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J. Bradford DeLong

Hat der Neoliberalismus Mexiko im Stich gelassen?

J. Bradford DeLong

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2006-09-26

Vor sechs Jahren war ich bereit, das Nordamerikanische Freihandelsübereinkommen (NAFTA) als großen Erfolg anzuerkennen. Das zentrale Argument zugunsten von NAFTA war, dass es der vielversprechendste Weg wäre, den die Vereinigten Staaten einschlagen könnten, um Mexikos Chancen auf Demokratie und Wohlstand zu erhöhen, und dass die USA sowohl ein starkes Eigeninteresse als auch eine starke nachbarliche Verpflichtung hätten, Mexiko bei seiner Entwicklung zu unterstützen.

Seit NAFTA ist das reale mexikanische BIP um 3,6% pro Jahr gewachsen, und der Export ist von 10% am BIP im Jahre 1990 über 17% im Jahre 1999 auf heute 28% gestiegen. Im kommenden Jahr werden Mexikos reale Exporte fünfmal höher sein als 1990.

Hier – bei der raschen Entwicklung der Exportbranchen und dem dramatischen Anstieg des Exportvolumens – hat NAFTA etwas bewirkt. NAFTA garantiert den mexikanischen Produzenten einen zoll- und quotenfreien Zugang zum US-Markt, dem größten Verbrauchermarkt der Welt.

Ohne diese Garantie hätten weniger Leute in die Fähigkeit investiert, die Bedürfnisse des US-Marktes zu befriedigen. Der zunehmende Handel zwischen den USA und Mexiko bewegt beide Länder hin zu einem stärkeren Maß an Spezialisierung und einer stärkeren Arbeitsteilung. In bedeutenden Branchen wie etwa der Automobilindustrie werden arbeitsintensive Fertigungsschritte zunehmend in Mexiko geleistet; in der Textilindustrie werden hochtechnologisierte Spinnerei- und Webereiarbeiten zunehmend in den USA ausgeführt, während Mexiko Lowtech-Arbeiten wie Zuschnitt und Vernähung übernimmt.

Solche aus der Ausweitung des Marktes und der Förderung der Spezialisierung herrührenden Effizienzsteigerungen hätten zu einer raschen Zunahme der mexikanischen Produktivität führen sollen. Ebenso hätte die größere Effizienz durch eine deutliche Zunahme bei der Kapitalbildung verstärkt werden sollen, welche mit der Gewähr hätte einhergehen sollen, dass zukünftige Wellen des Protektionismus in den USA nicht zur Schließung von Fabriken in Mexiko führen würden.

Das Schlüsselwort hier heißt „hätte“. Die heutigen 100 Millionen Mexikaner haben Realeinkommen – bei Kaufkraftparität – von rund 10.000 US-Dollar pro Jahr, einem Viertel des gegenwärtigen US-Niveaus. Sie stecken vielleicht ein Fünftel des BIP – einen gesunden Betrag – in Bruttoanlageinvestitionen und haben ihre Einbindung in die Weltwirtschaft (d.h. die nordamerikanische Wirtschaft) seit NAFTA deutlich ausgeweitet.

Aber die Wachstumsrate von 3,6% vom BIP – verbunden mit einem Bevölkerungszuwachs von 2,5% pro Jahr – bedeutet, dass das Durchschnittseinkommen der Mexikaner gerade mal 15% über dem aus der Zeit vor NAFTA liegt und dass sich die Kluft zwischen dem mexikanischen Durchschnittseinkommen und dem in den USA sich vertieft hat. Aufgrund zunehmender Ungleichheit geht es der überwiegenden Mehrheit der Mexikaner heute nicht besser als vor 15 Jahren. (Tatsächlich ist nur ein einziger Aspekt der mexikanischen Entwicklung ein großer Erfolg: der Anstieg von Einkommen und Lebensstandard aufgrund zunehmender Migration in die USA und erhöhter Rücküberweisungen nach Mexiko.)

Intellektuell ist dies ein großes Rätsel: Wir glauben an die Marktkräfte und an die Vorteile von Handel, Spezialisierung und internationaler Arbeitsteilung. Wir sehen den enormen Anstieg bei den mexikanischen Exporten in die USA während des vergangenen Jahrzehnts. Wir sehen die großen Stärken der mexikanischen Wirtschaft: ein stabiles makroökonomisches Umfeld, finanzpolitische Besonnenheit, eine niedrige Inflationsrate, geringe landesinterne Risiken, eine flexible Erwerbsbevölkerung, ein gestärktes und solventes Bankensystem, erfolgreich reformierte Programme zur Armutsbekämpfung, hohe Einnahmen aus der Ölproduktion usw.

Aber jene raschen Zunahmen von Produktivität und Lohnsteigerungen, die Neoliberale wie ich selbst – hätte man uns 1995 erzählt, dass die mexikanischen Exporte in den kommenden zwölf Jahren auf das Fünffache steigen würden – voll Zuversicht vorhergesagt hätten, hat die erfolgreiche neoliberale Politik nicht geliefert.

Sicher, Mexiko weißt noch immer eine Menge wirtschaftlicher Defizite auf. Laut OECD gehört dazu die äußerst niedrige Zahl von Schuljahren, die zur Folge hat, dass junge Arbeiter heute eine kaum bessere Schulbildung haben als ihre älteren Kollegen. Weiterhin eine geringe berufliche Bildung, schwere bürokratische Belastungen der Unternehmen, korrupte Richter und Polizisten, hohe Kriminalitätsraten, und eine große Schattenwirtschaft mit geringer Produktivität, die das Steueraufkommen mindert und die Steuerlast für die übrige Wirtschaft erhöht. Jedoch sollten diese Defizite nicht ausreichen, um Mexikos starke geografische Vorteile und die kraftvollen Nutzeffekte neoliberaler Politik zu neutralisieren. Oder etwa doch?

Anscheinend tun sie es. Die von einer rapide wachsenden Erwerbsbevölkerung ausgehende demografische Last scheint sehr viel größer zu sein, wenn diese Erwerbsbevölkerung nicht besonders gebildet ist, insbesondere, wenn eine unzureichende Infrastruktur, Kriminalität und korrupte Behörden ebenfalls ihren Tribut fordern.

Wir Neoliberalen verweisen darauf, dass NAFTA nicht die Ursache für schlechte Infrastruktur, hohe Kriminalität und Korruption staatlicher Stellen ist. Damit deuten wir an, dass es den Mexikanern ohne NAFTA deutlich schlechter gehen würde und dass seine Auswirkungen positiv zu Buche schlagen.

Diese neoliberale Lesart mag stimmen, aber sie ist eine Ausrede – und vielleicht stimmt sie auch nicht. Jedenfalls können wir angesichts des langsamen Wachstums in Mexiko während der letzten 15 Jahre nicht länger das alte Mantra wiederholen, dass der neoliberale Weg des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens und der damit verbundenen Reformen eindeutig der richtige sei.

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AUTHOR INFO

J. Bradford DeLong is Professor of Economics at the University of California at Berkeley and a Research Associate at the National Bureau of Economic Research.