Saturday, April 19, 2014
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China geht es gut

NEW HAVEN – Es mehren sich die Sorgen, dass die chinesische Konjunktur auf eine harte Landung zusteuern könnte. Die Kurse am chinesischen Aktienmarkt sind im Verlauf des letzten Jahres um 20% gefallen und haben damit ein Niveau erreicht wie zuletzt im Jahr 2009. Anhaltend schwache Wirtschaftsdaten – von der Stimmung der Einkaufsmanager über die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze bis hin zu den Exporten – sorgen zunehmend für Unruhe. Viele befürchten, dass der langjährige Wachstumsmotor der Welt ins Stottern gerät.

Die Sorge ist übertrieben. Die chinesische Konjunktur hat zwar tatsächlich an Fahrt verloren, doch die Abschwächung wurde eingedämmt und das dürfte in absehbarer Zeit so bleiben. Die Voraussetzungen für eine sanfte Landung bleiben bestehen.

Wie eine harte chinesische Landung aussieht, ist aus den Jahren der globalen Wirtschaftskrise 2008-2009 hinlänglich bekannt. Das jährliche BIP-Wachstum hatte sich von seinem höchsten Stand mit 14,8% im zweiten Quartal 2007 auf 6,6% im ersten Quartal 2009 drastisch verlangsamt. Der ungeheure Rückgang der Auslandsnachfrage, der dem Welthandel im Jahr 2009 einen Rekordeinbruch von 10,5% beschert hatte, ließ Chinas von Exporten getragenes Wachstum jäh einbrechen. Der Rest einer unausgewogenen chinesischen Wirtschaft folgte auf dem Fuß – vor allem der Arbeitsmarkt, auf dem allein in der Provinz Guangdong über 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gingen.

Dieses Mal verläuft die Talfahrt wesentlich milder. Von seinem Höchstwert im ersten Quartal 2010 mit 11,9%, hat sich das jährliche BIP-Wachstum im zweiten Quartal 2012 auf 7,6% verlangsamt – lediglich etwa die Hälfte der überdimensionalen Verlangsamung um 8,2 Prozentpunkte während der Weltwirtschaftskrise.

Sofern es nicht zu einem ungeordneten Zusammenbruch der Eurozone kommt, was unwahrscheinlich erscheint, wirkt die Basisprognose des Internationalen Währungsfonds realistisch, dass der Welthandel im Jahr 2012 um 4% zunehmen wird. Das wäre gemessen am Wachstumstrend in den Jahren 1994 bis 2011 in Höhe von 6,4% unterdurchschnittlich, aber nicht annähernd so gering wie beim Einbruch des Welthandels im Winterhalbjahr 2008/2009. Da die chinesische Wirtschaft weit weniger von einer Schwächung der Exporte bedroht ist als vor dreieinhalb Jahren, ist eine harte Landung unwahrscheinlich.

Die Konjunktur ist allerdings anderen Gegenwinden ausgesetzt, insbesondere der politisch bewirkten Abkühlung des überhitzten Immobilienmarktes. Doch der Bau von Sozialwohnungen für Familien mit geringerem Einkommen, der unlängst durch die Ankündigung von Investitionen in großstädtischen Ballungsgebieten wie Tianjin, Chongqing und Changsha sowie in den Provinzen Guizhou und Guangdong bekräftigt wurde, sollte den Rückgang mehr als wettmachen. Anders als bei den von Banken finanzierten Initiativen vor drei bis vier Jahren, die zu einem beunruhigenden Schuldenüberhang der lokalen Regierungen geführt hatten, dürfte die Zentralregierung bei der Finanzierung der aktuellen Vorhaben im sozialen Wohnungsbau eine wesentlich größere Rolle spielen.

Berichte über Geisterstädte, über Brücken, die im Nichts enden und leer stehende neue Flughäfen nähren Befürchtungen unter westlichen Analysten, dass sich eine unausgewogene chinesische Wirtschaft nicht so erholen kann wie in der zweiten Jahreshälfte 2009. Da sich die Anlageinvestitionen der beispiellosen Größenordnung von 50% des BIP nähern, befürchten sie, dass ein weiterer auf Investitionen beruhender fiskalpolitischer Impuls das unweigerliche Szenario eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs in China nur beschleunigen wird.

Dabei übersehen die Pessimisten allerdings eine der wichtigsten Triebkräfte der Modernisierung in China: Die größte Urbanisierung, die die Welt je gesehen hat. Im Jahr 2011 hat zum ersten Mal über 50% der chinesischen Bevölkerung in Städten gelebt und damit einen Anteil von 51,3% erreicht, gegenüber weniger als 20% im Jahr 1980. Prognosen der OECD zufolge soll sich Chinas ohnehin schon stark wachsender Anteil an städtischen Einwohnern bis zum Jahr 2030 um mehr als 300 Millionen Menschen erhöhen – ein Zuwachs, der in etwa der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten entspricht. Mit etwa 15 bis 20 Millionen Menschen pro Jahr, die vom Land in die Stadt umziehen, werden die so genannten Geisterstädte von heute schon bald die blühenden Metropolregionen von morgen sein.

Der Stadtbezirk Pudong in Shanghai ist ein klassisches Beispiel, wie aus einem „leer stehenden“ Städtebauprojekt seit Ende der 1990er-Jahre ein dichtbesiedeltes urbanes Zentrum mit derzeit 5,5 Millionen Einwohnern entstanden ist. Schätzungen einer Studie der Unternehmensberatung Mc Kinsey zufolge, wird es bis zum Jahr 2025 über 220 Städte mit über einer Million Einwohnern in China geben − im Jahr 2010 waren es 125 Millionenstädte − und 23 Megastädte werden mindestens fünf Millionen Einwohner haben.

China kann es sich nicht leisten, mit dem Bau seiner neuen Städte zu warten. Stattdessen müssen Investitionen und Bauvorhaben dem Zuzug der künftigen Stadtbewohner angepasst werden. Die „Geisterstadt“- Kritik geht völlig an dieser Tatsache vorbei.

All das ist Bestandteil des chinesischen Entwicklungsplans. Die Rolle als eine der größten Herstellernationen, die 30 Jahre lang hervorragend funktioniert hat, kann den chinesischen Traum vom Wohlstand nicht erfüllen. Die chinesische Führung hat das längst erkannt und Premierminister Wen Jiabao hat es im Jahr 2007 mit vier Kritikpunkten in seiner Warnung, die chinesische Wirtschaft drohe „instabil, unausgeglichen, unkoordiniert und nicht nachhaltig“ zu werden zum Ausdruck gebracht.  

Zwei externe Schocks – erst aus den USA und jetzt aus Europa – haben aus den vier Kritikpunkten einen Aktionsplan werden lassen. Die hohe Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage aus krisengeschüttelten Industrienationen hat China bewogen, einen auf verstärkten Binnenkonsum ausgerichteten 12. Fünfjahresplan zu verabschieden, mit dem eine wirksame Strategie zur wirtschaftlichen Neuausrichtung dargelegt wird, die die Entwicklung jahrzehntelang vorantreiben dürfte.

Eine tragende Säule dieser Strategie sind die Investitionen und Bauvorhaben, die für eine groß angelegte Urbanisierung erforderlich sind. Das städtische Pro-Kopf-Einkommen ist mehr als dreimal so hoch wie das Durchschnittseinkommen in ländlichen Gegenden. Solange die Urbanisierung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen einhergeht – eine Strategie, die durch Chinas parallelen Vorstoß bekräftigt wird, die Entwicklung der Dienstleistungswirtschaft zu fördern – werden die Arbeitseinkommen und die Kaufkraft der Verbraucher profitieren.

Entgegen der Stimmen der Zweifler, stellt die Urbanisierung in China kein Scheinwachstum dar. Sie ist eine zentrale Komponente des „kommenden China“, denn sie eröffnet China sowohl konjunkturelle als strukturelle Möglichkeiten. Wenn die Nachfrage gering ist – sei es durch externe Schocks oder aufgrund interner Anpassungen, wie etwa der Korrektur am Immobilienmarkt – kann China seinen urbanisierungsbedingten Investitionsaufwand entsprechend justieren. Mit umfangreichen Ersparnissen aus Leistungsbilanzüberschüssen und einem Haushaltsdefizit unter 2% des BIP kann China auf das nötige Kleingeld zur Finanzierung derartiger Maßnahmen zurückgreifen. Zudem ist reichlich Spielraum für geldpolitische Lockerung vorhanden; anders als die westlichen Notenbanken hat die Zentralbank der Volksrepublik China reichlich Munition in Reserve.

Eine Wachstumsverlangsamung ist für eine exportorientierte Volkswirtschaft schwerlich ein Schock. China ist in wesentlich besserer Verfassung als der Rest der Welt, und eine wirksame Strategie der wirtschaftlichen Neuausrichtung verschafft China die konjunkturelle und strukturelle Unterstützung, die ihm eine harte Landung ersparen wird.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

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  1. CommentedAnon Nymous

    I'm sorry, I don't find this argument terribly persuasive despite generally agreeing with Mr. Roach's points on future urbanization. The crux of the issue is why cities are being built far in advance of their occupation.

    Mr. Roach declares this to be a necessity without justification, and arguably, contrary to the evidence in two significant ways. First, between technological advances and natural decomposition of even derelict structures, the product that will be consumed will be needlessly inferior to more recent construction. Second- and really an extension of the first point- the very existence of these un(der)utilized edifices is a testament to the extraordinary capacity of China's construction industry. In other words, they could produce whole cities with more efficient techniques and more apt accoutrements in quite short order when warranted in the future. So why aren't they?

    I think the issue Mr. Roach has chosen to elide is that the CCP couldn't afford to work in this manner. They couldn't afford an unemployed and politically restive population, so this was a stop gap measure to inflate growth. The fact the end product may be useful a decade or two in the future doesn't rationalize poor allocation of resources in the present.

    The question of whether the article's title is correct is still undecided. That will largely be determined by the ability of future consumers to service the debts incurred to build the (as yet, still) ghost cities. If they can sustain median income growth at a high clip, then quite possibly so. That's simply not a foregone conclusion.

  2. CommentedErik de Ruijter

    I have lived in Pudong, Shanghai, China for 4.5 years, and over 30% of all apartments is structurally empty. Drive around at night and you can see which ones are occupied - some projects are completely empty like for instance the compound right opposite my house in Tiziano Villas.

  3. CommentedJingyi Li

    The success of Pudong may not indicate the fates of those newly developed urban areas.

    Shanghai Pudong was one of few projects promoted by the central government in 90s. Shanghai also has the best infrastructure, talent, and industrial base in China. Pudong, like other early development zones, has attracted the best companies in China and around the world as well as talents.

    Now every city is building their own "new town". Many of them, esp. those in inlands, don't have a solid economic base. Nor can they compete with Pudong and Shenzhen.

  4. CommentedMilton Kotler

    Stephen Roach has hit the nail on the head. When an urbanizing population of 1.4 billion rests upon an economic foundation of high GDP, huge foreign reserves, #2 global export position; a middle class that outnumbers the U.S. ppulation; unified and decisive government; immense borrowing capacity and monetary independence, it is blind to be pessimistic about China's future.

    I have been in China for 12 years on the ground of urban development. The governemnt is opening the West to investment and urbanization, not to mentiomn the urban growth of Central China. All business in China are looking West, as well as fortifying their Easterly position. Infrastructure. population and enterprise is pouring in. As Roach says, Chinia is Okay!

    Our findamental U.S. problem is a mature domestic market with too small a population to compete with China and India, and a corporate investment policy that rests its presence in foreign markets upon the the obliging disposition other nations.

    The U.S. solution must be demographic, just as it has always historically been. We have to double our population by opening the door wide to immigrants and their entrepreneurial initiaives. Open the door!

    Milton Kotler. KMG

  5. CommentedPaul Mathew Mathew

    This article is utter rubbish.

    Anyone who has any understanding of China knows that exports fell off a cliff in 08 – to fill the hole they went on a massive building binge and now they have massive misallocation of capital because of it.

    The idea obviously was to bridge things until the US and EU recovered – neither have recovered so huge problem for China

    I am skeptical that they can repeat that massive stimulus (or anything approaching that) - you can only build so many million empty apartments and ghost towns....

    The fact that iron ore prices are crashing coupled with other articles that report that there are massive stock piles of ore in China + some companies have walked away from contracts to buy more (Andy Xie has some good stuff on this) – would seem to confirm China is unable to repeat (of course that could change…they may try and to hell with the consequences)

    If it doesn’t that means the last driver of the global economy is gone…

    China is at the end of the day totally reliant on export markets - if they do not come back - and they are not - they are as doomed as the rest of us

  6. CommentedDr Dorel Iosif

    China's fixed assets investment is indeed re-adjusting which in turn causes investment growth to decelerate. Regardless of whether or not one adheres to Keynes or Hayek, the increase in the rate of urbanization does not convince me as long as the propensity to consume is stagnant. The structural changes you mention should include removing barriers in "urban" access to education, re-allocation of resources to projects that rely on increase in human capital, accelerate innovation... all in the context of globalization (largest world's structural change) and decrease in demand (esp. in their trading partner no.1 which is EU27) compounded by raising labour costs (hence reduced exports). Executing growth that exceeds one's economy's absorption capacity is difficult to undo.

    Dr Dorel Iosif, Perth, Australia

  7. CommentedProcyon Mukherjee

    There is undeniably so much to draw lessons from in China, albeit its draconian intent to push an agenda that can hardly be called a democratic approach to reforms; when the other part of the world, that is steeped in democratic intent, is struggling to balance the two apparently contradictory objective functions (growth versus equity), at least we see in China a fast paced, aggressive balancing act that is still able to sustain the growth momentum while taking out rural poverty through rapid urbanization and transfers.

    This leads me to the views of some, who find democratic traditions at odds with the progress to be achieved in the Western world, where democracy is fast being replaced by the power of lobbying, which at best could serve the interests of those who have the dollar-votes to match the proliferation of contradictory interest groups, where doing good to one comes at the cost of the other, while the polity is embroiled in an intellectual bickering with no ends in sight.

    Procyon Mukherjee

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