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Marx wirft wieder seinen Schatten

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2008-01-30

Vor eineinhalb Jahrhunderten sagte Karl Marx ebenso düster wie überschwänglich voraus, dass der sich entwickelnde moderne Kapitalismus nicht in der Lage sein würde, eine annehmbare Einkommensverteilung hervorzubringen. Der Wohlstand werde wachsen, behauptete Marx, doch würden nur wenige davon profitieren, nicht die Masse: Der Wald der erhobenen Arme, die nach Arbeit suchten, würde immer dichter werden, während die Arme selbst immer dünner würden. Diese Ungerechtigkeit würde Revolte und Revolution heraufbeschwören, die zu einem neuen, besseren, gerechteren, wohlhabenderen und bei weitem egalitäreren System führen würden.

Seitdem verdient ein guter Teil der Wirtschaftswissenschaftler sein tägliches Brot damit, geduldig zu erklären, warum Marx Unrecht hatte. Ja, der anfängliche Ungleichgewichtsschock der industriellen Revolution war und ist mit rasant zunehmender Ungleichheit verbunden: Es bieten sich neue Gelegenheiten für aggressives und unternehmerisches Handeln, und die Marktpreise für seltene Schlüsselfertigkeiten schnellen in die Höhe.

Doch war dies nur vorübergehend – oder sollte es sein. Eine technologisch stagnierende Agrargesellschaft ist zwangsläufig äußerst ungleich: Durch Gewalt und Betrug drücken die oberen Schichten den Lebensstandard der Bauern auf das Existenzminimum und nehmen den Überschuss als Pacht für das Land, das ihnen gehört. Die hohe Pacht, die an adlige Grundbesitzer gezahlt wird, vergrößert ihren Reichtum und ihre Macht, da sie ihnen die Ressourcen gibt, um die Bauern klein zu halten und den Überschuss zu erhöhen – schließlich können sie nicht mehr Land erzeugen.

Im Gegensatz dazu, behaupteten viele Wirtschaftswissenschaftler, sei eine technologisch fortschreitende Industriegesellschaft zwangsläufig anders. Erstens sind die Schlüsselressourcen, für die hohe Preise erzielt werden und die somit Wohlstand erzeugen, nicht begrenzt wie Land, sondern variabel: Die Fertigkeiten ausgebildeter Arbeiter und Ingenieure, die Energie und Erfahrung von Unternehmern und Maschinen und Gebäude können allesamt vervielfacht werden. Deshalb führen die hohen Preise für knappe Ressourcen nicht zu politischen Null- oder Negativsummenspielen, bei denen Werte abgetreten werden, sondern zu ökonomischen Positivsummenspielen, bei denen mehr gelernte Arbeiter und Ingenieure ausgebildet sowie mehr Unternehmer und Manager angeleitet werden und mehr in Maschinen und Gebäude investiert wird.

Zweitens gleicht eine demokratische Politik den Markt aus. Der Staat sorgt für die Ausbildung und investiert, wodurch das Angebot an Facharbeitern steigt, ihr Lohn sinkt und die Ertragsrate für physisches Kapital sinkt. Er bietet außerdem eine Sozialversicherung, indem er die Wohlhabenden besteuert und das Geld in Form von Beihilfen an die weniger Begünstigten umverteilt. Der Ökonom Simon Kuznets vermutete, dass die Industrialisierung durch einen steilen Anstieg der Ungleichheit gekennzeichnet sei, auf die ein Absinken auf ein sozialdemokratisches Niveau folge.

Doch hat das Vertrauen in die „Kuznets-Kurve“ in der letzten Generation abgenommen. Sozialdemokratische Regierungen mussten sich gegen diejenigen verteidigen, die behaupten, die Umverteilung von Vermögen verlange dem Wirtschaftswachstum einen zu hohen Preis ab, und sie waren nicht in der Lage, die Wähler davon zu überzeugen, einen weiteren massiven Ausbau des Hochschulwesens zu finanzieren.

Auf Seite der privaten Anbieter haben höhere Erträge nicht zu größeren Investitionen in Menschen geführt. Das Lohnniveau für College- oder Highschool-Absolventen liegt derzeit zwar bei 100 %, doch wird diese Generation weißer, männlicher, gebürtiger Amerikaner am Ende wohl nicht mehr Bildung erhalten als ihre direkten Vorgänger. Zudem haben höhere Entgelte für diejenigen, die sich an der immer enger werdenden Spitze der Einkommensverteilung befinden, nicht genug unternehmerischen Wettbewerb auf dem Markt ausgelöst, um diese Spitze abzuflachen.

Aus diesem Grund haben viele von uns, die darauf vertrauten, dass die Kräfte des Marktes und sozialdemokratische Regierungen Marx’ Theorien zur langfristigen Einkommensverteilung widerlegen würden, ihre Zuversicht verloren, was eine Suche nach neuen und anderen Instrumenten zur Steuerung der Wirtschaft ausgelöst hat.

In zunehmendem Maße klingen Menschen, die als Stützen des Establishments gelten, wie seine schärfsten Kritiker. Ein Beispiel dafür ist Martin Wolf, ein Kolumnist der Financial Times . Wolf griff vor kurzem die größten Banken der Welt heftig an, indem er sie als eine Branche mit einem außergewöhnlichen Talent dafür bezeichnete, Gewinne zu privatisieren, Verluste zu verstaatlichen und sich selbstgerecht aufzuregen, wenn staatliche Amtsträger nicht sofort zur ihrer Rettung eilen, wenn sie in (wohlverdiente) Schwierigkeiten geraten. „Die Interessenkonflikte, die durch große Finanzinstitute entstehen, sind bei weitem schwieriger zu bewältigen als in jeder anderen Branche.“

Wolf bekundete auch seine „Angst, dass die Kombination aus der Fragilität des Finanzsystems und den gewaltigen Gewinnen, die es generiert, etwas noch Wichtigeres zerstören wird: die politische Legitimität der Marktwirtschaft selbst ...“

Nach Wolfs Ansicht lautet die Lösung, dass solche Banker ihre Bezahlung ein Jahrzehnt lang nach Ausübung ihrer Arbeit in Raten erhalten. So könnten Aktionäre und Investoren wirklich beurteilen, ob die erteilten Ratschläge und die getätigten Investitionen sich langfristig als richtig erweisen und nicht nur die Begeisterung des Augenblicks widerspiegelten.

Doch geht Wolfs Lösung nicht weit genug, da das Problem nicht nur auf das Großkapital beschränkt ist. Das Problem ist ein umfassenderes Versagen des freien Wettbewerbs, alternative Anbieter entstehen zu lassen und die Unsummen zu unterbieten, die unsere gegenwärtige Generation merkantiler Prinzen für ihre Arbeit verlangt.

J. Bradford DeLong ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley und ehemaliger Staatssekretär im US-Finanzministerium.

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AUTHOR INFO

J. Bradford DeLong, a former assistant secretary of the US Treasury, is Professor of Economics at the University of California at Berkeley and a research associate at the National Bureau for Economic Research.