Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Chinas beeindruckende wirtschaftliche Leistungen während der vergangenen drei Jahrzehnte größtenteils auf die radikale Reform seines Wirtschaftssystems zurückzuführen sind. Während es zu Beginn dieser Reformen so gut wie keine Firmen in Privatbesitz gab, sind private Unternehmen heute für etwa 60% der Gesamtproduktion verantwortlich.
Eigentum ist jedoch nur eine Dimension eines Wirtschaftssystems. Chinas Wirtschaftssystem hat sich ebenso drastisch in anderen Bereichen verändert. Das Fällen von Entscheidungen in Bezug auf Konsum und Produktion wurde weitestgehend dezentralisiert und Privathaushalten beziehungsweise Firmen übertragen; wirtschaftliche Anreize, Märkte, Wettbewerb und Internationalisierung haben in beträchtlichem Ausmaß Anordnungen, Verwaltungsvorgänge, Monopol und Autarkie abgelöst. Im Großen und Ganzen stellt Chinas Reformperiode ein krasses modernes Beispiel für die historische Lehre dar, dass die Freisetzung individueller Initiative die Tendenz zur Ankurbelung der wirtschaftlichen Entwicklung hat.
Wie sollte die chinesische Wirtschaft von heute demnach charakterisiert werden? Einige Beobachter beschreiben das aktuelle Wirtschaftssystem in China als “Staatskapitalismus”; andere (einschließlich der chinesischen Machthaber) bezeichnen es als “Marktsozialismus”. Beide Bezeichnungen sind irreführend. Ein Grund ist die Dominanz privater Firmen auf Produktionsseite. Ein weiterer ist die Tatsache, dass “Sozialismus” gewöhnlich nicht auf starken wirtschaftlichen Anreizen und Wettbewerb beruht, die im heutigen China die vorherrschenden Wirtschaftsfaktoren darstellen.
Tatsächlich ist China eine Art Mischwirtschaft mit einer Reihe spezifischer Merkmale, von denen einige das Wachstum des BIP begünstigen, während andere die Wirtschaft bisher nicht in bedeutungsvollem Ausmaß gebremst haben. Allerdings wird sich diese Situation wahrscheinlich ändern. Deshalb werden weitere Reformen den Ausschlag bei der Entscheidung über die zukünftige Wirtschaftsleistung Chinas geben.
Obwohl die Internationalisierung der Wirtschaft China gut bekommen ist, ist es unwahrscheinlich, dass der auf Exporten und der starken Abhängigkeit von ausländischen Technologien beruhende gegenwärtige Anteil des BIP in Höhe von 35% langfristig aufrechtzuerhalten ist. Ein weiteres spezifisches Merkmal der chinesischen Wirtschaft, das ähnlich instabil wirkt, sind Spannungen zwischen den weitverbreiteten Firmen in Privatbesitz und den allgegenwärtigen Vermögenswerten in Staatsbesitz.
So verzerren staatseigene Banken zum Beispiel die Ressourcenallokation, indem sie Privatunternehmen bei der Kreditgewährung benachteiligen. Chinas Agrarwirtschaft hält ein weiteres Beispiel für Spannungen zwischen privatem Unternehmertum und dem staatlichen Besitz von Vermögenswerten bereit. So schadet insbesondere der staatliche Besitz von Land den Investitionsanreizen von Familienbetrieben und verringert ihre Chancen ihren Grundbesitz zu mehren, um Einsparungen aus einer Produktionsvergrößerung auszuschöpfen.
Es ist dringend notwendig, diese aus dem Besitz von Unternehmen und Vermögenswerten entstehenden Spannungen abzubauen, da das Hinzukommen und die Expansion kleiner Privatunternehmen an Bedeutung gewinnen wird, wenn Chinas Binnenmärkte und inländische Innovationen eine größere Rolle spielen müssen. Damit China den maximalen Vorteil aus dem privaten Unternehmertum ziehen kann, ist es wichtig den Anteil an finanziellen Aktiva und Grundbesitz weiter aus dem öffentlichen Sektor heraus zu verlagern.
Dies würde auch dazu beitragen die endemische Korruption anzugehen, die ebenfalls ein spezifisches Merkmal des chinesischen Wirtschaftssystem darstellt. Solange Politiker und Bürokraten viel an Firmen und Privatpersonen zu “verkaufen” haben – einschließlich rationierter Darlehen von Banken des öffentlichen Sektors und behördlicher Genehmigungen verschiedener Art – ist es schwierig Korruption drastisch zu verringern. In ländlichen Gegenden kommt es zu Korruption, weil auf Ländereien in Kollektivbesitz arbeitenden Bauern häufig ihre Pachtrechte entzogen werden, die lokale Beamte dann an Unternehmen übertragen, die Bauland erschließen. In beiden Fällen wird sich die Regierung nicht nur energisch gegen eine moralisch verwerfliche Haltung aussprechen müssen, sondern auch für institutionelle Reformen, einschließlich weiterer Deregulierung, einer Stärkung der Eigentumsrechte und mehr Vermögenswerte in Privatbesitz. Unabhängige Medien wären ebenfalls hilfreich.
Es steht außer Frage, dass einige Formen von Korruption, einschließlich der Zerschlagung von Unternehmen im Zusammenhang mit der Privatisierung von Unternehmen des öffentlichen Sektors die Entstehung einer Klasse privater Kapitalisten und Unternehmer beschleunigt haben. Sollte Korruption aber zu einem dauerhaften Element des chinesischen Wirtschaftssystems werden, wird dies wahrscheinlich sowohl die Effizienz der Ressourcenallokation verringern als auch die Legitimität des privaten Unternehmertums schädigen.
Ebenso muss China von seiner enorm “extensiven” (Ressourcen verzehrenden) Wachstumsstrategie abkehren und einen “intensiveren” Entwicklungspfad einschlagen. Obwohl hohes Wachstum in großem Umfang Kapitalbildung voraussetzt, scheint das Verhältnis zwischen Anlageinvestitionen und Investitionen in das Leistungspotenzial bzw. Arbeitsvermögen aus dem Lot geraten zu sein. Dies zeigt sich im aktuellen Verhältnis der Anlageinvestitionen zum BIP in Höhe von 43% im Vergleich zu 4,3% Investitionen in das Arbeitsvermögen in Form von Bildung. Chinas Wachstum wäre effizienter, wenn dieses Verhältnis sich zu Gunsten von Bildung ändern würde, einschließlich der sehr schwach entwickelten beruflichen Ausbildung.
Zudem wird die Beseitigung der gegenwärtigen überwältigenden Verschwendung natürlicher Ressourcen, die den außerordentlich hohen Grad der Umweltverschmutzung unterstützt, reformierte rechtliche Rahmenbedingungen erfordern, einschließlich höherer Verbraucherpreise für Energie, Rohmaterialien und natürlicher Rohstoffe. Durch eine Verlagerung auf eine weniger ressourcenabhängige Entwicklungsstrategie stünden mehr Ressourcen für Verbesserungen der oft vernachlässigten sozialen Vorkehrungen des Landes zur Verfügung, insbesondere unter der Landbevölkerung und “urbanen Außenseitern” (Personen in informellen urbanen Sektoren). Hierzu zählen Chinas lückenhafte Vorkehrungen zur Einkommenssicherung sowie seine, insbesondere in ländlichen Gegenden, unregelmäßige Versorgung mit sozialen Diensten, so etwa in den Bereichen Gesundheit und Bildung.
Die Argumente für die Verbindung eines weiteren Rückzugs des Staates aus dem Produktionssystem mit mehr Engagement im sozialen Bereich sind überzeugend. Indem Chinas Machthaber ihrem Interesse am einheimischen Unternehmertum, sozialen Maßnahmen, ländlicher Entwicklung und Umweltschutz Ausdruck verleihen, scheinen sie dies zu versprechen. Erst die Zukunft wird zeigen, in welchem Umfang und wie schnell solche Versprechungen erfüllt werden.


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