Friday, April 18, 2014
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Chinas Stabilitätsgambit

PEKING – Das erste Prinzip, das ich in den späten 1990ern zu Beginn meiner Beschäftigung mit China kennen lernte, war, dass den Chinesen nichts wichtiger ist als Stabilität – wirtschaftlich, sozial oder politisch.

Nach Jahrhunderten von Aufruhr im Land tun die chinesischen Politiker heute alles, was in ihrer Macht steht, um die Stabilität zu erhalten. Immer, wenn ich mir über mögliche politische Entwicklungen in China unsicher war, habe ich die Optionen durch die Stabilitätsbrille betrachtet. Dies hat hervorragend funktioniert.

Auch beim jährlichen chinesischen Entwicklungsforum (China Development Forum, CDF) vom 17. bis 20. März in Peking war Stabilität in aller Munde. Mit Premierminister Wen Jiabao als Gastgeber und aufgrund der Teilnahme vieler Minister des Staatsrats ist das CDF Chinas wichtigste internationale Konferenz. Und trotzdem wurde nur zwei Tage vor dem Beginn des diesjährigen Forums der umstrittene Bo Xilai seines Amtes als Parteisekretär von Chongqing enthoben. Dies war sehr überraschend, weil Bo ein aussichtsreicher Kandidat für die Aufnahme in den ständigen Ausschuss des Politbüros war. Bei unserer Ankunft im staatlichen Gästehaus von Diaoyutai lag ein spürbares Raunen in der Luft.

Die formalen Sitzungen liefen wie erwartet und betonten die zukünftigen strukturellen Transformationen des chinesischen Wachstumsmodells – einen kolossalen Übergang vom allmächtigen Wachstum auf Export- und Investitionsbasis der letzten 32 Jahre hin zu einer mehr konsumgetriebenen Dynamik. Im engeren chinesischen Führungskreis besteht für eine solche Neuausrichtung ein breiter Konsens. Wie es ein Teilnehmer ausdrückte, hat sich die Debatte “davon, was zu tun ist, dahin entwickelt, wie und wann es zu tun ist.”

Viele der anderen Themen ergaben sich aus diesem allgemeinen Fazit. Es wurde der Übergang hin zu einem dienstleistungsgetriebenen Wachstum und einer innovationsbetonten Entwicklungsstrategie betont. Gleichzeitig gab es deutliche Besorgnis über die kürzliche Wiederauferstehung staatseigener Unternehmen, wodurch das Nationaleinkommen anstatt durch Arbeitskraft verstärkt durch Kapital erwirtschaftet wird – ein großes Hindernis für Chinas geplante stärkere Konsumorientierung. Die Weltbank und das China Development Research Center (der Gastgeber des CDF) haben kürzlich einen umfassenden Bericht veröffentlicht, der viele Aspekte dieses schwierigen Themas beleuchtet.

Aber während des formalen Ablaufs des CDF wurde der Elefant im Porzellanladen von Diaoyutai nicht einmal angedeutet. Bo Xilai und die Bedeutung seiner Entlassung für die chinesische Innenpolitik in diesem entscheidenden Jahr des Führungswechsels wurde nicht erwähnt. Es ist leicht, sich in den nachfolgenden Sensationsgeschichten über Palastintrigen zu verlieren, aber ich habe den Verdacht, dass der Abgang von Bo eine viel tiefere Bedeutung hat.

Die chinesische Führung sah sich dem Risiko eines gefährlichen Zusammenspiels politischer und wirtschaftlicher Instabilitäten gegenüber. Nach dem zweiten externen Nachfrageschock in drei Jahren – zuerst durch Amerikas Subprime-Krise und jetzt durch Europas Staatsschuldenkrise – wäre jeder Ausbruch interner politischer Instabilität eine viel größere Bedrohung als sonst.

Bo war eine Personifizierung dieses Risikos. Er hat das sogenannte “Chongqing-Modell” eines Staatskapitalismus verkörpert, der in China in den letzten Jahren auf dem Vormarsch war – von der Regierung gesteuerte Urbanisierung und Wirtschaftsentwicklung, im Rahmen derer sich die Macht in den Händen der regionalen Führung und staatseigener Betriebe konzentriert.

Ich habe in Chongqing – einem riesigen städtischen Ballungsgebiet mit über 34 Millionen Einwohnern – im letzten Sommer einige Zeit verbracht. Ich war erstaunt über das Ausmaß der städtischen Vorhaben. Unter der Leitung des Bürgermeisters von Chongqing, Huang Qifan, der auch der Hauptgestalter des spektakulären Pudong-Entwicklungsprojekts in Shanghai war, wird die Umwandlung des Liangjiang-Gebiets von Chongqing in Chinas erste inländische städtische Entwicklungszone angestrebt. Dadurch würde Liangjiang mit den beiden früheren chinesischen Vorzeigeprojekten gleichziehen – mit Pudong und dem Binhai-Gebiet von Tianjin.

Dies ist allerdings genau das staatlich dominierte Entwicklungsmodell, das auf dem diesjährigen CDF scharf kritisiert wurde – und das in scharfem Kontrast zu der mehr marktorientierten Alternative steht, die von den allermeisten führenden chinesischen Politikern befürwortet wird. Anders gesagt wurde Bo nicht nur als Bedrohung der politischen Stabilität wahrgenommen, sondern auch als führender Repräsentant eines Modells wirtschaftlicher Instabilität. Durch seine schnelle Absetzung hat die Zentralregierung also letztlich ihr Engagement für Stabilität unterstrichen.

Dies passt gut zu einem weiteren merkwürdigen Teil des chinesischen Puzzles. Vor fünf Jahren fand die berühmte Warnung Wens statt, dass die chinesische Wirtschaft Gefahr lief, “instabil, unausgeglichen, unkoordiniert und nicht nachhaltig” zu werden. Die entscheidende Rolle, die diese Warnung bei der Gestaltung der konsumorientierten Strategie des “nächsten Chinas” spielte, habe ich wiederholt betont. Wens Kritik hat den Zielen für Chinas Neuausrichtung den Weg gebahnt.

Aber in ihren formalen Anmerkungen zum diesjährigen CDF hat der engere chinesische Führungszirkel – darunter der designierte Premierminister Li Keqiang – alle expliziten Referenzen zu den Risiken einer “instabilen” chinesischen Wirtschaft weggelassen. Also bleiben von den vier Kritikpunkten Wens nur noch drei übrig.

In China sind solche sprachlichen Änderungen kein Zufall. Die wahrscheinlichste Interpretation ist, dass die Führung in Bezug auf Stabilität keine Zugeständnisse mehr machen will. Mit der Behebung wirtschaftlicher Instabilität durch eine konsumorientierte Neuausrichtung und der Abwehr politischer Instabilität durch die Absetzung von Bo wurde Stabilität von einem Risikofaktor zu einem eisernen Grundsatz.

Über die Kernaussage der chinesischen Führung kann heute kein Zweifel mehr bestehen. Ihre Mitglieder sind die ersten, die zugeben, dass sich ihre Wachstums- und Entwicklungsstrategie an einem entscheidenden Punkt befindet. Sie haben Angst, dass die “Reformen und Öffnungen” Deng Xiaopings an Momentum verlieren könnten. Indem sie das Zusammenspiel wirtschaftlicher und politischer Stabilitätsrisiken beeinflusst, bereitet die Regierung den Weg für die nächste Phase von Chinas außergewöhnlicher Entwicklung. Ich würde niemandem empfehlen, gegen ihre Entschiedenheit, dieses Ziel zu erreichen, eine Wette einzugehen.

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  1. CommentedProcyon Mukherjee

    I see in this pro-consumer –domestic rebalancing as opposed to labor intensive exports a new challenge for the developed world as in this dynamic the biggest impact would be on ‘dollar savings’ that China orchestrates, the gluttony of which impedes on the interest rates to zoom as the marginal savings rate helps to leeway to the float that U.S. Treasury needs. This will further direct the economy to raise its wage rates as the domestic sector would get the much needed fillip from the rise in the domestic demand. This will be the tipping point, for China, its impact on the rest of the world needs to be evaluated.

    Procyon Mukherjee

  2. CommentedMilo Jones

    For a banker, the author evinces an extraordinary faith in the ability of the Chinese leadership to control and manage the Chinese economy. Given how little they know about so many aspects of it, their perverse incentives, and the surety that the unintended consequences of any policy will outstrip the intended consequences, I wouldn't be so sure that stability can be maintained. After all, even the degree of urbanization in China is both uncertain and subject to widespread manipulation and misrepresentation (See "“Facts” Everybody Knows – Statistical Cautions about the BRICs: http://silberzahnjones.com/2011/04/08/statistical-cautions/).

  3. CommentedZsolt Hermann

    This desperate attempt by the Chinese leaders, described in the article reflects our human concern, that we always try to remain in control, that we feel ourselves above the system we live in and believe we can direct everything around us, mostly by force and coercion, keeping a tight grip on things.
    At the same time what we learn through the global crisis is that even institutions we ourselves created, our social, political or economical system just to mention the most obvious, are slipping through our fingers, are falling apart, and we are standing after our whole evolution so far, at the point of not knowing who we are and where we are, and especially where we should be heading.
    So does this mean that the western point of view, especially the US Republican point of view asking for total freedom, minimal central control, that everybody can basically do whatever they like is the right approach, or the "balanced European" approach is the right one?
    Unfortunately none of them are correct. It does not matter which approach we choose until we do not understand the vast natural system we are just part of, and we do not accept that in order to succeed, to have a sustainable future and to survive we need to harmonize ourselves with this system.
    Our inherent human nature is all about subjective self calculations, maximum self profit with minimum or zero concern for others or for the environment we exist in.
    The vast natural system around us is based and is surviving by homoeostasis, all the elements of the system (except humans) instinctively following this law of overall harmony and mutuality.
    Even our healthy human body is based on the same principles, still when it comes to how we relate to each other or to the environment around us we fall back into our selfish, egoistic nature.
    Today as even humanity has evolved into the global, integral network, from which none of us can escape, break out, we cannot ignore the laws of integral systems.
    It is as if so far "we were given" a loose, free playground, a vacuum where we could experiment with different models, go through different stages, but from now on the "playtime" is over and we need to mature and adapt to the system.
    The Chinese leaders are not alone in their search for the perfect formula for the future, the whole of humanity is in it together.
    And as it happens in global, integral systems the answers can only come when we truly start to cooperate, in a mutually responsible fashion, for the benefit of the whole system, taking into consideration all of its elements.

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