Wednesday, September 3, 2014
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Charisma, dem man glauben kann

CAMBRIDGE, MASS.: In zwei bedeutenden Autokratien steht 2012 ein Führungswechsel an. Überraschungen sind in beiden Fällen nicht zu erwarten. In China steht Xi Jinping bereit, um Hu Jintao als Präsident abzulösen, und in Russland hat Wladimir Putin angekündigt, dass er die Präsidentschaft von Dmitri Medwedew zurückfordern wird. In den demokratischen Ländern sind die Wahlergebnisse in diesem Jahr weniger vorhersehbar. In Frankreich steht Nicholas Sarkozy ein schwieriger Präsidentschaftswahlkampf bevor, und in den USA gilt dasselbe für Barack Obama.

Nach den US-Präsidentschaftswahlen von 2008 erklärte uns die Presse, Obama habe gewonnen, weil er „Charisma“ habe – eine besondere Fähigkeit, Faszination und Loyalität zu wecken. Wenn das stimmt, wie kann dann seine Wiederwahl nur vier Jahre später in Frage stehen? Können Führungspersönlichkeiten ihr Charisma verlieren? Hat Charisma seinen Ursprung in dem Betreffenden selbst, in seinen Anhängern oder in der jeweiligen Situation? Akademische Forschungen legen nahe, dass alle drei Punkte zutreffen.

Charisma erweist sich als überraschend schwer vorhersagbar. Eine aktuelle Umfrage kommt zu dem Schluss, dass „relativ unklar“ ist, wer charismatische Führer sind. Der amerikanische Politikberater Dick Morris hat erklärt, dass „Charisma“ nach seiner Erfahrung die am wenigsten greifbare politische Eigenschaft sei, weil es nur in unserer Wahrnehmung – nachdem ein Kandidat es durch harte Arbeit und gute Themen zu Erfolg gebracht – und nicht in Wirklichkeit existiert. In ähnlicher Weise hat die Wirtschaftspresse immer wieder CEOs als „charismatisch“ beschrieben, wenn es für sie gut lief, nur um ihnen dieses Etikett wieder zu nehmen, wenn die Gewinne schrumpften.

Versuche von Politologen, Messgrößen für das Charisma festzulegen, um Stimmengewinne oder Zustimmungsraten von Präsidenten vorherzusagen, haben sich als fruchtlos erwiesen. Der frühere US-Präsident John F. Kennedy wird häufig als charismatisch beschrieben, aber das war er offensichtlich nicht für jeden: Er schaffte es nicht, eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen zu erzielen, und seine Beliebtheit während seiner Amtszeit fluktuierte.

Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson klagte oft, dass ihm Charisma fehle. Das traf zu auf seine Beziehungen zur Öffentlichkeit, aber im persönlichen Kontakt konnte Johnson eine magnetische – ja, manchmal überwältigende – Ausstrahlung entfalten. Eine sorgfältige Untersuchung der Redekünste von Präsidenten hat gezeigt, dass selbst berühmte Redner wie Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan sich bei der Umsetzung ihrer Programme nicht auf ihr Charisma verlassen konnten.

Charisma lässt sich einfacher im Nachhinein erkennen. In diesem Sinne ist das Konzept zirkulär. Es ähnelt dem alten chinesischen Konzept des „himmlischen Auftrags“: Die chinesischen Kaiser, herrschten, so hieß es, weil sie diesen hatten, und wurden sie gestürzt, so lag das daran, dass sie ihn verloren hatten.

Aber niemand konnte vorhersagen, wann das passieren würde. In ähnlicher Weise muss Erfolg häufig nachträglich als Beweis dafür herhalten, dass ein moderner politischer Führer Charisma hat. Sehr viel schwieriger ist es, anhand des Charismas vorherzusagen, wer ein erfolgreicher Führer sein wird.

Anhänger weisen Führern eher dann ein Charisma zu, wenn sie einen starken Wunsch nach Veränderung haben, häufig im Zusammenhang einer persönlichen, Unternehmens- oder Gesellschaftskrise. Die britische Öffentlichkeit etwa betrachtete Winston Churchill 1939 nicht als charismatischen Führer, aber ein Jahr später verliehen ihm seine Visionskraft, Zuversicht und Kommunikationsfähigkeit angesichts der Ängste der Briten nach der Niederlage Frankreichs und der Evakuierung von Dünkirchen Charisma. Und 1945 dann, nachdem sich der Fokus der Öffentlichkeit vom Sieg im Krieg auf den Aufbau eines Sozialstaates verlagerte, wurde Churchill abgewählt. Es war nicht sein Charisma, das seine Niederlage bestimmte, sondern die Veränderung der Bedürfnisse seiner Anhänger.

In der Praxis ist Charisma ein ungefähres Synonym für „persönliche Anziehungskraft“. Die Menschen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, andere anzuziehen, und ihre Attraktivität ist zum Teil von Charaktereigenschaften, zum Teil von erlernten Fertigkeiten und zum Teil vom sozialen Kontext abhängig.

Einige Dimensionen persönlicher Anziehungskraft, wie Aussehen und nonverbale Kommunikation, lassen sich testen. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass Menschen, die als attraktiv eingestuft werden, besser behandelt werden als unattraktive Menschen. Eine Studie hat festgestellt, dass ein gut aussehender Mann bei einer Abstimmung einen Vorteil von 6-8% der Stimmen gegenüber einem hässlichen Gegenkandidaten hat. Bei Frauen beträgt der Vorteil fast zehn Prozentpunkte.

Nonverbale Signale sind ein wichtiger Bestandteil menschlicher Kommunikation, und einige simple Experimente haben gezeigt, dass manche Menschen besser nonverbal kommunizieren als andere. So wurde etwa in einer Studie der Universität Princeton festgestellt, dass, wenn man Leuten Bilder von zwei Kandidaten ihnen unbekannter Wahlen zeigt, sie in sieben von zehn Fällen den Sieger angeben können. Eine ähnliche Studie aus Harvard, bei der den Probanden 10-sekündige tonlose Videoclips von 58 Wahlen gezeigt wurde, stellte fest, dass die Vorhersagen der Betrachter bei einer Abstimmung über zwei Kandidaten 20% der Unterschiede erklärten – das ist eine stärkere Variable als die Wirtschaftsentwicklung. Ironischerweise wurde die Vorhersagequalität schlechter, wenn der Ton angeschaltet wurde.

Bei der Wahl 2008 fühlten sich die Amerikaner desillusioniert vom Irakkrieg der Bush-Administration und der zwei Monate vor dem Wahltag ausgebrochenen Finanzkrise. Obama war ein attraktiver junger Kandidat, der sich gut ausdrücken konnte und ein Gefühl der Hoffnung in Bezug auf die Zukunft ausstrahlte. Dies ist eindeutig einer der Gründe dafür, warum Obama sich den Ruf erwarb, er habe Charisma.

Aber dieser Teil seines Charismas lag in den Augen seiner Anhänger. Wir sagen manchmal, Charisma sei etwas, „das ich erkenne, wenn ich es sehe“ – aber wir sehen dabei auch in einen Spiegel. Mit sich verschlechternder Wirtschaftslage, steigender Arbeitslosigkeit und angesichts unschöner Kompromisse, die Obama im Zuge der Regierungsführung eingehen musste, trübte sich dieser Spiegel.

Charisma sagt uns etwas über einen Kandidaten, aber es sagt uns sogar noch mehr über uns selbst, die Stimmung in unserem Land und die Art von Veränderungen, die wir uns wünschen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es schwer, sich sein Charisma zu bewahren. Obama steht vor den anhaltenden Herausforderungen hoher Arbeitslosigkeit und einer widerborstigen republikanischen Opposition, und Sarkozy hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Der Wahlkampf freilich wird ihre Rhetorik von der Notwendigkeit, Kompromisse zu machen, befreien. Die diesjährigen Wahlen werden der wahre Test für ihr Charisma sein.

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