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Hat die Entwicklungspolitik in Kenia versagt?

Nairobi – Vor einem Monat erlitt Kenia im Anschluss an die Wahlen einen plötzlichen Gewaltausbruch, der 1000 Tote und Hunderttausende von Flüchtlingen forderte. Intensität und Ausmaß der Gewalt haben die Welt erschüttert.

Selbstverständlich hat Kenia auch zuvor schon angespannte Wahlperioden erlebt, und wenigen Afrikakennern blieben die vielen Schwierigkeiten verborgen, mit denen das Land weiterhin zu kämpfen hatte. Doch schien es in letzter Zeit gut zu laufen. Der Wahlkampf verlief dieses Mal außergewöhnlich friedlich, und Millionen von Bürgern wählten am 27. Dezember – wobei sie manchmal stundenlange Fußmärsche und Warteschlangen in Kauf nahmen, um ihre Stimme abzugeben.

Ganz grundsätzlich wurde Kenia unbestritten als der „Musterschüler“ im Fach Entwicklung angesehen und manchmal als Symbol für das Wiedererwachen Afrikas bezeichnet. Der Rahmenplan „Kenya Vision 2030“, eine Sammlung ehrgeiziger makroökonomischer, juristischer und konstitutioneller Reformen, wurde in enger Zusammenarbeit mit der Weltbank umgesetzt.

Das von der Gebergemeinschaft hochgeschätzte Kenia erhielt 2006 fast $ 1 Milliarde offizielle Entwicklungshilfe – eine Steigerung um 250 % seit 2002. Seine boomende Gartenbau- und Tourismusindustrie wurde als Modell für andere afrikanische Staaten hochgehalten, die sich um eine Einbindung in den Welthandel bemühten. Die wirtschaftliche Expansion des Landes, die in den letzten vier Jahren durchschnittlich 5,5 % betrug und auch in den benachbarten Wirtschaftsräumen zu Fortschritten führte, schien zu beweisen, dass ein kräftiges Wachstum in Afrika auch ohne mineralische oder fossile Ressourcen möglich ist. Heute hängt dieses Wirtschaftswunder völlig in der Luft.

Es ist nicht alles verloren, und es gibt gute Gründe zu glauben, dass die Kenianer die aktuelle politische Krise überstehen und das Land wieder zurück auf seinen vielversprechenden Kurs bringen werden. Doch zumal wir uns am Rande des Abgrunds befinden, lohnt sich trotzdem eine erneute Überprüfung unserer Vermutung, dass die sozioökonomische Entwicklung, da Armut zu Konflikt führt, politische Stabilität fördern und den Einsatz von Gewalt verringern muss.

Die erste Lehre, die wir aus diesem Monat der Bürgerunruhen ziehen sollten, lautet, dass Entwicklung nicht alle Probleme lösen kann, egal wie gut sie gesteuert wird. Manche Spannungen sind tief in der Gesellschaft verwurzelt, und zum Frieden bedarf es mehr, als irgendeine Entwicklungsbehörde geben kann. Parallel zur Wachstumsagenda sollten bilaterale und multilaterale Diplomatie speziell dazu eingesetzt werden, eine bessere Staatsführung zu unterstützen.

Tatsächlich erzeugt Entwicklung selbst verschiedene Belastungen für eine Gesellschaft, die direkte Ursachen für Konflikte sein können. Der rasche Identitätswandel aufgrund von Urbanisierung, der steigende Einfluss von Frauen oder der Empfang ausländischer Medien tragen zur Schwächung traditioneller Normen und sozialer Netzwerke bei. Außerdem führt Wirtschaftswachstum zumindest am Anfang häufig dazu, die Ungleichheiten innerhalb eines Landes zu verstärken , da einige Gemeinden oder Einzelpersonen von steigenden Einkommen profitieren und andere nicht.

Da Entwicklung die traditionellen Machtzentren verschiebt, kann sie kollektive Ressentiments schüren. Bis zur ethnischen Manipulation ist es nur ein kleiner Schritt, den viele Politiker bereit sind zu gehen.

All das widerlegt jedoch nicht die Verbindung zwischen Entwicklung und Frieden und kehrt die Wechselbeziehung auch nicht um. Im Großen wie im Kleinen können Entwicklungsprojekte und Wirtschaftswachstum viel dazu beitragen, einige der strukturellen Ursachen für politische Gewalt einzudämmen. Doch sollten Entwicklungshelfer, deren erste Pflicht darin besteht, „keinen Schaden anzurichten“, über ein größeres Bewusstsein für die komplexen Belastungen verfügen, denen Gesellschaften während der Entwicklungsphase ausgesetzt sind. Auch in Kenia war dieses Feingefühl in unseren Organisationen und Projekten nicht ausreichend vorhanden.

Letztlich ist die gesteigerte wirtschaftliche Aktivität, die Entwicklung hervorbringt, die einzige Möglichkeit, Ungleichheiten zu verringern, insbesondere im Kontext eines rapiden Bevölkerungswachstums. Es ist einfacher, an der gerechten Aufteilung eines wachsenden Kuchens zu arbeiten, als an der eines schrumpfenden.

Zudem kann schnelles, aber schlecht verteiltes Wirtschaftswachstum von Programmen begleitet werden, die sich auf die Zurückbleibenden konzentrieren, und somit deren Groll lindern. Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der aktuellen Gewalttaten in Kenia in den Slums der Großstädte begangen wird. Wäre den offensichtlichsten Ungleichheiten des Landes mehr Aufmerksamkeit gewidmet worden, z. B. beim Zugang zu Wasser, Wohnraum oder Arbeit, so hätte die Bevölkerung vielleicht nicht Gewalt als Mittel gewählt, um den Wandel voranzutreiben.

Wir sollten die richtigen Lehren aus Kenia ziehen: Sozioökonomischer Fortschritt bleibt unser bestes Instrument, um Konflikte langfristig zu verhindern. Doch ist die Beziehung zwischen Wachstum und politischer Stabilität subtiler und weniger linear, als wir glauben möchten. Entwicklung ist keine Wunderlösung gegen Gewalt und kann selbst Missstände hervorrufen – vor allem wenn sie ohne Berücksichtigung der jähen Veränderungen betrieben wird, die sie der jeweiligen Gesellschaft bringt. Kenia ist kein Beispiel für das Versagen von Entwicklung, sondern für einen fortschreitenden Entwicklungsprozess: komplex, leistungsstark und dennoch zerbrechlich.