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Schuld und Wahn

NEW HAVEN – Ökonomen sprechen gern über Schwellenwerte, die Ärger machen, wenn sie überschritten werden. Meistens liegt etwas Wahrheit in dem, was sie sagen, aber die öffentliche Meinung reagiert oft übertrieben auf diese Informationen.

Nehmen wir zum Beispiel die Verschuldungsquote in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt, über die in Europa und den Vereinigten Staaten gerade viel debattiert wird. Im gleichen Atemzug wird dann auch gesagt, dass die Verschuldungsquote von Griechenland 153 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts entspräche und dass Griechenland zahlungsunfähig sei. Wenn man das mit den Fernsehberichten von Griechen paart, die in den Straßen demonstrieren, wie sieht das aus?

Hier in den USA sieht das aus wie ein Bild unserer Zukunft, während die Staatsverschuldung den 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gefährlich nahe kommt. Aber vielleicht ist dieses Bild etwas zu lebendig in unserer Fantasie. Denken die Leute wirklich, dass ein Land zahlungsunfähig wird, wenn seine Verschuldung höher ist als sein Bruttoinlandsprodukt?

Das wäre ganz einfach Unsinn. Denn schließlich wird die Verschuldung in Währungseinheiten gemessen und das Bruttoinlandsprodukt in Währungseinheiten pro Zeiteinheit. Das heißt, wenn man beide ins Verhältnis setzt, erhält man eine Quote in Zeiteinheiten. Es ist nicht ungewöhnlich, für diese Einheit ein Jahr zu nehmen. Ein Jahr ist die Zeit, in der sich die Erde einmal um die Sonne dreht, was, außer für saisonabhängige Branchen wie der Landwirtschaft wirtschaftlich nicht weiter relevant ist.

Schließlich haben wir schon im Physikunterreicht in der Schule gelernt, immer besonders auf die Maßeinheiten zu achten. Wählt man die falsche Maßeinheit, hat man ein Problem.

Wenn Ökonomen die Bruttoinlandsprodukt-Quartalszahlen nicht regelmäßig auf das Jahr hochrechnen und mit vier multiplizieren würden, wäre die Verschuldungsquote Griechenlands vier mal höher als jetzt. Und wenn sie die Quartalszahlen auf ein Jahrzehnt beziehen würden anstatt auf ein Jahr, sie also mit 40 und nicht mit 4 multiplizieren würden, läge Griechenlands Schuldenquote bei 15 Prozent. Will man sich ein Bild darüber machen, ob Griechenland fähig ist, seine Schulden zu bezahlen, dann wäre diese Betrachtungsweise relevanter, weil das Land ja seine Schulden schließlich nicht in einem Jahr bezahlen muss (es sei denn, die Krise machte es unmöglich, die aktuelle Verschuldung zu refinanzieren).

Ein Teil der Staatsverschuldung Griechenlands wird übrigens den Griechen selbst geschuldet. Daher reflektiert die bloße Zahl die Verpflichtungen, die die Griechen untereinander eingegangen sind (größtenteils in Form von innerfamiliären Krediten) nur ungenügend. Die Verschuldung (einschließlich informeller Verschuldung) im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt würde zu jedem Zeitpunkt der Geschichte 100 Prozent weit übersteigen.

Wir denken meistens nicht über all diese Dinge nach, wenn wir die Schlagzeilen über die Schuldenquoten sehen. Sind wir wirklich so dumm, dass wir uns dadurch verwirren lassen? Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, ja, das sind wir, denn sogar ich, als Berufsökonom, musste manchmal innehalten und mich selbst davon abhalten, genau denselben Fehler zu machen.

Ökonomen, die an rationalen Erwartungsmodellen festhalten, werden es niemals zugeben, aber viel von dem, was auf den Märkten geschieht, geschieht aus purer Dummheit – oder zumindest Unaufmerksamkeit, Fehlinformation über Grundlagen und aus einem übertriebenen Fokus auf aktuelles Tagesgeschehen.

Was tatsächlich in Griechenland passiert, ist der Ablauf eines sozialen Feedback-Mechanismus‘. Aus irgendeinem Grund haben Investoren plötzlich Angst gehabt, die griechische Verschuldung hatte ein etwas höheres Risiko eines möglichen Ausfalls. Die Nachfrage nach griechischen Anleihen sank, dadurch fiel der Preis, das heißt, der Ertrag in Bezug auf die Zinssätze stieg. Die höheren Zinssätze machten es für die Griechen schwieriger, ihre Schulden zu refinanzieren, wodurch wiederum eine Finanzkrise ausgelöst wurde, die die Regierung zwang, strenge Sparmaßnahmen einzuführen, was zu sozialen Unruhen und einem Zusammenbruch der Wirtschaft führte, die die Skepsis der Investoren über die Fähigkeit Griechenlands, seine Schulden zu bezahlen, weiter verstärkte.

Dieses Feedback hat nichts damit zu tun, dass die Verschuldungsquote im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt irgendeinen Schwellenwert überschritten hat, es sei denn, alle, die an diesem Feedback beteiligt sind, glauben an die Quote. Die Quote würde uns helfen, die Risiken von negativem Feedback zu ermitteln, da die Regierung kurzfristige Schulden schneller refinanzieren muss. Und wenn die Krise die Zinssätze in die Höhe treibt, müssen sich die Behörden früher oder später starkem Druck hinsichtlich von Sparmaßnahmen stellen.

Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben vergangenes Jahr einen Aufsatz mit dem Titel „Growth in a Time of Debt” geschrieben, dessen Analyse von 44 Ländern über einen Zeitraum von 200 Jahren weite Beachtung fand. Reinhart und Rogoff fanden heraus, dass Länder, deren Staatsverschuldung über 90 Prozent des Bruttoninlandsproduktes beträgt, eine Verlangsamung des Wachstums erleben und circa einen Prozentpunkt der jährlichen Wachstumsrate verlieren.

Da 90 Prozent sehr nah bei 100 Prozent liegen, könnte man nun fälschlicherweise annehmen, dass Ländern, die sich in einer solchen Situation befinden, schreckliche Dinge geschähen. Aber wenn man sich den Aufsatz aufmerksam durchliest, sieht man, dass die Autoren 90 Prozent der Zahlen fast willkürlich aufgenommen haben. Sie haben, ohne dies zu begründen, Verschuldungsquoten von 30 Prozent, 30 bis 60 Prozent, 60 bis 90 Prozent und über 90 Prozent gewählt. Und tatsächlich verlangsamt sich das Wachstum in allen dieser Kategorien, nur etwas mehr in der letzten.

Und dann wäre da noch das Problem der umgekehrten Kausalität. Die Verschuldungsquote im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt steigt bei Ländern, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden. Wenn das auch ein Grund dafür ist, dass höhere Verschuldungsquoten niedrigerem Wirtschaftswachstum entsprechen, gibt es um so weniger Grund, zu denken, dass Länder eine höhere Quote vermeiden sollten, denn die keynesianische Theorie besagt, dass Sparmaßnahmen die Wirtschaftsleistung eher bremsen anstatt sie zu befeuern.

Das Grundproblem, das ein Großteil der Welt heute hat, ist, dass Investoren auf hohe Verschuldungsquoten übernervös reagieren, Angst vor einem magischen Schwellenwert haben und zu schnell nach Sparmaßnahmen rufen. Sie fordern von den Regierungen, Ausgaben zu kürzen, wenn die Wirtschaft noch immer verletzlich ist. Privathaushalte werden von der Angst getrieben, so dass auch sie ihre Ausgaben kürzen. Und Unternehmen nehmen keine Kredite auf, um Kapitalanlagen zu finanzieren.

Die Lektion ist einfach. Wir sollten uns weniger Sorgen über Verschuldungsquoten und Schwellenwerte machen, sondern mehr über unsere Unfähigkeit, diese Indikatoren als das zu sehen, was sie sind: künstlich und oft irrelevant.