Anatomy of the Global Economy
Ungleichheit auf dem Vormarsch
J. Bradford DeLong
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Wie viel Sorgen sollte uns Ungleichheit bereiten? Die Beantwortung dieser Frage setzt voraus, dass wir zunächst eine andere Frage beantworten: “Im Vergleich zu was?” Anhand welcher Alternative beurteilen wir das Maß an Ungleichheit, das wir beobachten?
Florida ist materiell eine wesentlich ungleichere Gesellschaft als Kuba. Doch die richtige Art, die Situation zu betrachten – wenn Florida und Kuba unsere Alternativen sind – ist nicht zu behaupten, dass in Florida zu viel Ungleichheit herrscht, sondern dass es in Kuba zuviel Armut gibt.
Auf globaler Ebene ist es schwierig die Auffassung zu vertreten, dass Ungleichheit eines der großen politisch-ökonomischen Probleme der Welt ist. Es ist schwierig, jedenfalls für mich, sich alternative politische Ordnungen oder wirtschaftliche Richtlinien in den letzten fünfzig Jahren vorzustellen, die einen maßgeblichen Anteil des Wohlstands der reichen Nationen unserer Tage auf die heute armen Nationen übertragen hätten.
Es fällt mir leicht, mir Alternativen vorzustellen, durch die Nationen verarmt wären, die jetzt zum reichen Norden zählen, wie etwa Siege der Kommunisten bei Wahlen in Italien und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich kann mir auch Alternativen vorstellen, durch die arme Nationen reicher geworden wären: Wäre Deng Xiaoping 1956 und nicht 1976 Chinas Führungskopf geworden, wäre dies dort eingetreten. Alternativen, die den Süden auf Kosten eines geringeren Reichtums im Norden reicher gemacht hätten, würden jedoch eine umfassende Neuorientierung des menschlichen Denkens voraussetzen.
Es sollte uns ebenfalls keine großen Sorgen bereiten, dass manche Menschen reicher sind als andere. Manche Menschen arbeiten härter, setzen ihre Intelligenz geschickter ein oder haben einfach das Glück gehabt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Ich kann jedoch nicht erkennen, welche alternativen politisch-ökonomischen Ordnungen den relativen Reichtum Einzelner in enge Übereinstimmung mit ihrer relativen Moral oder anderen Werten bringen könnten. Die Probleme, mit denen man sich befassen kann, sind die der Armut und der Sozialversicherung – die Schaffung eines Sicherheitsnetzes – nicht das Problem der Ungleichheit.
Auf der Ebene einzelner Gesellschaften glaube ich jedoch, dass Ungleichheit sich als ernstes politisch-ökonomisches Problem abzeichnet. In den Vereinigten Staaten ist das durchschnittliche Einkommen, das Personen mit einem vierjährigen Hochschulstudium im Vergleich zu Personen ohne Universitätsabschluss erhalten, im Verlauf der letzten 30 Jahre von 30% auf 90% gestiegen, da die Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft die Fähigkeit des Bildungssystems diese zu erfüllen überstiegen haben. Da die vorausgesetzten Fähigkeiten, die durch eine Schulbildung erworben werden, verhältnismäßig seltener gewordener sind, sind die Einkünfte von Hochschulabsolventen im Verhältnis zu Personen mit einem Schulabschluss gestiegen und untermauern so eine ungleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Wohlstand.
Ceci Rouse und Orley Ashenfelter von der Universität Princeton berichten, dass sie keine Anzeichen dafür finden, das diejenigen, die wenig Bildung erfahren dies tun, weil sich Bildung für sie nicht lohnen würde: Der Gewinn eines zusätzlichen Ausbildungsjahres scheint sogar größer für diejenigen, die in den Genuss von wenig Ausbildung kommen als für diejenigen, die eine umfangreiche Bildung erhalten. Eine größere Anstrengung, das durchschnittliche Bildungsniveau in Amerika zu erhöhen hätte dem Land mehr Reichtum beschert und eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Wohlstand produziert, indem ausgebildete Arbeitskräfte reichlicher vorhanden und weniger qualifizierte Arbeitskräfte schwieriger zu finden und somit auf dem Markt mehr wert wären.
Ebenso verdienen Amerikas Konzernvorstände und ihre ähnlich hochrangigen Kollegen heutzutage zehnmal soviel wie noch vor einer Generation. Das ist nicht so, weil die Arbeitsleistung und das Verhandlungs- und Managementgeschick eines Konzernchefs heutzutage zehnmal wertvoller wäre, sondern weil andere Teilhaber am Unternehmen weniger Möglichkeiten haben, Topmanager und Finanziers daran zu hindern, mehr vom Wertzuwachs einzustreichen.
Ähnliche Muster finden sich an anderer Stelle. Innerhalb jedes Landes ist die wachsende Ungleichheit, die wir in der letzten Generation beobachtet haben, vorwiegend ein Resultat versäumter sozialer Investitionen und Veränderungen der Regelungen und Erwartungen und nicht von einer Beschleunigung der allgemeinen Wachstumsrate begleitet worden. Größtenteils sieht es so aus, als hätten diese Veränderungen in der Wirtschaft und Gesellschaft nicht zu mehr Reichtum geführt, sondern nur zu einer nach oben ausgerichteten Umverteilung des Reichtums – ein erfolgreicher rechter Klassenkrieg.
Diese Art von Ungleichheit sollte Anlass zur Sorge geben. Paul Allen, Steve Ballmer und die anderen Millionäre und Milliardäre von Microsoft sind brillant, fleißig, unternehmerisch und zu Recht wohlhabend. Doch nur die ersten 5% ihres Reichtums können als wirtschaftlicher Anreiz gerechtfertigt werden, Unternehmertum und Unternehmen zu fördern. Die anderen 95% würden für wesentlich mehr Zufriedenheit und Chancen sorgen, wenn sie gleichmäßig unter US-Bürgern oder anderen Personen verteilt würden, als wenn sie Teile davon konsumieren würden.
Eine ungleiche Gesellschaft kann nur eine ungerechte Gesellschaft sein. Das wichtigste Gut, das Eltern in jeder Gesellschaft versuchen zu erwerben, ist ein Vorsprung für ihre Kinder. Und je wohlhabender sie sind, desto größer der Vorsprung. Gesellschaften, die Chancengleichheit versprechen, können es sich also nicht leisten, die Ungleichheit der Ergebnisse zu groß werden zu lassen.
J. Bradford DeLong ist Professor für Ökonomie an der University of California in Berkeley und war Staatssekretär im US-Finanzministerium unter Präsident Clinton.
Copyright: Project Syndicate, 2007.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Sandra Pontow.
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