In Kriegszeiten ist es fast immer schwierig, genaue Zahlen über zivile Kriegsopfer zu bekommen. Abgesehen von ein paar Ausnahmen haben sich Demographen und Epidemiologen nicht mit der Erarbeitung exakter und glaubwürdiger Schätzungen der Mortalität und Morbidität in der Zivilbevölkerung beschäftigt. Manchmal ist ein Mangel an beruflicher Freiheit dafür verantwortlich, dass gerade diejenigen, die mit den Daten am besten vertraut sind, ihr Wissen nicht für eine Sache einsetzen, deren Zweck politisch gefährlich sein könnte – wie beispielsweise Experten, deren Existenz von einer in den Konflikt verwickelten Regierung abhängig ist.
Es gibt aber auch noch andere Probleme. Die Trennung zwischen den unmittelbaren Auswirkungen eines Konflikts und anderen Interventionen (wie beispielsweise Wirtschaftssanktionen) ist manchmal unmöglich. Auch qualitativ hochwertige Bevölkerungsdaten sind nicht immer verfügbar. Dies aufgrund ihres „sensiblen Charakters” oder weil man sie einfach nie erfasst hat (wie dies in manchen Entwicklungsländern der Fall ist) oder weil derartige Daten durch später einsetzende Flüchtlingsströme obsolet wurden. Aus diesem Grund ist der Unsicherheitsfaktor solcher Schätzungen oft viel zu hoch, wodurch sich auch ihr praktischer Wert als gering erweist.
Man denke beispielsweise an die verschiedenen Versuche, die Opferzahlen des Krieges im Irak zu untersuchen. Beim Projekt „Iraq Body Count” werden nur Opfer gezählt, die durch Gewaltakte im gegenwärtigen Krieg umgekommen sind. Die Zählung erfolgt auf Grundlage von Medienberichten. Wenn es keine Doppelzählungen gab und die Angaben in den Berichten korrekt waren, dann entspricht das Ergebnis dieser Zählung einer Mindestopferzahl, denn Medienberichte sind nicht immer allumfassend.
Mit einer anderen Methode wird die durch den Krieg verursachte Gesamtänderung der Sterberate geschätzt (inkludiert werden Todesfälle aufgrund der direkten und indirekten Auswirkungen des Krieges), indem man sie mit den Sterberaten der Vorkriegszeit vergleicht. Dazu werden Daten benötigt, aufgrund derer man den Anstieg der Sterberate berechnen kann. Erhoben werden diese Daten üblicherweise durch Befragungen in zufällig ausgewählten Haushalten. Dabei wird der Haushaltsvorstand gebeten, Angaben über die Anzahl der vor dem Krieg im Haushalt lebenden Personen und deren demographische Daten zu machen, darüber, ob Personen, die vor dem Krieg im Haushalt lebten, zwischen Vorkriegszeit und dem Zeitpunkt der Befragung gestorben sind und wann genau sie zu Tode kamen.
Werden diese Haushaltsbefragungen ordnungsgemäß durchgeführt, kann die Zahl der kriegsbedingten zusätzlichen Todesfälle innerhalb einer gewissen statistischen Unsicherheit beziffert werden. Werden die Haushaltsbefragungen allerdings in Kriegszeiten durchgeführt, nehmen die Risiken überhand. Zur Gefahr für den Befrager selbst, während eines Konflikts, diese Daten zu erheben, kommen noch die Risiken einer Selektionsverzerrung durch die Auswahl der befragten Haushalte, der Mangel an glaubwürdigen Bevölkerungsdaten, für die geänderte Sterblichkeitsraten gelten sowie falsche oder missverständliche Angaben der Befragten.
Diese Methode wurde zweimal von einem vornehmlich mit Forschern der Johns Hopkins University besetzten Team angewandt, das seine Ergebnisse im Medizin-Fachjournal The Lancet publizierte. Die Zahlen der Wissenschaftler wurden einerseits gewürdigt, ernteten andererseits aber auch Kritik, weil die Forscher ihre eigenen Zahlen falsch interpretierten.
So schrieben sie beispielsweise in einer Zusammenfassung der im Jahr 2004 durchgeführten Studie: „Aufgrund konservativer Schätzungen, glauben wir, dass es seit der Invasion des Irak im Jahr 2003 100.000 oder mehr zusätzliche Todesfälle gegeben hat.“ Die erste Studie ergab allerdings eine sehr ungenaue Schätzungen der Todesfälle, was die Autoren jedoch verschwiegen. Richtigerweise hätten sie schreiben müssen: „Wir können mit 95 %iger Sicherheit sagen, dass es innerhalb dieses Zeitraums zwischen 8.000 und 194.000 zusätzliche irakische Todesopfer gegeben hat.“
Im Jahr 2006 wiederholte das Forscherteam die Studie im Wesentlichen. Diesmal wurde allerdings eine größere Anzahl von Haushalten in die Studie einbezogen. Wieder ließen die Forscher Befragungen durchführen, die einer typischen Befragung zufällig ausgewählter Haushalte glich. Am Ende des Artikels im Lancet werden von den Autoren richtigerweise jene Dinge angesprochen, die dazu geführt haben könnten, dass die ausgewählten Haushalte tatsächlich nicht dem Kriterium der „Zufälligkeit“ entsprachen.
Auch bei diesem zweiten Anlauf haperte es bei der Interpretation. Um den Anstieg der Mortalität zu erklären, bedienten sich die Autoren der „rohen Sterberate“ (CDR), welche die Anzahl der Todesfälle je 1.000 Einwohner angibt. Demographen bedienen sich allerdings selten der CDR, sondern nutzen eher alters- und geschlechtsspezifische Sterberaten, die gemeinhin unter dem Begriff „Lebenserwartung“ zusammengefasst werden. Gleichwohl berichtete das Wissenschafterteam, dass die CDR von 5,5 im Jahr 2002 auf 13,3 im Zeitraum nach der Invasion (März 2003 bis März 2006) angestiegen sei.
Um die Zahlen aus der Zeit vor der Invasion ins rechte Licht zu rücken, betrachte man die Zahlen der UNO-Bevölkerungsabteilung, denen allgemein hohe Qualität bescheinigt wird. Die UNO schätzt die CDR im Irak vor der Invasion auf 10 und nicht auf 5, wie in den beiden Studien angegeben. Im internationalen Vergleich gibt die UNO für den Iran zwischen 2002 und 2005 eine CDR von 5,3 pro tausend Einwohner an. Vor dem Krieg, so sind sich meisten Beobachter einig, war die Situation im Irak um einiges schlimmer als im Iran.
Die in den beiden Lancet -Studien veröffentlichten CDR-Werte der Vorkriegszeit scheinen also zu niedrig zu sein. Sie sind vielleicht nicht falsch, aber die Autoren sollten eine glaubwürdige Erklärung abgeben, warum ihre CDR-Werte der Vorkriegszeit nur ungefähr halb so hoch sind wie die der UNO-Bevölkerungsabteilung. Wenn die Sterblichkeitsrate vor dem Krieg zu niedrig angesetzt war und/oder die Bevölkerungszahlen zu hoch geschätzt waren – weil man beispielsweise Flüchtlingsströme aus dem Irak nicht berücksichtigte – wären auch die daraus resultierenden Schätzungen der „zusätzlichen Todesfälle“ überhöht.
Auf grundlegenderer Ebene stellt sich die Frage, welchem Zweck diese Zahlen dienen. Natürlich spielen Zahlen eine Rolle bei der Evaluierung von Kosten und Nutzen eines Krieges (so es überhaupt einen Nutzen gibt). Leisten diese Zahlen in Wirklichkeit aber irgendeinen Beitrag zur Debatte? Gehen daraus wirklich mehr Informationen hervor als aus den Zahlen des Iraq Body Count? Verfügen wir über den dazugehörigen Kontext, der nötig ist, um die Zahlen richtig zu interpretieren? Der Krieg im Irak ist extrem blutig. Das ist alles, was uns die Statistik im Moment mit Sicherheit sagen kann.


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