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Weiche Landung in China

NEW HAVEN: Chinas Konjunktur verlangsamt sich. Bei einer exportorientierten Wirtschaft, die von der nachlassenden globalen Nachfrage abhängig ist, kann dies nicht überraschen. Doch dürfte Chinas drohender Konjunkturabschwung vermutlich sowohl zu bewältigen als auch willkommen sein. Befürchtungen über eine harte Landung sind übertrieben.

Sicher, die wirtschaftlichen Daten haben sich abgeschwächt. Die Einkaufsmanager-Indizes drohen nun, den Schwellenwert von 50 zu erreichen, der seit langem mit Nullwachstum gleichgesetzt wird. Ähnliche Abwärtstrends sind bei einer breiten Palette führender Indikatoren zu bemerken – von den Verbrauchererwartungen, der Geldmenge und dem Aktienmarkt bis hin zur Stahlproduktion, dem Umsatz bei den Industrieprodukten und den Neubauten.

Aber dies ist nicht 2008. Damals brach der Welthandel zusammen, was schon den Rückgang beim Welthandelsvolumen von 10,7% in 2009 andeutete – der stärkste jährliche Abschwung seit den 1930er Jahren. Als Reaktion darauf verzeichnete Chinas Exportleistung nach einem jährlichen Wachstum von 26% im Juli 2008 eine Kontraktion von 27% bis Februar 2009. Das sequenzielle BIP-Wachstum verlangsamte sich auf einen Wert im einstelligen Bereich – für chinesische Standards praktisch ein Stillstand. Und laut Berichten verloren mehr als 20 Millionen Wanderarbeiter in der exportorientierten Provinz Guangdong ihre Jobs. Ende 2008 erlebte China das funktionale Äquivalent einer ausgewachsenen Rezession.

Dank massiver fiskalpolitischer Impulse konnte China Anfang 2009 den Absturz vermeiden. Doch dieser bankenfinanzierte Investitionsboom hatte seinen Preis. Die Schulden der Kommunen schossen steil in die Höhe, und die Anlageinvestitionen schwollen auf nie da gewesene 50% vom BIP an. Es kamen Befürchtungen über eine weitere Bankenkrise, den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch einer monströsen Immobilienblase und galoppierende Inflation auf. Und da dazu noch eine schmerzhafte Krise in Europa kam, schein eine Wiederholung der Entwicklungen des Jahres 2008 nicht länger abwegig.

Obwohl in jeder dieser chinaspezifischen Befürchtungen ein Quäntchen Wahrheit steckt, bedingen sie nicht per se eine harte Landung. Die Anzahl der notleidenden Kredite wird sich in Reaktion auf das kommunale Kreditengagement des Bankensektors in Höhe von 1,7 Billionen Dollar – viele dieser Kredite wurden viele im Rahmen der Konjunkturimpulse der Jahre 2008-2009 aufgenommen –, mit Sicherheit erhöhen. Doch die befürchtete Verschlechterung der Kreditqualität ist übertrieben.

Angesichts einer erwarteten Migration von mehr als 310 Millionen Menschen vom Land in die Städte innerhalb der nächsten 20 Jahre besteht nämlich Grund zu der Annahme, dass ein Großteil des scheinbaren Wohnungsüberhangs stetig absorbiert werden wird. Wie Shanghai Pudong Ende der 1990er Jahre dürften auch die heutigen chinesischen „Geisterstädte“ in nicht zu ferner Zukunft florierende urbane Zentren sein. Zudem verfügen die einlagenstarken chinesischen Banken über ausreichend Liquidität, um potenzielle Verluste zu absorbieren; das systemweite Verhältnis von Krediten zu Einlagen beträgt lediglich etwa 65% – deutlich weniger als vor Ausbruch der Krise, wo es in der Regel eher 120% waren (aktuelle Analyse des Xerion-Teams von Perella Weinberg Partners).

Auch steht der chinesische Immobilienmarkt nicht vor dem Zusammenbruch. Ja, es hat einen Bauboom und spekulative Übertreibungen gegeben. Aber vor anderthalb Jahren hat die Regierung aggressive Schritte unternommen, um vom Erwerb mehrerer Immobilien abzuschrecken; u.a. hat sie die Anzahlungen für Zweitwohnsitze auf 50% und für Drittwohnsitze auf 100% erhöht. Obwohl dies die Spekulation erheblich begrenzt hat, verharren die Häuserpreise nach wie vor auf einem erhöhten Niveau – was die anhaltenden Erschwinglichkeitsprobleme für Chinas entstehende Mittelschicht unterstreicht.

Ungeachtet dieses Problems dürften größere Ungleichgewichte auf den chinesischen Immobilienmärkten in den kommenden beiden Jahrzehnten eher die Ausnahme sein. Auch wenn es innerhalb der einzelnen Jahre Fehlanpassungen zwischen Angebot und Nachfrage geben könnte, dürfte die steigende Nachfrage angesichts der durchschnittlich rund 15 Millionen Bürger, die den Prognosen zufolge vom Land in die neuen städtischen Gebiete umziehen werden, das Angebot auffangen.

Inflation ist in China immer ein ernstes Risiko – insbesondere bei einer Gesamtinflation, die laut dem Verbraucherpreisindex des Landes in diesem Sommer die 6%-Schwelle durchstoßen hat. Die Regierung hat hierauf an vier Fronten kraftvoll reagiert.

Erstens wurde der Inflation bei den Nahrungsmitteln, die etwa die Hälfte des jüngsten Anstiegs der Gesamtpreise ausmacht, durch Verwaltungsmaßnahmen begegnet, die darauf abzielen, die Kosten für Düngemittel zu senken und Engpässe bei der Versorgung mit Schweinefleisch, Speiseöl und Gemüse zu beseitigen. Zweitens wurden, um die übermäßige Kreditvergabe durch die Banken zu begrenzen, in den vergangenen elf Monaten neunmal die Mindestreservesätze angehoben. Drittens wurde das Tempo der Währungsaufwertung beschleunigt. Und schließlich – was vielleicht am wichtigsten ist – hat die Chinesische Volksbank seit Oktober 2010 fünfmal den Leitzins erhöht. Die Zinsen für einjährige Kredite liegen inzwischen bei 6,5% und damit 0,3% über der Gesamtinflationsrate vom August.

Falls die Nahrungsmittelinflation weiter zurückgeht und die Gesamtinflationsrate sich der Kernrate (ohne Lebensmittel) von 3% annähert, wird das Ergebnis real (inflationsbereinigt) auf eine „passive Straffung der Geldpolitik“ hinauslaufen – genau, was die zur Inflation neigende chinesische Volkswirtschaft braucht.

All dies unterstreicht einen potenziellen Silberstreifen am Horizont. Die zunehmend aus dem Gleichgewicht kommende chinesische Wirtschaft kann sich kein dauerhaftes BIP-Wachstum von 10% leisten. Vorausgesetzt, dass es nicht erneut zu einer schweren Erschütterung der Außennachfrage kommt wie 2008 – was unwahrscheinlich ist, sofern Europa nicht in sich zusammenfällt –, besteht berechtigter Anlass zur Hoffnung auf eine weiche Landung mit etwa 8% BIP-Wachstum. Eine Verlangsamung zu diesem nachhaltigeren Wachstumstempo würde die chinesische Volkswirtschaft, die schon lange unter einem übermäßigen Ressourcenverbrauch, Engpässen auf dem Arbeitsmarkt, Liquiditätsüberschüssen, einer großen Anhäufung von Devisenreserven und zunehmendem Inflationsdruck leidet, in willkommener Weise entlasten.

Für China haben die jüngsten globalen Entwicklungen eine tiefere Bedeutung. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren wurde ein deutlicher Warnschuss auf die exportorientierte Wirtschaft abgegeben. Erst die USA, jetzt Europa: Die beiden wichtigsten Exportmärkte Chinas sind in ernsten Schwierigkeiten, und als verlässliche, nachhaltige Quellen der Außennachfrage kann man nicht länger auf sie zählen. Infolgedessen stellen sich nun wichtige Fragen über die Speisung von Chinas lange Zeit starkem exportorientiertem Wachstumsmodell.

Entsprechend hat China keine andere Wahl, als schnell zu handeln, um die verbrauchsfreundlichen Initiativen in seinem kürzlich verabschiedeten zwölften Fünfjahresplan umzusetzen. Beim modernen China dreht sich alles um den strategischen Wandel. Den gab es, als vor 30 Jahren die Wirtschaftsreformen begannen. Und es muss ihn heute wieder geben. Eine weiche Landung bietet China ein Zeitfenster, um die formidable Aufgabe der zunehmend dringenden wirtschaftlichen Neuausbalancierung voranzutreiben. 

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