Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Ansteckungsgefahr aus dem Westen

NEWPORT BEACH – Stellen Sie sich einen Augenblick vor, Sie wären der wichtigste politische Entscheidungsträger in einem erfolgreichen Schwellenland. Mit berechtigter Sorge (und einer Mischung aus Wut und Verwunderung) beobachten Sie, wie sich die lähmende Schuldenkrise in Europa ausbreitet und wie die dysfunktionale Politik in Amerika dazu führt, dass das Land außerstande ist, seine marode Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Würden Sie sich mit der beeindruckenden binnenwirtschaftlichen Stabilität Ihres Landes trösten und die deflationären Winde kompensieren, die aus dem Westen wehen, oder würden Sie auf Nummer sicher gehen und die vorsorglich gebildeten Reserven Ihres Landes erhöhen?

Das ist die Frage, die sich gerade mehreren Schwellenländern stellt, und ihre Tragweite geht weit über die Grenzen dieser Länder hinaus. Tatsächlich geht es bei dieser Frage auch um die zunehmend beunruhigenden Aussichten für die Weltwirtschaft.

Allein die Tatsache, dass wir diese Frage stellen ist neu und bemerkenswert. Man kann sie auf die Liste der bislang undenkbaren Dinge setzen, die wir in letzter Zeit beobachtet haben. Allein in den letzten Wochen hat sich diese Liste um folgende Punkte erweitert: Amerika verliert seine heilige AAA-Bonitätseinstufung und spielt beim politischen Schuldenpoker mit dem Gedanken eines Zahlungsausfalls; die Sorge über Umschuldungen in peripheren EU-Ländern wächst und ein mögliches Auseinanderbrechen der Eurozone wird diskutiert, und die Schweiz ergreift drastische Maßnahmen, um sich gegen ihren Status als „sicherer Hafen“ zu wehren (ja, zu wehren).

Noch vor einigen Jahren wäre die Antwort auf die Frage der Schwellenländer einfach gewesen. Heute ist sie es nicht mehr.

In früheren Tagen hätte die Wirtschaftskrise der westlichen Industriestaaten den meisten Schwellenländern schon längst den Boden unter den Füßen weggezogen. Wenn die Industrieländer niesen, bekommen die Schwellenländer einen Schnupfen: So die gängige Meinung, die durch viele schmerzhafte Erfahrungen gestützt worden ist.

Heutzutage hingegen profitieren mehrere Schwellenländer (wenn auch nicht alle) von Jahren erheblicher Anstrengungen, ihre finanzielle Verwundbarkeit durch die Anhäufung gewaltiger Währungsreserven zu verringern. Sie haben außerdem einen erheblichen Teil ihrer Auslandsverschuldung zurückgezahlt und einen Großteil der übrigen Schulden in leichter zu handhabende Verbindlichkeiten in Landeswährung umgewandelt.

Diese deutliche Verbesserung ihrer Bilanzen hat entscheidend dazu beigetragen, dass es den Schwellenländern gelungen ist, sich gut von der globalen Finanzkrise der Jahre 2008-2009 zu erholen, während sich der Westen weiterhin schwer tut. Tatsächlich war die Politik in den Schwellenländern in erster Linie mit zu viel Wachstum, zunehmendem Inflationsdruck und konjunktureller Überhitzung beschäftigt, bevor es in Amerika und Europa unlängst erneut zum Abschwung gekommen ist.

Die Schwellenländer von heute sind politisch erheblich flexibler und verfügen über bedeutend mehr Handlungsspielraum als in der Vergangenheit. Angesichts einer weltweiten Konjunkturabschwächung sehen sie sich demnach zwei grundsätzlichen politischen Entscheidungsmöglichkeiten gegenüber.

Einerseits können sie die globale Schwäche kompensieren, indem sie ihre eigene Binnennachfrage durch aggressive fiskalpolitische Anreize deutlich ankurbeln. Die eigene Bevölkerung wäre vor den Problemen des Westens geschützt und auf globaler Ebene wäre ein Impuls gegen die weltweit schlechter werdenden Konjunkturaussichten gegeben.

Im Zuge dessen würden sie den politischen Schwerpunkt teilweise von Produktion auf Konsum verlagern. Sie würden ihre Handelsüberschüsse abbauen und, in einigen Fällen, eine Aufwertung ihrer Währung zulassen. Ihre Fremdwährungsreserven würden sinken und/oder ihre Schulden würden steigen.

Andererseits können sich diese Volkswirtschaften für eine verstärkte eigene Absicherung entscheiden. In diesem Szenario würden sie nicht die Binnennachfrage ankurbeln, sondern ihre Schutzmaßnahmen verstärken und sich für einen langen und stürmischen Winter der Weltwirtschaft in Stellung bringen. Demzufolge würden sie den Rückgang ihrer Außenhandelsüberschüsse minimieren, wettbewerbsfähige Wechselkurse beibehalten und ihre Währungsreserven und Positionen als Nettogläubiger schützen. Im Zuge dessen würden sie den Druck auf die Weltwirtschaft durch den endlos scheinenden Abschwung des Westens verschärfen.

Ich vermute, dass die Herzen der politischen Entscheidungsträger in den Schwellenmärkten für ersteres schlagen. Schließlich würden binnenwirtschaftliche Impulse dazu beitragen, das Wirtschaftswachstum zu erhalten. Außerdem würde eine antizyklische Politik der Welt die Bereitschaft dieser Länder signalisieren, globale Verantwortung zu übernehmen.

Ich vermute allerdings auch, dass ihr Verstand sie davor warnt, viel Geld für den Versuch auszugeben eine schwierige, wenn nicht unmögliche, Aufgabe zu bewältigen. Schließlich sprechen kaum Anhaltspunkte dafür, dass Schwellenländer einer umfassenden und zeitgleich erfolgenden Konjunkturabschwächung im Westen wirksam und nachhaltig entgegenwirken können, insbesondere wenn diese mit dem Risiko einer weiteren Bankenkrise verbunden ist.

Ich neige zu der Einschätzung, dass der Verstand die Oberhand gewinnen wird – aber nicht ganz und gar. Die aufstrebenden Volkswirtschaften werden einige Maßnahmen, einschließlich Zinssenkungen, zum Schutz ihres binnenwirtschaftlichen Wachstums ergreifen. Ebenso werden sie ihre Bereitschaft signalisieren, dem Westen finanziell zu helfen. Derartige Schritte wären zwar bemerkenswert, würden aber nicht ausreichen, um der vom Westen ausgehenden Wirtschaftsabkühlung wirksam entgegenzutreten und auch die Aussichten für die Vereinigten Staaten und Europa gewiss nicht wesentlich verändern.

Trotz ihrer starken wirtschaftlichen Eckdaten fühlen sich Schwellenländer angesichts der wirtschaftlichen Schwäche des Westens, seiner Defizite in der Politik und seiner politischen Lähmung immer noch verwundbar. Außerdem wissen sie aus Erfahrung, dass es keine einfachen und unmittelbaren Lösungen für den Schuldenüberhang und die strukturellen Wachstumshemmnisse des Westens gibt. Und sie geben sich keinen Illusionen über das Potenzial einer effektiven globalen Koordinierung der Politik hin.

Unter diesen Umständen werden politische Entscheidungsträger in Schwellenländern der Vernunft den Vorzug vor Kühnheit geben. Sie werden auf einen kurzen Winter für die Weltwirtschaft hoffen und sich trotzdem auf einen langen vorbereiten. Dementsprechend werden sie sich als äußerst zurückhaltend erweisen, wenn es darum geht das in den letzten zehn bis 15 Jahren hart erarbeitete politische Kapital und die mit diesem Gewinn verbundene Widerstandsfähigkeit und Selbstsicherheit aufs Spiel zu setzen. 

Kann man es ihnen verdenken, wenn man sich einen Augenblick in ihre Lage versetzt?

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.