NEW YORK – Der Internationale Währungsfonds wird früher als erwartet einen neuen Geschäftsführenden Direktor bekommen. Seit über zehn Jahren übe ich Kritik an der Führungsstruktur des IWF, die durch die Wahl seines Chefs symbolisiert wird. Gemäß einer informellen Verständigung unter den größten Anteilseignern – der G8 – soll der Geschäftsführende Direktor von den Europäern gestellt und der zweitwichtigste Posten sowie die Spitze der Weltbank von den Amerikanern besetzt werden.
Nach oberflächlicher Beratung mit den Entwicklungsländern haben die Europäer genau wie die Amerikaner ihre Kandidaten normalerweise hinter den Kulissen ausgewählt. Das Ergebnis war allerdings oft weder für den IWF gut, noch für die Weltbank oder die Welt.
Am berüchtigtsten war die Ernennung von Paul Wolfowitz zum Präsidenten der Weltbank, einem der Hauptarchitekten des Irakkrieges. Die dort von ihm getroffenen Entscheidungen waren nicht besser als jene, die dazu geführt haben, dass sich die Vereinigten Staaten auf dieses verhängnisvolle Abenteuer eingelassen haben. Nachdem er den Kampf gegen die Korruption ganz oben auf die Tagesordnung der Weltbank gesetzt hatte, trat er in der Mitte seiner Amtszeit nach dem Vorwurf der Günstlingswirtschaft zurück.
Als sich schließlich in der Folge der durch die USA verursachten Großen Rezession eine neue Ordnung abzuzeichnen schien, einigte sich die G20 (so dachte man zumindest) darauf, dass der nächste IWF-Direktor in einem offenen und transparenten Verfahren ausgewählt werden würde. Man ging davon aus, dass am Ende eines solchen Verfahrens fast sicher ein Geschäftsführender Direktor aus einem Schwellenland stehen würde. Schließlich ist die Hauptverantwortung des IWF die Bekämpfung von Krisen, die meist Entwicklungsländern zu schaffen machen – über einhundert seit die katastrophale Politik der Deregulierung der Finanzmärkte und der Liberalisierung vor etwa 30 Jahren ihren Anfang genommen hat. Viele dieser Schlachten wurden von Helden in den Schwellenländern geschlagen.
Der Umgang mit Krisen erfordert große Sorgfalt. Im Jahr 1997 hat das Missmanagement der Krise in Ostasien durch den IWF und das US-amerikanische Finanzministerium Einbußen zu Rezessionen werden lassen und Rezessionen zu Depressionen. Eine derartige Leistung kann sich die Welt nicht noch einmal erlauben.
Heute droht die Krise in Europa, wo die Europäische Zentralbank ihren eigenen Bilanzen und denen europäischer Banken – schwer mit Schulden aus Irland, Griechenland und Portugal belastet – offenbar Vorrang vor dem Wohlergehen der Bürger dieser Länder einräumt. Eine Umschuldung ist hier höchstwahrscheinlich unumgänglich, doch nachdem die EZB zugelassen hat, dass die Banken über jedes Maß der Besonnenheit hinaus Fremdkapital aufnehmen und sich mit giftigen Wertpapieren beladen, warnt sie jetzt vor Umschuldungen oder Abschreibungen aller Art.
Es ist allerdings ein bisschen spät für die EZB, eine Umschuldung als „undenkbar“ zu bezeichnen. Die EZB hätte sich Gedanken machen sollen, bevor sie derartige Zustände hat aufkommen lassen. Tatsächlich hätte sie nicht nur nachdenken, sondern regulierend eingreifen müssen, um zu verhindern, dass Europas Banken derart verwundbar werden.
Jetzt muss die EZB überlegen wie sie allen helfen kann, nicht nur den Bankern, die die Anleihen gekauft haben. Der neue Denkansatz sollte Menschen in den Vordergrund stellen und Aktionäre von Banken und Inhaber von Anleihen an zweiter Stelle kommen lassen. Sogar wenn die Aktionäre und Anleiheinhaber alles verlieren, können wir mit der richtigen Umstrukturierung immer noch die Banken retten und Steuerzahler und Arbeitnehmer schützen.
Wie der nächste Geschäftsführende Direktor des IWF dieses Problem angehen wird – und ob die finanzielle Rettung durch einen Sparkurs erreicht werden kann, dessen Kosten gewöhnliche Bürger tragen werden, während Banker mit einer milden Verwarnung davonkommen – ist von zentraler Bedeutung, aber schwer vorhersehbar. Obwohl die Strategie des IWF in Ostasien, Lateinamerika und andernorts versagt hat, findet er immer noch Anhänger, sogar innerhalb der Schwellenländer.
Der Kampf um die Nachfolge hat sich anders entwickelt als viele es erwartet haben. Einige der qualifiziertesten Kandidaten (sowohl in Industrie- als auch Entwicklungsländern) haben nicht die Unterstützung ihrer Regierung bekommen, die der politische Prozess offenbar erfordert. Andere qualifizierte Persönlichkeiten aus Schwellenländern zögern mit ihrer Kandidatur – es ist ein Knochenjob, der ein Reiseprogramm beinhaltet, das eine körperliche Belastbarkeit voraussetzt, die mit der geforderten Klugheit und Erfahrung mithalten kann.
So gern ich jemanden aus den Schwellenländern und den Entwicklungsländern an der Spitze des IWF sehen würde, hat es oberste Priorität in einem offenen und transparenten Verfahren einen Führungskopf mit den erforderlichen Fähigkeiten, Verpflichtungen und Verständnissen auszuwählen; jemanden, der den vom Währungsfonds eingeschlagenen Reformkurs fortsetzen wird.
Eine realpolitischer Ansatz könnte bedeuten, dass führende Vertreter sowohl aus China als auch den USA Spitzenpositionen im Managementteam bekleiden und auch die Anmaßung, dass ein Amerikaner den zweitwichtigsten Posten übernimmt, muss fallen gelassen werden.
Unabhängig vom Ergebnis müssen der IWF, die Weltbank und die internationale Gemeinschaft ihre Verpflichtung zu einem offenen und transparenten Auswahlverfahren bekräftigen – und die Frage stellen, wie dieser Prozess verbessert werden kann. So könnten etwa Nominierungen durch Regierungen, denen es häufig widerstrebt hervorragende Kandidaten aus Oppositionsparteien zu unterstützen, durch einen internationalen Nominierungsausschuss ersetzt werden, der Kandidaten vorschlägt. Ebenso könnten Änderungen im Abstimmungsverfahren (öffentliche Abstimmung der Länder, statt durch Stimmrechtsgruppen, in denen die Interessen verschiedener Mitgliedsländer gebündelt sind, oder eine Bedingung, dass sich Kandidaten die Unterstützung einer Mehrheit der Entwicklungs- und Schwellenländer sichern müssen) mehr Vertreter aus Schwellenländern überzeugen zu kandidieren.
Was wir zurzeit beobachten – einen offenen Kampf um die Nachfolge im Gegensatz zu einer Auswahl hinter verschlossenen Türen – scheint ein Schritt in die richtige Richtung zu sein. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass dem neuen IWF-Geschäftsführer nicht durch Wahlkampfversprechen die Hände gebunden sein werden, wie es so oft beim Wettbewerb um Stimmenmehrheiten der Fall ist. Simplifizierende Ideologien haben der Welt den Schlamassel beschert, in dem sie jetzt steckt und simplifizierende Rezepte (auch in Form der Anregung zur „Selbsthilfe durch Sparsamkeit“) werden die Probleme nur verschlimmern.
Einer der führenden Kandidaten für den Posten als nächster Geschäftsführender Direktor des IWF hat sich als Französin entpuppt, Christine Lagarde, die als französische Finanzministerin dazu beigetragen hat, ihr Land aus der Großen Rezession zu führen. Sie ist eine offene Befürworterin von Reformen im Finanzsektor und hat sich den Respekt aller verschafft, die mit ihr zusammengearbeitet haben.
Die Politik macht es guten Kandidaten – und Kandidatinnen – nicht immer leicht. Die Welt sollte dankbar sein, dass es überhaupt eine gibt. Der Ort ihrer Geburt sollte nicht dazu führen, ihre Chancen zu schmälern.


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