Die westlichen Medien haben die Angewohnheit, sich auf gewisse Themen einzuschießen. Im Falle Chinas waren dies jüngst Meldungen im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln. Die Hinrichtung des ehemaligen Leiters der staatlichen chinesischen Nahrungs- und Arzneimittelbehörde (SFDA), Zhen Xiaoyu, der fast 1 Million Dollar an Bestechungsgeldern kassierte, zeigt, dass diese ungeheure Thematisierung auch auf China übergegriffen hat.
Zunächst begann es mit einer Flut von Meldungen über Tierfutter, in dem Melamin (ein Kohlederivat) gefunden wurde, Hustensäfte und Zahnpasta, die Diethylenglykol enthielten (eine süßlich schmeckende Industriechemikalie, die normalerweise in Frostschutzmitteln und Bremsflüssigkeiten eingesetzt wird), Spielzeugeisenbahnen, die mit bleihältigen Farben lackiert waren, Antibiotika, in denen sich Bakterien befanden, explodierende Mobiltelefonbatterien und defekte Autoreifen.
Jetzt stehen Nahrungsmittel im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Zeitungen dieser Welt sind voll von Meldungen über Honig, der mit industriellen Süßmitteln versetzt wurde, Konservendosen, die mit Bakterien und überhöhten Mengen an Konservierungsmitteln belastet sind, Reiswein, der mit Industriealkohol gepanscht wurde sowie Fisch, Aal und Schrimps, die unter Einsatz von hochdosierten Antibiotika auf Fischfarmen gezüchtet und anschließend mit Formaldehyd gespült werden, um die Bakterienzahl zu senken.
Chinas Regierung reagierte darauf fast unverzüglich. Die Generalverwaltung für Qualitätskontrolle, Inspektion und Quarantäne führte eine Studie durch und berichtete, dass beinahe ein Fünftel aller in China für den heimischen Markt hergestellten Produkte nicht den Sicherheits- und Qualitätsansprüchen genügen. Gleichzeitig setzten die Regulierungsbehörden auf vermehrte Inspektionen, schlossen ungefähr 180 Nahrungsmittel verarbeitende Betriebe und stellten die Namen der Übeltäter auf ihre Webseite.
Außerdem wurde nicht nur Zhen Xiaouyu hingerichtet, sondern auch der bei der SFDA für die Zulassung von Arzneimitteln verantwortliche Cao Wenzhuang, der ungefähr 300.000 Dollar an Schmiergeldern kassiert hatte. Mit beiden Urteilen wollte man zweifellos „ein paar Hühner töten, um die Affen zu erschrecken“, wie ein chinesisches Sprichwort sagt.
Aber warum überrascht uns das? Im Grunde genommen ist der „Kapitalismus chinesischer Prägung” zuweilen doch ein chaotisches Gerangel. Ungefähr 75 % der Nahrungsmittel Chinas werden in kleinen, privaten und nicht lizensierten Betrieben hergestellt, die schwer zu regulieren sind.
Ohne große Kenntnisse der tektonischen Veränderungen in China haben Ausländer dort investiert, gekauft, gehandelt und den erstaunlichen, aber ungezügelten „Wirtschaftsboom“ überschwänglich gepriesen. Offene Diskussionen über die dunklen Seiten dieser Entwicklung wurden für „Freunde Chinas“ schwierig, weil man fürchtete, dass derartige Debatten als „China-Bashing“ ausgelegt werden könnten.
Aber auch die Chinesen selbst hatten durchaus eine Ahnung, dass es mit der Reinheit ihrer Nahrungs- und Arzneimittel sowie ihres Wassers und der Luft nicht weit her ist. Schon lange brodelte es in der Gerüchteküche, und es hieß, dass manches in die falsche Richtung laufen soll. In einem Kleinbetrieb zerrieb man Rigipsplatten, füllte das Pulver in Gelkapseln und verkaufte diese als Medikament. Die Bewohner eines Bauerndorfes wühlten in den Müllcontainern eines Krankenhauses, sammelten dort chirurgische Instrumente und Geräte ein, um sie in einem nahegelegenen Kanal zu waschen, in versiegelte Plastiktüten – mit der Aufschrift „steril“ – zu verpacken und das Ganze zum Sonderpreis wieder an das Krankenhaus zu verkaufen.
Dabei ist es natürlich auch nicht hilfreich, dass die Kommunistische Partei eine freie Presse und eine starke Zivilgesellschaft verabscheut - beides wesentliche Elemente einer Informationswirkungskette, die das Wohlergehen eines Landes sichert.
Ebenso wenig hilfreich ist, dass Chinas Regulierungsbehörden dem Wachstum seiner Wirtschaft weit hinterher hinken. So arbeiten beispielsweise im Pekinger Büro der chinesischen Umweltschutzbehörde weniger als 300 Beamte, während bei der Umweltschutzbehörde der Vereinigten Staaten über 17.000 Menschen beschäftigt sind.
Aufgrund des rasanten Wachstums in Richtung Wohlstand und Macht hatte man wenig Gelegenheit, alle kompensatorischen Institutionen zu schaffen, die jede wirklich entwickelte, um nicht zu sagen aufgeklärte, Gesellschaft braucht, um ein Gleichgewicht und soziale Gesundheit zu erreichen.
Aber in der globalisierten Welt von heute, wo Staatsgrenzen zu Synapsen für unzählige nicht kontrollierbare Interaktionen werden, sind die Probleme eines Landes automatisch die Probleme aller Länder. Bevor wir hier im Westen also Chinas Problemen bei der Qualitätskontrolle allzu kritisch begegnen, sollten wir uns unserer Mitschuld bewusst werden, aus China einen globalen Industriepark und eine globale Deponie für Giftstoffe aus vielen Industriezweigen gemacht zu haben. Obwohl wir den Verlust von Industriearbeitsplätzen durch das „Outsourcing“ beklagen, hört man nichts dergleichen über den massiven Export von Umweltverschmutzung nach China.
China wird seinen zügellosen Eifer, den es bei seiner Industrialisierung an den Tag gelegt hat, möglicherweise einmal bereuen. Schon heute erwachen die Chinesen langsam aus dem Taumel einer Entwicklung, die sie ergriff, als sie gerade die nicht überreich mit Gütern gesegnete Zeit der Kulturrevolution hinter sich ließen. In einer Welt des Mangels war mehr einfach besser.
Ebenso wie der Westen vor einigen Jahrzehnten zu begreifen begann, dass die Ausnutzung der Umwelt ihre Grenzen hat, sind nun auch in China erste Anzeichen des Eintritts in eine postindustrielle Phase zu erkennen. Statt also einfach nur unsere Türen für chinesische Produkte zu versperren könnten wir ebenso gut überlegen, China zu helfen, indem wir die Türen unserer Regulierungsbehörden für chinesische Behörden dieser Art öffnen.
Damit wäre auch uns geholfen. Denn wir leben mit „strategischen Mitbewerbern“ wie China auf einer Welt und teilen uns Luft, Wasser, Industriegüter und sogar Nahrungsmittel.


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