The Asian Century
Die Gespenster der Geschichte in Ostasien
Antonio Chun-nan Chiang
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Heuer jährt sich zum hundersten Mal das Ende des russisch-japanischen Krieges im Jahr 1905 und am 15. August gedenkt man in vielen Ländern des Endes des Zweiten Weltkrieges im Pazifik vor 60 Jahren. Gewiss, die militärische Vorherrschaft Japans in Ostasien - die mit dem russisch-japanischen Krieg ihren Ausgang nahm und zum Zweiten Weltkrieg führte - existiert nicht mehr. Die Gespenster der Geschichte gehen in Ostasien allerdings noch immer um, da jedes Land damit beschäftigt ist, seine Vergangenheit zu bewältigen.
China bildet dabei den Angelpunkt. Über Jahrhunderte wechselten japanische und chinesische Vorherrschaft in Ostasien einander ab und heute versuchen beide Länder ihre regionalen Hegemonieansprüche durchzusetzen. Historischer Austragungsort dieser Rivalitäten war die koreanische Halbinsel, aber nachdem es zwischen Nord- und Südkorea offenbar Friedensbemühungen gibt, erhebt auch Südkorea Anspruch auf Einfluss in der Region.
Ressentiments aufgrund historischer Verfehlungen verstärken diese rivalisierenden Einflussbestrebungen. Während seines Besuchs in den USA im Juni erzählte der südkoreanische Präsident Roh Moo Hyun Präsident Bush, dass China in der Geschichte über 100 Mal in Korea einmarschierte. Diese Ausführungen schockierten China, das sich selbst als Opfer von Invasionen sieht (am demütigendsten die der Japaner) und dabei auf seine eigene Geschichte der Drangsalierung von Nachbarn vergisst.
Überdies kritisierte Roh Japan offen für seine Feigheit, sich nicht seiner historischen Kriegsverbrechen zu stellen und meinte, dass Japan einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat nicht verdiene. Über lange Zeit wurde Korea von Japan kolonialisiert und während des Zweiten Weltkriegs wurden Koreaner zwangsweise zur kaiserlichen japanischen Armee eingezogen - eine ähnliche Situation wie in Taiwan. Während allerdings der Kampf zwischen China und Japan um die Vorherrschaft in Korea im Mittelpunkt des ostasiatischen Dramas stand, war Taiwan ein Nebenschauplatz, ein reiner Vorposten der kaiserlichen Qing-Dynastie, wohingegen Korea ein Vasallenstaat Chinas war.
Nachdem sowohl die Qing-Dynastie als auch Russland bezwungen worden waren, errang Japan nicht nur die Kontrolle über die koreanische Halbinsel, sondern erweiterte seinen Einflussbereich auch bis tief nach Nordostchina. Im Jahr 1932 etablierte die japanische Kwantung-Armee den Staat Mandschukuo als ostasiatischen "Big Brother". Mandschukuo sollte für Japan das Gleiche werden wie Indien für Großbritannien oder Algerien für Frankreich - ein Kronjuwel des Imperiums. Daher sandte Japan eine Million Menschen nach Mandschukuo (von denen 800.000 starben, als Mandschukuo nach dem Krieg von Russland übernommen wurde) und investierte riesige Summen zur Entwicklung der Schwerindustrie.
Die japanische Nanjing-Regierung in China unter Wang Jingwei war vergleichbar mit der deutschen Vichy-Regierung in Frankreich unter Henri Philippe Pétain. Beide Männer wurden nach dem Krieg zu Verrätern erklärt. Im Gegensatz dazu und als Folge der langen Kolonialisierung hatten Taiwan und Korea gegenüber ihren Herrschern eine Beziehung aufgebaut, die einerseits von Widerstand aber andererseits auch von Abhängigkeit geprägt war. Die lokalen Eliten waren, abgesehen von wenigen Ausnahmen, in das Kolonialsystem integriert.
Nach der japanischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg waren die Folgen in der Region allerdings überall ähnlich. In China brach Bürgerkrieg aus, die koreanische Halbinsel wurde geteilt und mit Ausnahme Thailands versuchten alle anderen Kolonien im Südosten Asiens ihre Unabhängigkeit mit Militärgewalt zu erreichen.
China hat sich bis heute der Geschichte Mandschukuos und seines Bürgerkrieges nicht gestellt, ganz zu schweigen von der Öffnung der Geheimakten bezüglich der Entscheidung Mao Tse-tungs, beinahe eine Million Soldaten in den Korea-Krieg zu entsenden. Erst kürzlich eröffnete Südkorea Gespräche mit der japanischen Regierung über die Überstellung der sterblichen Überreste koreanischer Sklavenarbeiter. Über 20.000 taiwanesische und beinahe ebenso viele koreanische Soldaten, die für das kaiserliche Japan starben, werden im japanischen Yasukuni-Schrein verehrt. Erst vor kurzem begannen einige Bürgergruppen in den beiden Ländern, Forderungen nach einer Rückführung der sterblichen Überreste dieser in Yasukuni bestatteten Soldaten zu stellen.
Das verzögerte Wiedererwachen Taiwans spiegelt die frühe Abhängigkeit seiner nationalistischen Regierung vom Schutz der USA und der Hilfe Japans wider. Tschiang Kai-schek hatte keine andere Wahl als Böses mit Gutem zu vergelten. Er verzichtete auf Wiedergutmachung durch Japan und leitete die Einbeziehung des ehemaligen Stabschefs der Kwantung-Armee in die taiwanesischen Aktivitäten gegen die Kommunisten geheim in die Wege. Japan hat sich für die Kolonialisierung Taiwans nie entschuldigt und die Taiwanesen hatten während 30 Jahre Kriegsrecht keine Gelegenheit zur historischen Reflexion.
In diesem Frühjahr kam es sowohl in China als auch in Korea beinahe zeitgleich zu antijapanischen Demonstrationen. In beiden Ländern versucht man, die Erinnerung an die japanische Vorherrschaft in den Dienst des Aufbaus einer neuen nationalen Identität und strategischen Position zu stellen. Wir können daher damit rechnen, dass das Gedenken in Asien am 15. August so wie die Ereignisse im Mai anlässlich des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa weiter nachwirkende - und immer noch unverarbeitete - historische Sensibilitäten an den Tag bringen wird. Im Gegensatz zu Europa allerdings bleibt die historische Erinnerung in Asien weiterhin mit den gegenwärtigen strategischen Ambitionen verbunden.
Vor hundert Jahren veränderte der Aufstieg der japanischen Militärmacht das Schicksal Asiens. Vor sechzig Jahren veränderte der Untergang der japanischen Macht das Schicksal Asiens erneut. Angesichts des chinesischen Aufstiegs in Wohlstand und Macht, der es China erlaubt, Japan einzuholen, hält Asien den Atem an und wartet darauf, dass die Gespenster der Vergangenheit verschwinden.
Antonio Chun-nan Chiang war von 2000 bis 2004 stellvertretender Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates in Taiwan.
Copyright: Project Syndicate, 2005.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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