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Brigitte Bardot und die wilden Hunde von Bukarest

Andrei Cornea

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2001-03-06

BUKAREST: Diese Geschichte hätte vielleicht nur unser bester Dramatiker, Eugene Ionesco, hinbekommen. Ionescos Genius bestand darin, eine Welt zu schildern, in der das Absurde triumphiert. Man stelle sich diese Szenerie vor: Bukarest, le petit Paris, eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern, breiten Boulevards und großbürgerlichen Villen, ist heute zur Hälfte eine Stadt in Ruinen. Armut greift um sich, Waisenhäuser mit verlassenen Kindern platzen aus allen Nähten und zahllose Meuten wilder Hunde streunen in den Straßen umher.

All das stößt im Westen auf wenig Interesse, wenn überhaupt. Rumäniens Politiker scheinen ebenso gleichgültig zu sein; die letzten zehn Jahre haben sie mit endlosen Streitereien vergeudet, während unsere postkommunistischen Nachbarn ihre Gesellschaften neu erfanden und sich für die Mitgliedschaft in der EU bereitmachten.

Dann unterbreitet der Bürgermeister von Bukarest, Traian Basescu, einen Plan zur Kontrolle der Hunde: Die Stadtverwaltung wird alle herrenlose Hunde einschläfern. Und plötzlich erwacht das Interesse des Westens. Natürlich nicht, um uns zu helfen – zumindest nicht, um der Stadt zu helfen, in der sich ganze Armeen streunender Hunde aufhalten und sie manchmal wie eine Geisterstadt aus einem Western Sergio Leones erscheinen lassen. Nein, Brigitte Bardot und andere Berühmtheiten, – wir erwarten noch die Ankunft Gerard Depardieus in diesen Tagen – die keine Träne über unsere ungewollten Waisen oder über die von Ceaucescu hinterlassene Massenarmut vergießen können, fliegen nach Bukarest (zweifellos Erster Klasse), um die wilden Hunde zu schützen und unseren Bürgermeister anzuprangern.

Ich habe den Verdacht, dass unsere Wirklichkeit sogar Ionescos Sinn für das Absurde herausfordern würde. Bardot, grauend und mittleren Alters, kam nicht nach Bukarest, um Männer – von den einfachsten zu den bedeutendsten – an ihren Charme zu erinnern, sondern um das zu verhindern, was sie einen „Hundegenozid“ nannte. Aber trotz der groben Rhetorik verabschiedeten sich Frau Bardot und Bürgermeister Basescu nach ihrem Treffen mit einem Küsschen voneinander. „Dreißig Jahre lang habe ich darauf gewartet,“ meinte der errötende Bürgermeister. Da sie keinen Unterschied zwischen den Parteien machen wollte, gab Frau Bardot später auch dem Präsidenten Ion Iliescu ein Küsschen. Nachdem ihre Berühmtheit anerkannt worden war und ihr die Öffentlichkeit ihre Gunst erwiesen hatte, reiste sie dann ab und überließ die wilden Hunde und unsere zerbrochene Gesellschaft ihrem Schicksal.

Die streunenden Hunde von Bukarest sind ein skurriles Erbe des Kommunismus, wie die vielen zur Hälfte fertiggestellten und verlassenen Wohnblöcke, die überall in der Stadt und im ganzen Land zu finden sind. Vor Jahrzehnten gab es in Bukarest viele winzige Häuser mit Höfen und kleinen Gärten. Zum Schutz ihres Eigentums hielten sich die Bewohner Wachhunde. In den 70er und 80er Jahren jedoch ließ Ceaucescu die meisten dieser Häuser abreißen. Der Diktator wollte, dass alle sozialistischen Bürger in sozialistischen Wohnungen leben. Als dann zehntausende Menschen in winzige Standardwohnungen getrieben wurden, wurden viele Hunde ausgesetzt. Wie das rumänische Volk, so überlebten auch sie nur durch Gerissenheit.

Seit 1990 versprachen alle Bürgermeister, das Problem dieser hunderttausenden streunenden Hunde anzugehen. Aber es wurde nichts gegen sie unternommen, da es noch größere Probleme gab – Wohnungsnot und Straßenkriminalität. Zudem sprachen sich viele Menschen gegen die Tötung der Straßenhunde aus. Hin und wieder wurden einige Hunde eingefangen, sterilisiert und wieder freigelassen. Aber die Zahl der Meuten wuchs ständig.

Bürgermeister Basescu will der nächste Chef der Demokratischen Partei werden (an deren Spitze jetzt der frühere Premierminister Petre Roman steht), und man sagt, er bereite sich auf die Präsidentschaftskandidatur 2004 vor. Wenn er als Bürgermeister von Bukarest Erfolg hat, wird dies seine Chancen erhöhen. Und wie kann sich ein Politiker besser in Szene setzen, als wenn er mit einigen scheinbar hartnäckigen Problemen „aufräumt“ – besonders mit einem, das zehn Jahre Inkompetenz und Hoffnungslosigkeit symbolisiert?

So würden, versprach der Bürgermeister, alle Straßenhunde eingefangen und unter Quarantäne gestellt. Die alten und kranken würden eingeschläfert werden, der Rest sterilisiert und geimpft. Unterdessen würden die Leute darum gebeten, so viele Hunde wie möglich aufzunehmen. Die nicht aufgenommenen würden das Los der kranken und alten teilen.

Sogar vor dem Besuch der Bardot belagerten gegen den Plan opponierende Demonstranten das Rathaus. Ein Verteidiger der Menschenrechte, Gabriel Andreescu, verglich das den Straßenhunden drohende Schicksal mit dem Holocaust und dem Gulag. Ein führender Journalist, Cristian Tudor Popescu, warf Tierschützern ihren moralischen Relativismus und ihre Unsensibilität für menschliches Leiden vor.

Unsere Politiker schreien sich für gewöhnlich gegenseitig an, aber Basescu entwaffnete seine Kritiker, indem er zu Repräsentanten von Tierrechtsgruppen sprach. Er sagte ihnen, dass er Grausamkeit gegenüber Tieren ablehne, bestand aber darauf, dass seine Pflicht darin bestünde, den Interessen der Menschen Vorrang vor denen von Hunden einzuräumen. Er bat die Repräsentanten (viele von ihnen waren wohlhabende Frauen), durch die Aufnahme eines Straßenhundes ein persönliches Beispiel zu geben.

Ionesco war kein Moralist, aber auch er würde eine Moral nicht leugnen, die aus dieser Geschichte zu ziehen ist: Wenn Gesellschaften notwendige Maßnahmen unterlassen, wird alles nur schlimmer. Denn genau wie die wilden Hunde von Bukarest, so vermehrten sich auch Rumäniens ungelöste Probleme mit den Jahren. Umfassende soziale Probleme erfordern das Engagement der ganzen Gemeinschaft und nicht einfach nur eine Lösung von oben. Natürlich kann man keine verlassenen Fabriken oder die Masse der Arbeitslosen „aufnehmen“, wie man es mit Hunden kann. Dennoch soll und muss eine Gemeinschaft ihre Bürden auf sich nehmen und teilen.

Eines Tages mag Rumänien tatsächlich diese Lektion lernen. Ich zweifle jedoch daran, dass Berühmtheiten wie die Bardot jemals die Absurdität ihrer unangebrachten Prioritäten erkennen werden – in ein Land zu reisen, in dem Millionen in Verzweiflung und unter entsetzlichen Bedingungen leben, und nur um wilde Hunde besorgt sein.

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AUTHOR INFO

Andrei Cornea is Professor of Philosophy at the University of Bucharest and a leading Romanian essayist.