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Wissenschaftlicher Kapitalismus

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2009-03-27

PRINCETON – Um zu verstehen, wie wir uns in das aktuelle wirtschaftliche Schlamassel gebracht haben, gehen komplizierte Erklärungen zu Derivaten, Regulierungsfehlern und so weiter an der Sache vorbei. Die beste Antwort ist ebenso alt wie einfach: Selbstüberhebung.

In den modernen mathematischen Wirtschaftswissenschaften beschlossen viele Menschen aus der reichen Welt, dass wir endlich einen Satz an wissenschaftlichen Werkzeugen entwickelt hatten, mit dem man menschliches Verhalten wirklich vorhersagen konnte. Diese Werkzeuge sollten angeblich so verlässlich sein, wie diejenigen, die im Ingenieurswesen eingesetzt werden. Nachdem wir den wissenschaftlichen Sozialismus am Ende des Kalten Kriegs zu Grabe getragen hatten, wandten wir uns rasch einer anderen Wissenschaft vom Menschen zu.

Unsere neuen Glaubenssätze leiteten sich nicht von neuen Experimenten oder unerwarteten Beobachtungen ab, wie das bei einem echten wissenschaftlichen Paradigmenwechsel der Fall ist. Ökonomen führen normalerweise keine Experimente mit echtem Geld durch. Wenn sie das tun, z. B. als der Nobelpreisträger Myron Scholes den Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) leitete, sind die Gefahren oft größer als die Vorteile (eine Lektion, die wir immer noch nicht ganz gelernt zu haben scheinen). Und da nahezu jede Beobachtung, die Ökonomen machen, unvorhergesehene Ergebnisse liefert, könnte keine unerwartete Beobachtung je tatsächlich ein wirtschaftliches Paradigma ändern.

Was den Wandel in den Wirtschaftswissenschaften wirklich verursachte, der dann in die Katastrophe führte, war die einfache Tatsache, dass man jetzt damit durchkommen konnte, gewisse Dinge öffentlich zu sagen. Einige von uns dachten aufrichtig, dass die Geschichte zu einem Ende gekommen war. Schließlich kann man keine endgültige utopische Gesellschaft haben, ohne eine endgültige wissenschaftliche Theorie für menschliches Verhalten zu haben, zusammen mit ein paar verrückten Wissenschaftlern oder Philosophes , um das Ganze anzuführen.

Das Problem ist: Egal wie „wissenschaftlich“ diese neuen Glaubenssätze formuliert wurden, sie sind immer noch falsch. Der Kapitalismus ist unter anderem ein Kampf zwischen Einzelnen um die Herrschaft über knappe Ressourcen. Wie Boxen oder Poker ist es eine sanfte, verhaltene, private Form der Kriegsführung.

Militärstrategen wissen seit Jahrhunderten, dass es keine endgültige Wissenschaft des Krieges gibt und geben kann. In einem realen Kampf um Dinge, die tatsächlich wichtig sind, müssen wir annehmen, dass wir gegen denkende Gegner antreten, die u. U. einige Dinge über uns wissen, die uns selbst unbekannt sind. Wenn z. B. ein Gewinn erzielt werden kann, indem man das Modell hinter einer bestimmten Politik versteht, was bei den Modellen, die die US-Notenbank Federal Reserve benutzt, sicher der Fall ist, wird früher oder später so viel Kapital hinter diesen Gewinnen her sein, dass der Schwanz anfängt, mit dem Hund zu wedeln, wie es in letzter Zeit passiert ist.

Die Wahrheit ist, dass solche Modelle am brauchbarsten sind, wenn sie wenig bekannt sind oder nicht allgemein an sie geglaubt wird. Ihr Wert für Vorhersagen nimmt allmählich ab, wenn wir alle sie akzeptieren und anfangen, auf sie zu wetten. Doch kann es keine wirkliche vorhersagende Wissenschaft für ein System geben, das möglicherweise sein Verhalten ändert, wenn wir ein Modell davon veröffentlichen.

Die Märkte waren vielleicht einmal ziemlich effizient, bevor wir die Theorie effizienter Märkte hatten. Wenn es beim Investieren jedoch einfach um das Zuweisen von Geld zu einem Index geht, bestimmt allein die Liquidität die Preise, und die Bewertungen spielen verrückt. Wenn ein wesentlicher Teil der Marktteilnehmer einfach den Index kauft, verliert der Markt auch seine Rolle, für gute Unternehmensführung zu sorgen.

Die Bildung großer Blasen in den letzten Jahrzehnten war teilweise eine Folge des weit verbreiteten und unverbesserlichen Glaubens, dass so etwas niemals geschehen könnte. Unser kollektiver Glaube, dass Märkte effizient sind, hat dazu beigetragen, sie völlig ineffizient zu machen.

Trotzdem haben Ökonomen im Laufe der letzten 20 Jahre angefangen, sich so zu verhalten, als ob wir dächten, wir könnten tatsächlich die wirtschaftliche Zukunft vorhersagen. Wenn das Universum sich nicht fügte, dann nicht, weil unsere Modelle nicht stimmten; „Marktversagen“ war daran schuld. Es ist unklar, woher wir wussten, dass die Märkte versagten, wenn sie bedeutsam fielen, aber glaubten, dass wir nicht das Recht hatten, Vorhersagen für sie zu treffen, wenn sie stiegen. Auch ist nicht klar, woher wir alle wussten, dass der Konkurs von LTCM oder der Konjunkturrückgang nach dem 11. September schwerwiegende Risiken für das System darstellten, aber ernsthaft daran zweifeln konnten, dass es sich bei der Dotcom-Manie um eine Blase handelte.

Wir haben wiederholt Blasen gerettet und niemals bewusst zerplatzen lassen. Daher sind unsere Finanzmärkte zu einem Pyramidensystem geworden. „Moral Hazard“, also eine überhöhte Risikobereitschaft aufgrund mangelnder negativer Konsequenzen, dachten wir, könnte man getrost ignorieren, da er „moralisch“ ist, was – wie jeder wahre Wissenschaftler weiß – nur „imaginär“ bedeutet.

Doch ist ein Markt keine Rakete, Ökonomen sind keine Raketenwissenschaftler, und in menschlichen Angelegenheiten ist Moral Hazard das wichtigsten Risiko. Der falsche Glaube daran, dass wir kollektiv in die Zukunft sehen könnten, indem wir die Wissenschaft heranziehen, hat uns alle dazu gebracht, verschiedene verbindliche Versprechen über Dinge in dieser Zukunft zu machen, für die ein menschliches Wesen unmöglich garantieren kann. Etwas zu versprechen, von dem wir wissen, dass wir nicht dafür garantieren können, nennt man auch eine Lüge. Dieser große Lügenteppich zerreißt sich gerade selbst.

Regierungen denken, wir könnten diesen Prozess aufhalten, indem wir massenweise Geld zur Verfügung stellen, doch sprechen viele Gründe dafür, dass das nicht funktionieren wird. Das Bankensystem ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten – viele Institute sind einfach keine Banken mehr, sondern große Experimente, die nicht so funktioniert haben wie vorhergesagt.

Es könnte gut sein, dass wir die Wirtschaft für einen längeren Zeitraum „stimulieren“ und „retten“ und damit die notwendige Korrektur lediglich aufschieben, bevor wir letzten Endes gezwungen sind, die erforderliche kreative Zerstörung zuzulassen. Doch ist das nicht das wahre Problem. Das wahre Problem ist die pseudowissenschaftliche Ideologie hinter der Krise von heute. In einer endgültigen Wissenschaft vom Menschen gibt es keinen Raum für die ungeplante und unvorhersehbare Erholung, die einer kapitalistischen Wirtschaft nach einer Krise dieser Größenordnung als einzige Möglichkeit bleibt.

Wenn wir an der falschen Sicherheit einer angeblichen Wissenschaft festhalten, die nicht funktioniert, und die Philosophie dahinter vergessen – Ideen wie persönliche Verantwortung und das Recht zu scheitern –, werden uns unsere Machthaber nach allen Regeln der Wissenschaft überhaupt keine Erholung bescheren.

Daniel Cloud unterrichtet Philosophie an der Princeton University und ist Gründungspartner von zwei Hedgefonds: Firebird Fund Management und Quantrarian Capital Management.

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jmagolan 07:57 05 Apr 09

Dr. Cloud,

I appreciate your article and I have a sense that it might be important even though much of it has little to no practical meaning for me. I wonder if there is somewhere online (or in print) that you have expanded or altered these arguments to sound less ‘vague'.

I am an educated man and I would like to understand your thoughts but advanced economics and philosophy, when not presented in very clear and concise manner, tend to go over my head. I would benefit from a crisp and practical list of facts that supports the arguments you have made in this article.

Also I hate to nit-pick but as a 'scientist' (organic chemist) I might suggest that you have used the word 'science' a bit loosely considering your critical tone.

Regards,

Jakob


Gordon 06:34 30 Dec 09

It has always surely been obvious to any thoughtful observer not blinded by desire that extracting money for nothing from markets will impact negatively on the real economy of physical goods and labour.  It is obvious that all wealth must come from somewhere.  The 'pie' may expand only so long as the Earth can support further expansion, and at any single moment in time the pie has a fixed value.  Its acceleration, its future growth, offers no commiseration to one who is jobless and starving now.  

 

If I may ask, why are you the founding partner of two hedge funds?  Do you spend your time amassing personal wealth when you are not writing about the ill-effects of speculation?  

 

Successful seat-of-the-pants gambling will only create a different kind of negative consequence from the dogmatic human behaviour model-based gambling you write about here.  However you work it, it is still economic vampirism.