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Gesunder Menschenverstand bei Kapitalkontrollen

SANTIAGO DE CHILE: Wenige politische Debatten sind seltsamer als die über Kapitalkontrollen. Wenn Sie das Thema gegenüber einem Banker oder Mainstream-Ökonomen anschneiden, kriegen Sie vermutlich eine vehemente Antwort: Kapitalkontrollen funktionieren nicht, weil Spekulanten sie völlig oder nahezu kostenlos umgehen können, aber Länder sollten derartige Kontrollen nie einführen, weil sie das sehr teuer kommt. Bin ich der Einzige, dem sich diese Logik nicht ganz erschließt?

Die nächste Phase des Gesprächs läuft gewöhnlich genauso seltsam ab. Wenn man es mit Flutwellen potenziell destabilisierender Kapitalzuströme zu tun hat, sind Kapitalkontrollen tabu, aber so etwas wie eine prudentielle Regulierung ist OK. Kapitalkontrollen, so wird man Ihnen vermutlich erzählen, unterscheiden zwischen Transaktionen je nach Wohnsitzland der beteiligten Parteien, und das sei schlecht. Prudentielle Regulierung unterscheide auf Basis der Währung oder Laufzeit der Transaktion, und das sei gut.

Falls das Gespräch bei einer Cocktailparty stattfindet, ist dies der Punkt, wo Sie gut beraten wären, um einen weiteren Drink zu bitten.

Aber genau dies war bis vor kurzem der Diskussionsstand. Die große intellektuelle Änderung kam vom Internationalen Währungsfonds, früher ein erklärter Feind von Kapitalkontrollen. Die IWF-Ökonomen haben nämlich aufgehört, das Thema als Frage von Gut und Böse zu behandeln, und betrachten es in einer Reihe von Studien inzwischen als alltägliche wirtschaftliche Entscheidung: Kapitalkontrollen haben Vor- und Nachteile, die sich messen und vergleichen lassen. Der Fonds argumentiert nun, dass sie ein weiteres Hilfsmittel für umsichtige politische Entscheidungsträger sein sollten, das diese je nach Sachlage einsetzen können.

Eine weitere große Änderung kommt aus den schnell wachsenden Schwellenländern, von denen sich viele angesichts der Walze von Geld, das aus den langsam wachsenden hoch entwickelten Ländern zu ihnen strömt, (und angesichts der Kosten, die große und volatile Kapitalflüsse mit sich bringen können,) entschieden haben, Kapitalkontrollen einzusetzen. Brasilien, Indonesien, Südkorea, Thailand und Taiwan haben alle vor kurzem Abwehrmaßnahmen gegen Kapitalzuflüsse eingeführt. Andere Schwellenländer, wie Peru, haben mit demselben Ziel ihre innerstaatliche prudentielle Regulierung verschärft.

Diejenigen, die behaupten, dass Kapitalkontrollen ineffektiv seien, sagen selten dazu, wobei sie angeblich ineffektiv sind. Eine aktuelle Arbeit der Ökonomen Marcos Chamon, Atish Ghosh, Jonathan Ostry und Mahvash Qureshi aus der Forschungsabteilung des IWF legt nahe, dass Kapitalkontrollen sehr wohl effektiv sein können. Die Verfasser kommen zu dem Schluss, dass Kapitalkontrollen, indem sie den Anteil kurzfristiger Schulden in Fremdwährungen an den Gesamtverbindlichkeiten eines Landes reduzieren, die Anfälligkeit gegenüber Finanzkrisen verringern können.

Die IWF-Ökonomen untersuchten, wie es 50 Ländern während des jüngsten globalen Finanzgaus erging, wobei deren Entwicklung anhand des Wirtschaftswachstums 2008-09 im Vergleich zu 2003-2007 gemessen wurde. Ihr zentrales Ergebnis war, dass es Ländern, die bereits vorher Kapitalkontrollen eingerichtet hatten, besser erging – ihre Wachstumsraten fielen während der Krise weniger stark. Der Grund dafür war, dass sie weniger Schulden abzubauen hatten und es weniger freies Kapital im Lande gab, dass im Falle einer globalen Finanzklemme abgezogen werden konnte.

Dies heißt nicht, dass sich mit Kapitalkontrollen alle Probleme lösen lassen: Dieselbe Arbeit zeigt, dass sie relativ ineffektiv dabei sind, Kreditbooms – eine weitere wichtige Ursache wirtschaftlicher Anfälligkeit – zu verhindern. Dies sollte nicht überraschen, da neben internationalen Schuldenflüssen viele weitere Faktoren dazu führen können, dass die Banken eines Landes alle Vorsicht in den Wind schlagen und anfangen, auf waghalsige Weise Kredite zu vergeben.

Die Arbeit zeigt jedoch auch, dass eine innerstaatliche prudentielle Politik – wie etwa die Begrenzung von privaten Hypothekenkrediten auf einen bestimmten Anteil vom Wert des Objekts oder die Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen während eines Wirtschaftsaufschwungs – bei der Beschränkung von Kreditbooms effektiv sein können. Dies legt nahe, dass Kapitalkontrollen und prudentielle Politik einander, anders als häufig angenommenen, ergänzen können.

Auch geben diese Ergebnisse nicht vor, dass Kapitalkontrollen nicht mit Kosten verbunden seien. So erhöhen sie etwa, wie die MIT-Ökonomin Kristin Forbes dokumentiert hat, die Finanzierungskosten von kleinen und mittelgroßen Unternehmen.

Alle angehenden Ökonomen müssen die Kardinalregel der Disziplin erlernen: Regierungen (und übrigens auch Personen) sollten eine Maßnahme bis zu dem Punkt betreiben, an dem Nutzen und Grenzkosten identisch sind. Jüngste Forschungen zeigen, dass sich diese gängige Logik bei sorgfältiger Quantifizierung von Kosten und Nutzen auch auf die Frage anwenden lässt, ob und wann man Kapitalkontrollen anwenden soll. Für einen Ökonomen ist dies ein Grund zum Feiern – kein Cocktail erforderlich.

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