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Chinas Kampfansage an Lateinamerika

Die Beziehungen zwischen China und Lateinamerika sowie dem karibischen Raum sind paradox. Obwohl der bilaterale Handel in den letzten Jahren anstieg und die diplomatischen Beziehungen gefestigt wurden, bleibt zwischen den beiden Regionen ein Verständnisdefizit bestehen und in einigen Fällen nehmen die Spannungen zu. Kaum ein Großprojekt zwischen China und Lateinamerika wurde vom privaten, öffentlichen oder wissenschaftlichen Sektor lanciert und die bilateralen Institutionen entsprechen noch nicht dem Ausmaß der wirtschaftlichen Dynamik.

Dieses Paradoxon beruht auf zwei Aspekten. Erstens haben viele chinesische Unternehmen – vor allem aus dem Grundnahrungsmittel- und Rohstoffsektor wie Soja, Fleisch, Eisen, Stahl, Kupfer und Öl - entweder durch Direktinvestitionen oder durch den Kauf von Produkten und/oder Firmen Aktivitäten in Lateinamerika entwickelt. In geringerem Ausmaß haben lateinamerikanische Unternehmen - wie beispielsweise Gruma, Modelo, Embraer, Marco Polo und Embraco – erfolgreich auf dem chinesischen Markt Fuß gefasst.

Dennoch bleibt Lateinamerika für China ein zweitrangiger Wirtschafts- und Handelspartner. Der Anteil der Exporte nach Lateinamerika und in den karibischen Raum betrug im Jahr 2006 3,7 % und die Importe aus diesen Regionen 4,3 %. Der bilaterale Handel jedoch verzeichnete beeindruckende Zuwachsraten. Zwischen 1995 und 2006 stiegen die chinesischen Exporte um 24, 8 % und die Importe um 23,9 %.

Tatsächlich ist China für praktisch alle lateinamerikanischen Länder einer der zehn wichtigsten Handelspartner – in mehreren Ländern rangiert China an zweiter Stelle – und die Wachstumsraten liegen weit über dem Gesamthandelsvolumen. Sogar in den karibischen und zentralamerikanischen Staaten – von denen manche nicht einmal diplomatische Beziehungen mit China unterhalten – entwickelte sich das Geschäft mit China gedeihlich.

Zweitens hat der große Durchbruch Chinas auf den Märkten der USA und der Europäischen Union in vielen Fällen asiatische und lateinamerikanische Mitbewerber verdrängt. Im Fall der USA beispielsweise stagniert der Anteil der Importe aus Lateinamerika seit dem Jahr 2000 bei ungefähr 17 %. In Wirklichkeit ist der Anteil der amerikanischen Importe aus großen Produktionsländern wie Argentinien, Brasilien und Mexiko sogar gefallen, während der Anteil der Importe aus China von 3 % im Jahr 1990 auf 16 % im Jahr 2006 angestiegen ist.

China ist eine starke ideologische Herausforderung für die Region, vor allem für den Status quo der Wirtschaftspolitik, wie sie von der Mehrheit der multilateralen Institutionen seit den 1980er Jahren betrieben wird. Mit einem Pro-Kopf-BIP, das – unter „ideologisch falschen“ Bedingungen – zwischen 1980 und 2005 17,3 Mal rascher gewachsen ist als der Vergleichswert in Lateinamerika, verkörpert China so etwas wie „den schlechtesten Studenten, der den besten Job bekommt“.

Im Gegensatz zu den meisten lateinamerikanischen Ländern ist der öffentliche Sektor in China durch direkte Eigentümerschaft oder die Kontrolle der Anreize in den privaten Sektoren allgegenwärtig. China hat auch seine Arbeits- und Produktmärkte nicht liberalisiert und wacht streng über den Wechselkurs seiner Währung und die Kapitalbilanz. Desgleichen werden Fünfjahrespläne entwickelt und in vielen Fällen – wie in Wissenschaft und Forschung – gibt es Pläne, deren Laufzeit 15 Jahre überschreiten.

Dennoch hat China mit seinen billigeren Arbeitskräften und schnellerem technologischem Wachstum höhere Wettbewerbsfähigkeit im Export erreicht als Lateinamerika und seit dem Jahr 2000 in Schlüsselsektoren – wie der textilverarbeitenden Industrie, Elektronik und Möbel – mehrere lateinamerikanische Länder verdrängt. Während China technologisch zunehmend anspruchsvollere Produkte exportiert, bestehen die lateinamerikanischen Exporte weiterhin aus Grundprodukten mit minimaler Wertschöpfung.

China ist auch für Länder wie Brasilien, die bis jetzt einen bedeutenden Handelsbilanzüberschuss aufweisen, eine massive Herausforderung. Die Einteilung lateinamerikanischer Länder in „Sieger“ und „Verlierer“ ergibt daher keinen Sinn. Neben dem Import von Grundprodukten exportiert China Industriegüter in die gesamte Region. Laut Informationen des Brasilianisch-Chinesischen Wirtschaftsrates wird Brasilien trotz wachsender Exporte von Mineralien und landwirtschaftlichen Produkten im Jahr 2007 sein erstes Handelsbilanzdefizit mit China erreichen. Mittelamerika und Mexiko weisen schon jahrelang bilaterale Handelsdefizite auf. So betrug das mexikanische Import-Export-Verhältnis im Jahr 2006 16:1.

Die lateinamerikanischen Länder würden daher von einer offenen, ideologiefreien und kritischen Analyse der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten profitieren. Außerdem brauchen sie eine – über die Diplomatie hinausgehende - effektive Annäherung, wozu auch vermehrte Investitionen in bilaterale Institutionen gehören. Andernfalls werden die Beziehungen zwischen China und Lateinamerika, obwohl ihre Bedeutung weiterhin zunimmt, alles andere als harmonisch verlaufen.

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