt wurden.
Abschließend untersucht Acemoglu die Rolle der Unterstützung durch die US-Bundesregierung für den Eigenheimbereich. Es stimmt, dass die USA den Eigenheimerwerb schon seit langem subventionieren – überwiegend über die Steuerabzugsfähigkeit von Hypothekenzinsen. Doch erklären diese Subventionen in keiner Weise den Zeitpunkt des Booms auf dem Eigenheimsektor und die haarsträubende Vergabe von Hypothekenkrediten.
Die Republikaner in der FCIC weisen die Schuld entschieden Fannie Mae, Freddie Mac und anderen staatsnahen Unternehmen zu, die Eigenheimkredite durch Garantien verschiedener Art förderten. Wo sie Recht haben, ist, dass Fannie Mae und Freddie Mac zu groß waren, um sie scheitern zu lassen, was es ihnen ermöglichte, selbst billigere Kredite aufzunehmen und größere Risiken einzugehen – mit zu wenig Eigenkapital, um ihre riskanten Engagements zu stützen.
Doch während Fannie Mae und Freddie Mac ins Geschäft mit fragwürdigen Hypotheken einstiegen (insbesondere mit sogenannten Alt-A-Hypotheken) und in gewissem Umfang mit Subprime-Kreditanbietern zusammenarbeiteten, waren dies relativ kleine Sachen, die erst gegen Ende des Zyklus passierten (d.h. etwa 2004-2005). Der Hauptanstoß für den Boom ging von der Gesamtmaschinerie der sogenannten „Private-Label-Verbriefungen“ aus – und die war, ganz wie der Name sagt, in privater Hand. Tatsächlich versuchten, wie Acemoglu aufzeigt, die mächtigen Akteure des privaten Sektors konsequent, Fannie Mae und Freddie Mac an den Rand zu spielen und sie von den schnell wachsenden Marktsegmenten auszuschließen.
Die Republikaner in der FCIC haben Recht, wenn sie die Regierung ins Zentrum dessen rücken, was falsch lief. Nur war dies kein Fall der Überregulierung und des Übers-Ziel-Hinausschießens. Im Gegenteil: Dreißig Jahre 30 Deregulierung des Finanzsektors – ermöglicht dadurch, dass sie Herzen und Köpfe von Regulierern und Politikern auf beiden Seiten des politischen Spektrums gewann – verschafften einer kleinen Elite des privaten Sektors (überwiegend an der Wall Street) nahezu alle mit dem Eigenheimboom einhergehenden Gewinne.
Die Kosten wurden dem Rest der Gesellschaft aufgebürdet, insbesondere ihren relativ ungebildeten und schlecht bezahlten Mitgliedern, die jetzt ihre Häuser, Arbeitsplätze, Hoffnungen für ihre Kinder oder alles zusammen eingebüßt haben. Diese Menschen haben die Krise nicht verursacht. Aber sie sind es, die dafür geradestehen müssen.


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