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Von der Zentralbank zur zentralen Planung?

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2008-09-26

BERKELEY – Seit über 170 Jahren geht man von der Lehrmeinung aus, dass man sich nicht auf die Märkte verlassen kann, wenn es einen Liquiditätsengpass gibt. Wenn sogar die Preise von sicheren Anlagen fallen und die Zinssätze in die Höhe schießen, da Händler sowie Finanziers zusammen mehr liquide Mittel wollen, als derzeit vorhanden sind, ist es einfach nicht sicher, es den Märkten zu überlassen, die Dinge zu regeln.

In solchen Zeiten müssen die Zentralbanken einschreiten und den Preis für flüssige Mittel auf einem vernünftigen Niveau festlegen, also einen zentral geplanten und regulierten Preis bestimmen, anstatt ihn je nach Angebot und Nachfrage des privaten Sektors frei schwanken zu lassen. Das ist die Lehre vom „Lender of last resort“ – dem Kreditgeber der letzten Instanz.

Über die Hälfte dieser Zeit – ungefähr 85 Jahre lang – wurde zudem von der Lehrmeinung ausgegangen, dass man sich auf die Märkte auch in normalen Zeiten nicht verlassen kann, aus Furcht, dass dies zu einem Liquiditätsengpass oder einer Inflationsblase führen könnte. Also müssen die Zentralbanken den Preis für liquide Mittel auf dem Markt tagein, tagaus festlegen.

Laut den Anhängern von Knut Wicksell muss die Zentralbank den Marktzins in der Nähe des natürlichen Zinssatzes halten. Nein, meinten die Anhänger von John Maynard Keynes, sie muss die Schwankungen des Instinktverhaltens in der Wirtschaft ausgleichen, um die Gesamtnachfrage zu stabilisieren. Im Gegenteil, sagten die Anhänger von Milton Friedman, sie muss die um die Umlaufgeschwindigkeit bereinigte Wachstumsrate der Geldmenge stabil halten. Tatsächlich ist es so, dass man, wenn man eines dieser Dinge tut, sie alle erledigt hat, da es sich um drei Möglichkeiten handelt, das zu beschreiben, was im Grunde dieselbe Aufgabe und dieselbe Wirklichkeit ist.

Während also sozialdemokratische Prinzipien, staatliche Wegweiser und zentralisierte Planung an anderer Stelle in der Wirtschaft mal mehr und mal weniger präsent waren, entwickelte sich die Sozialdemokratie in der kurzfristigen Finanzierung immer stärker und besser. Zunächst setzten die Zentralbanken die Regeln des freien Marktes bei Liquiditätsengpässen außer Kraft. Dann legten sie den Liquiditätspreis als einen regulierten Preis in normalen Zeiten fest. Anschließend befreiten sie sich völlig von jeglichem Kontakt zu ihren politischen Herren: Sie wurden zu unabhängigen Technokraten, einer Priesterschaft des Geldes, die in delphischen Phrasen sprach, die für Normalsterbliche unverständlich waren.

Die Rechtfertigung für dieses System war, dass es gut zu funktionieren schien – oder zumindest nicht so schlecht wie das Zentralbanksystem, das blind am Goldstandard festhielt, bzw. überhaupt kein zentrales Bankwesen. Diese Insel der staatlichen Planung inmitten der Marktwirtschaft war eine merkwürdige und rätselhafte Besonderheit – umso mehr, weil so wenige bemerkten, wie merkwürdig sie war. Es gab keine Forderungen nach einer Regel, die ein fünfprozentiges Wachstum der Kilowattstunden vorgab, dagegen gab es Forderungen nach einer Regel, die ein fünfprozentiges Wachstum der Geldmenge M2 empfahl. Es gab keinen Zentralen Automobilrat, der den Preis von Fahrzeugen in gleicher Weise festlegte, wie der Zentralbankrat den Tagesgeldpreis festlegte.

Doch nun scheint es so, als hätten wir trotz alledem noch nicht genug zentrale Planung im Finanzwesen gehabt. Denn obwohl die zentrale Bankbehörde den Liquiditätspreis regulierte, wurde der Preis für Risiko der Gnade oder Ungnade des Marktes überlassen. Und eben dieser Preis für Risiko ist der Ursprung unserer aktuellen Notlage.

Die Weltwirtschaft ist nicht mit einem Liquiditätsengpass konfrontiert. Bei weitem nicht: Zweijährige US-Treasury Notes mit einem Nennwert von $ 1000 verschaffen einem $ 998 in bar – der niedrigste Liquiditätspreis seit der Weltwirtschaftskrise und Japan in den 1990er Jahren.

Doch sind die Risikoprämien für Anlagen, die nicht aus dem US-Finanzministerium stammen, in unglaubliche Höhen hochgeschnellt: Die jährliche Zinsprämie für ein Depositenzertifikat, das von einer privaten Bank ausgestellt wurde, liegt derzeit bei fünf Prozentpunkten. Und dieser Anstieg der Risikoprämie droht die globale Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu führen und die Finanzmärkte aus einem Spektakel der Schadenfreude in eine unheilvolle Quelle für Arbeitslosigkeit und still stehende Fabriken weltweit zu verwandeln.

Die US-Notenbank Federal Reserve, das US-Finanzministerium, die Europäische Zentralbank, die Bank of England und andere öffentliche Finanzregulierungsbehörden werden dazu gedrängt, ihre Rollen weiter auszubauen. Das Finanzministerium und die Federal Reserve fügen den Bilanzen der US-Hypothekenriesen Fannie Mae und FHLBC sowie denen des Versicherungsriesen AIG derzeit Vorzugsaktien hinzu, in der Hoffnung, ihre Kapitalpolster zu stützen und ihre Kreditkosten zu senken, sodass sie mehr Hypotheken kaufen können.

Das US-Finanzministerium hat um die Erlaubnis gebeten, Hypotheken in Höhe von $ 700 Milliarden zu kaufen, um diese aus den Büchern des privaten Sektors herauszunehmen. Die Nachfrage nach diesen risikoreichen Anlagen zu steigern und das Angebot zu verringern, ist eine Möglichkeit, ihren Preis zu manipulieren. Die Fed und das US-Finanzministerium haben einen Weg eingeschlagen, der darin mündet, den Preis für Risiko auf den Finanzmärkten zusammen mit dem Liquiditätspreis zu einem regulierten Preis zu machen.

Auf diese Weise sind die Zentralbanken überhaupt erst entstanden: Den Markt und nichts als den Markt über den Preis liquider Mittel entscheiden zu lassen, wurde für die Geschäftsleute, die wählten, und die Arbeiter, die Regierungen stürzen konnten, für zu kostspielig gehalten. Nun sieht es so aus, als würde man es für die heutigen Wähler und Wahlkampfspender ebenso als zu kostspielig ansehen, allein den Markt über den Preis für Risiko entscheiden zu lassen.

J. Bradford DeLong ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley und war Staatssekretär im US-Finanzministerium.

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AUTHOR INFO

J. Bradford DeLong, a former assistant secretary of the US Treasury, is Professor of Economics at the University of California at Berkeley and a research associate at the National Bureau for Economic Research.