The World in Words
Berlin: Geburtsort des modernen Asiens
Brahma Chellaney
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NEU DELHI – Vor 20 Jahren kennzeichnete der Fall der Berliner Mauer das Ende des Kalten Kriegs und den bevorstehenden Zusammenbruch der Sowjetunion und veränderte damit die globale Geopolitik. Doch kein Kontinent hat davon so stark profitiert wie Asien, dessen dramatischer Wirtschaftsaufschwung seit 1989 in einem Tempo und Umfang vorangeschritten ist, der in der Weltgeschichte seinesgleichen sucht.
Für Asien war die wichtigste Folge des Mauerfalls, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus zu einer Verschiebung des Primats bei der Formung der internationalen Ordnung führte, und zwar von der militärischen Macht zur wirtschaftlichen Macht. Gewiss gab es auch während der Industriellen Revolution und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein sehr schnelles Wirtschaftswachstum. Aber in der Zeit nach dem Kalten Krieg hat das Wirtschaftswachstum selbst dazu beigetragen, die globalen Machtverhältnisse zu verändern.
Ein weiteres prägendes Ereignis 1989 war das Massaker an den Demokratie fordernden Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Wäre der Kalte Krieg nicht beendet gewesen, hätte der Westen China diese Morde nicht verziehen. Stattdessen verfolgte der Westen einen pragmatischen Ansatz, vermied Sanktionen und half, China durch den liberalisierenden Einfluss ausländischer Investitionen und durch den Außenhandel in die Weltwirtschaft und internationale Institutionen einzugliedern. Hätten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten einen auf strafende Sanktionen ausgerichteten Ansatz gewählt, wie bei Kuba und Birma, wäre das Ergebnis ein weniger wohlhabendes, weniger offenes und potenziell destabilisierendes China gewesen.
Tatsächlich ist Chinas phänomenaler Erfolg – illustriert durch den größten Handelsüberschuss der Welt, die größten Devisenreserven der Welt und die größte Stahlproduktion – in weiten Teilen der Entscheidung des Westens geschuldet, nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens keine Sanktionen aufrechtzuerhalten. Nachdem es Deutschland als weltgrößtes Exportland überholt hat, ist China nun kurz davor, Japan als zweitgrößte Wirtschaftnation der Welt abzulösen.
Auch Indiens Aufschwung als Wirtschaftsriese ist an die Ereignisse nach 1989 geknüpft. Indien betrieb in hohem Maße Warenaustauschgeschäfte mit der Sowjetunion und ihren kommunistischen Partnern in Osteuropa. Als sich der Ostblock auflöste, musste Indien anfangen, mit barer Münze für Importe zu bezahlen. Dadurch waren seine bescheidenen Devisenreserven schnell erschöpft, was 1991 eine schwere Finanzkrise auslöste, die Indien wiederum zwang, radikale Wirtschaftsreformen einzuführen, die den Grundstein für seinen wirtschaftlichen Aufschwung legten.
Im weiteren Sinne ermöglichte die symbolische Niederlage des Marxismus 1989 den asiatischen Ländern, u. a. China und Indien, offen eine kapitalistische Linie zu verfolgen. Obwohl Chinas wirtschaftliche Wiedergeburt bereits unter Deng Xiaoping angefangen hatte, konnte die Kommunistische Partei Chinas die Ideologie nach 1989 öffentlich der Schaffung von Wohlhaben unterordnen. Dieses Beispiel wiederum hatte einen konstruktiven Einfluss auf die überlebenden kommunistischen Parteien in Asien und anderswo.
Geopolitisch erreichten die positiven Auswirkungen nach 1989 etliche Länder weit über den Westen hinaus. Der plötzliche Zusammenbruch der Sowjetunion war ein strategischer Segen für Asien, da dadurch ein bedrohliches Imperium beseitigt war und China nun freie Bahn hatte, um seine Interessen global zu verfolgen. Russlands Niedergang in den 90er Jahren wurde zu Chinas Gewinn.
Für Indien löste das Ende des Kalten Kriegs eine außenpolitische Krise aus, indem es den verlässlichsten Partner des Landes, die Sowjetunion, beseitigte. Doch genau wie bei seiner Finanzkrise 1991 konnte Indien mit einer verbesserten Außenpolitik aus der Krise hervorgehen – dabei wurden die weltfremden Traditionen des Landes aufgegeben und mehr Realismus und Pragmatik eingeführt. Nach dem Kalten Krieg begann Indien, wechselseitig vorteilhafte strategische Partnerschaften mit anderen wichtigen Playern in Asien und der übrigen Welt einzugehen. Die neue „globale strategische Partnerschaft“ mit den Vereinigten Staaten – ein prägendes Merkmal dieses Jahrzehnts – wurde durch die Veränderung von Indiens außenpolitischer Haltung nach 1989 ermöglicht.
Selbstverständlich waren nicht alle Entwicklungen nach 1989 positiv. Das Phänomen der scheiternden Staaten beispielsweise, das die Sicherheit Asiens am meisten beeinträchtigt hat, ist eine direkte Folge des Endes des Kalten Krieges. Als der Kalte Krieg tobte, stützte entweder der eine oder der andere Block schwache Staaten. Doch mit dem Verschwinden der Sowjetunion gaben die USA dieses Spiel auf.
Infolgedessen tauchten in den 90er Jahren plötzlich dysfunktionale oder scheiternde Staaten auf, die eine Bedrohung für die regionale und internationale Sicherheit darstellten, entweder indem sie zur Heimat transnationaler Piraten (Somalia) oder international agierender Terroristen (Pakistan und Afghanistan) wurden, oder auch aufgrund ihrer Auflehnung gegen globale Normen (Nordkorea und Iran). Asien hat durch das Aufleben des internationalen Terrorismus mehr Opfer erlitten als jede andere Region.
Außerdem ist die Verbreitung der Demokratie, zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer, ins Stocken geraten. Zwischen 1988 und 1990, als der Kalte Krieg nachließ, brachen weit entfernt von Osteuropa demokratische Proteste aus, wobei Diktaturen in so unterschiedlichen Ländern wie Indonesien, Südkorea, Taiwan und Chile gestürzt wurden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigte sich selbst Russland als glaubwürdiger Kandidat für demokratische Reformen.
Doch obwohl der Umsturz totalitärer oder autokratischer Regime das globale Gleichgewicht der Kräfte zugunsten der demokratischen Kräfte verschob, waren nicht alle Demokratiebewegungen erfolgreich. Und die anschließenden „Farbrevolutionen“ in Ländern wie der Ukraine führten nur zu größerer Vorsicht unter den überlebenden autoritären Regierungen und veranlassten sie dazu, Maßnahmen zur Bekämpfung von aus dem Ausland inspirierten Demokratieinitiativen umzusetzen.
Abgesehen vom Rückzug der Demokratie in Russland, zeigt China – jetzt die älteste Autokratie der Welt –, dass ein Markt der Waren und Dienstleistungen den Markt der politischen Ideen mattsetzen kann, wenn ein autoritäres System fest etabliert ist. Zwanzig Jahre nach dem Fall des Kommunismus erweist sich der autoritäre Kapitalismus als führender Herausforderer für die Verbreitung demokratischer Werte.
Brahma Chellaney ist Professor für strategische Studien am Center for Policy Research in Neu-Delhi und Autor von Asian Juggernaut: The Rise of China, India and Japan.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Anke Püttmann
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