CAMBRIDGE – Die chinesisch-amerikanischen Beziehungen sind einmal wieder in einem Abwärtstrend begriffen. China hat gegen den Empfang des Dalai Lama im Weißen Haus durch Präsident Obama und gegen die Waffenverkäufe der amerikanischen Regierung an Taiwan protestiert. Keine der beiden Entscheidungen kam überraschend, aber einige chinesische Politiker hatten erwartet, dass Obama mehr Rücksicht auf das nehmen würde, was China als sein „Kerninteresse“ an nationaler Einheit ansieht.
Geplant war dieser Ausgang der Dinge eigentlich nicht. Vor einem Jahr hat die Obama-Administration große Anstrengungen unternommen, um China entgegenzukommen. Außenministerin Hillary Clinton sprach davon, dass man in demselben Boot säße und dass China und die USA „gemeinsam aufsteigen und gemeinsam abstürzen" würden. Finanzminister Timothy Geithner sagte, er verbrächte mit niemandem mehr Zeit für Abstimmungen als mit seinen chinesischen Gesprächspartnern. Einige Beobachter sprachen sogar von einem US-chinesischen „G2“, der die Weltwirtschaft kontrolliere.
Die G2-Idee war schon immer unklug. Die europäische Wirtschaft ist größer als die US-amerikanische oder die chinesische Wirtschaft, und die japanische Wirtschaft hat zurzeit ungefähr dieselbe Größe wie die chinesische. Deren Mitwirkung an der Lösung globaler Probleme ist unverzichtbar. Die wachsende Zusammenarbeit der USA und China im Rahmen der G20 im vergangenen Jahr war ein positives Zeichen, sowohl für bilaterale als auch für multilaterale Kooperation.
Welche Vorbehalte es auch immer in Bezug auf die jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Dalai Lama und Taiwan gibt, es ist wichtig festzuhalten, dass sich die Beziehungen zwischen den USA und China bereits vorher verschlechtert hatten. Viele amerikanische Abgeordnete beschweren sich zum Beispiel darüber, dass die chinesische Intervention auf den Währungsmärkten zur künstlichen Aufrechterhaltung eines niedrigen Yuan-Wertes amerikanische Arbeitsplätze zerstöre.
Eine zweite Angelegenheit ist die Entscheidung Chinas, bei der Klimakonferenz der Vereinten Nationen im vergangenen Dezember nicht zu kooperieren. China hat sich nicht nur Maßnahmen widersetzt, die das ganze vorangegangene Jahr verhandelt worden waren. Die Entscheidung von Premier Wen Jiabao, einen niederrangigen Beamten zu senden, um Obama bloßzustellen, war geradezu ein Affront.
China verhielt sich ähnlich, als sich die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats (plus Deutschland) trafen, um Sanktionen gegen den Iran wegen der Nichteinhaltung seiner Verpflichtungen gegenüber der Atomenergiebehörde zu erörtern. Wieder entsandte China einen Beamten niederen Ranges.
Was ist aus den viel versprechenden Anzeichen für eine sich anbahnende Kooperation geworden? Zwei Gründe sind für den Wandel in der chinesischen Haltung denkbar - scheinbar haben sie zunächst nichts miteinander zu tun, aber möglicherweise verstärken sie sich gegenseitig.
Zunächst wird 2012 eine politische Übergangsphase erwartet, und in einer Zeit des aufkeimenden Nationalismus’ will kein führender chinesischer Politiker weicher erscheinen als seine Rivalen. Dies erklärt zum Teil auch das jüngste Durchgreifen in Tibet und Xingjian, sowie die Verhaftung von Menschenrechtsanwälten.
Zudem kommt eine wirtschaftliche Übergangphase auf China zu. Einige Chinesen argumentieren, dass alles, was unter 8 Prozent Wachstum liegt, nicht ausreicht, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen und soziale Instabilität abzuwehren. Aber durch das Ansteigen der US-amerikanischen Sparquote ist das exportorientierte chinesische Wachstumsmodell, das die Beschäftigung in China zum Preis eines Ungleichgewichts im Welthandelssystem vorangetrieben hat, möglicherweise nicht mehr darstellbar. Wenn China auf die Forderung nach einer Aufwertung des Yuan eingeht, muss es dafür den Anschein erwecken, bei anderen Angelegenheiten durchzugreifen, um die nationalistischen Befindlichkeiten zu beschwichtigen.
Der zweite Grund für das jüngste Verhalten Chinas könnte Selbstüberschätzung und Vermessenheit sein. China ist zu recht stolz auf seine Leistung, aus der weltweiten Rezession mit einer hohen Wachstumsrate hervorgegangen zu sein. Es beschuldigt die USA, die Krise hervorgerufen zu haben und hält nun 2 Billionen US-Dollar an Devisenreserven.
Viele Chinesen glauben, dass dies einen Wandel im globalen Machtverhältnis darstelle, und dass China anderen Ländern gegenüber, einschließlich der USA, weniger ehrerbietig auftreten müsse. Gewisse chinesische Gelehrte schreiben bereits über den Niedergang der USA, einer von ihnen markierte das Jahr 2000 als den Höhepunkt der amerikanischen Vormachtstellung.
Dieses Übermaß an Selbstvertrauen in der Außenpolitik, kombiniert mit einer Unsicherheit nach Innen, erklärt den Wandel im chinesischen Verhalten in der zweiten Jahreshälfte 2009. Wenn diese Einschätzung stimmt, liegt in China eine gefährliche Fehleinschätzung vor.
Zunächst einmal kann von einem Niedergang Amerikas nicht die Rede sein. Amerikaner und andere Beobachter haben im Lauf der Jahre regelmäßig den Niedergang vorhergesagt: nachdem die Sowjets 1957 den Sputnik zündeten, dann als Nixon das Goldfenster 1971 schloss und als die amerikanische Rust-Belt-Wirtschaft in den 1980ern scheinbar von den Japanern übernommen wurde. Aber wenn man sich die der amerikanischen Wirtschaft zugrunde liegende Stärke anschaut, verwundert es nicht, dass das Weltwirtschaftsforum die USA auf der Liste der wettbewerbsfähigsten Wirtschaften (nach der Schweiz) an die zweite Stelle gesetzt hat, während China 30 Stellen weiter unten steht.
Zweitens ist die Tatsache, dass China soviel Dollars hält, nicht eine wirkliche Quelle der Überlegenheit, denn die gegenseitige Abhängigkeit der wirtschaftlichen Beziehungen ist symmetrisch. Natürlich zwänge China, wenn es seine Dollars auf den Weltmärkten auskippte, die amerikanische Wirtschaft in die Knie, aber damit würde es sich selbst mehr schaden als nützen. China verlöre nicht nur den Wert seiner Dollarreserven, sondern löste auch eine hohe Arbeitslosigkeit aus. Wenn die gegenseitige Abhängigkeit auf beiden Seiten besteht, bietet sie keine Überlegenheit mehr.
Drittens wird der Dollar wohl trotz der chinesischen Klagen wahrscheinlich aufgrund von Tiefe und Breite der amerikanischen Kapitalmärkte die wichtigste globale Leitwährung bleiben, mit der China nicht mithalten kann, ohne den Yuan voll konvertierbar zu machen und sein Bankensystem zu reformieren.
Schließlich hat sich China verkalkuliert, als es die Weisheit von Deng Xiaoping missachtete, der riet, es solle sein Licht unter einen Scheffel stellen. Wie mir ein erfahrender asiatischer Staatsmann kürzlich sagte, hätte Deng diesen Fehler nicht begangen. Wäre Deng heute an der Macht, würde er China zu den kooperativen Beziehungen mit den USA zurückbringen, die die erste Jahreshälfte 2009 kennzeichneten.


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