Friday, October 24, 2014
6

Das Kapital streikt

LOS ANGELES: Die größte Stärke des Kapitalismus war bisher seine Resilienz – seine Fähigkeit, die Agonie und Herausforderungen von Krisen und Wirtschaftszyklen zu überleben und Innovation und wirtschaftliches Wachstum anzuheizen. Heute jedoch, mehr als vier Jahre nach Beginn der aktuellen Kreditkrise, stellt ein auffälliges Rätsel diese Tradition in Frage.

Trotz der jüngsten Hoffnungen auf eine Erholung in den USA, u.a. einer Wiederaufstockung der verringerten Lagerbestände im vierten Quartal 2011, bleibt das BIP-Wachstum in den USA kontinuierlich unter dem Trend. Und obwohl saisonal bereinigte Beschäftigungsdaten für den Januar einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 8,3% ausweisen (tatsächlich ging die Gesamtbeschäftigtenzahl im Januar zurück), liegt die realistischere Quote für die „Unterbeschäftigung“ nach wie vor bei über 15%, und die Erwerbsbeteiligungsquote ist auf ihrem niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Und die USA sind in ihrer Malaise eindeutig nicht allein; die Eurozone hat es mit einer noch deutlich drängenderen staatlichen Schuldenkrise zu tun.

Warum also liegen die Dinge diesmal anders? Die Antwort liegt in Ayn Rands rhetorischer Beschwörung der Verzweiflung in ihrem epischen Roman Atlas wirft die Welt ab aus dem Jahre 1957. Vereinfacht gesagt: Wenn der Staat die Anreize und Treiber von Anlageinvestitionen in Beschlag nimmt, treten die Kapitaleigentümer in den Streik.

Rand stellt den innovativen Industriellen als ein dem Atlas der griechischen Mythologie verwandtes Wesen dar, das auf seinem Rücken eine dystopische Welt mit einer sich immer stärker ausweitenden, überheblichen Regierung trägt. Der Held, John Galt, fordert all diese Industriellen auf, zu streiken, um „den Motor der Welt anzuhalten“, indem sie sich aus ihrem produktiven Streben zurückziehen, statt eine Welt zu unterstützen, in der Anreize im Gewand des Egalitarismus usurpiert werden, um jene mit politischen Beziehungen vor dem wirtschaftlichen Scheitern zu schützen.

Inzwischen ist Rands fiktionale Welt scheinbar Realität geworden – mit endlosen Rettungsmaßnahmen und Konjunkturimpulsen für die Unproduktiven auf Kosten der Produktivsten und Forderungen nach zusätzlicher Besteuerung von Anlageinvestitionen. Der Streik, in den Rands heroische Unternehmer treten, lässt sich heute in den verworrenen Zahlen der Unternehmens- und Staatsbilanzen erkennen.

Die US Federal Reserve hat die Geldmenge seit 2008 um mehr als zwei Billionen Dollar erhöht – eine unglaubliche und nie dagewesene Summe , die im Wesentlichen ein Geschenk an die Banken darstellt, das deren hohe Verluste abdecken und zu Kreditvergabe und Investitionen anstacheln soll. Stattdessen setzen die Banken ihre enormen Entschuldungsprogramme fort, und fast ihr ganzes neues Geld bleibt in Form von Sonderrücklagen bei der Fed gebunkert.

Zugleich halten die Unternehmen die im Verhältnis zu Aktiva und Reinvermögen größten Barbestände, die je verzeichnet wurden. Und dennoch verharren die Schuldenstände der Unternehmen – trotz aller Expertenbekundungen über die Stärke der Bilanzen – im Verhältnis zu Aktiva und Reinvermögen ebenfalls in Nähe ihrer Höchststände.

(Gebunkertes) Bares ist Wahres. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes – d.h. die Häufigkeit, mit der Geld ausgegeben wird, oder das BIP im Verhältnis zur Geldmenge – fällt weiter auf historische Tiefststände. Kein Wunder also, dass die Geldpolitik bisher nur so geringe Auswirkungen hatte: Das Kapital, der Motor wirtschaftlichen Wachstums, bleibt tatenlos – überall wird gestreikt.

Besser vielleicht als alle Wirtschaftsbeobachter unterstrich Rand die zentrale Rolle der Anreize als Antrieb unternehmerischer Innovation und Risikobereitschaft. Wenn man stetig Anreize abbaut – und dem Markt die Fähigkeit nimmt, sie durch Preissignale zu kommunizieren –, entzieht man dem Wachstumsmotor seinen Treibstoff. Leider missachten die Notenbanker mit ihren Zinsmanipulationen und ihrer quantitativen Lockerung diese Tatsache ganz offensichtlich.

Die Zinssätze sind mehr als ein bloßer wirtschaftlicher Inputfaktor, der das Spar- und Investitionsniveau bestimmt. Vielmehr sind sie, wie der österreichische Ökonom Ludwig von Mises betonte, ein Spiegelbild der kumulierten Zeitpräferenz der Menschen – oder des Wunsches nach gegenwärtiger statt zukünftiger Befriedigung – und keine Determinante derselben.

Die Zinssätze schaffen also Anreize und vermitteln den Unternehmern, wie sie Kapital im Laufe der Zeit zuteilen sollten. So erhöhen niedrige Zinssätze und Kapitalkosten die relative Attraktivität weiter in der Zukunft liegender Kapitalflüsse, und die Anlageinvestitionen nehmen dann zu – die natürliche homöostatische Reaktion des Systems auf höhere Ersparnisse und niedrigeren Konsum.

Allerdings beeinflussen die staatlichen Zinsmanipulationen die Zeitpräferenz nicht, auch wenn sie eine derartige Änderung signalisieren. Die resultierende Widersprüchlichkeit schafft Verzerrungen: Wie bei jeder Preissteuerung erhält das Kapital einen Anreiz, in Investitionen zu fließen, die mit Angebot und Nachfrage, so wie sie tatsächlich bestehen, unvereinbar sind.

Die Fed schafft in vorsätzlicher und heimtückischer Weise Verzerrungen innerhalb des Anreizsystems – namentlich der Signale, die vom Preis des Geldes ausgehen –, was zu Fehlinvestitionen (und, wenn die öffentlichen Schulden monetarisiert werden, zu Inflation) führt. Man kann dies eine Weile machen und belohnt so unproduktive Investitionen und ehrgeizige oligarchische Spekulanten, die davon ausgehen, dass die Fed die Risiken beseitigt hat. Aber irgendwann ist – wie Rand uns erinnert – das Spiel aus.

Dieser Punkt ist nach der größten Kreditexpansion der Menschheitsgeschichte inzwischen eindeutig erreicht. Das Kapital ignoriert trügerische Marktsignale inzwischen teilnahmslos, und die Liquidation unhaltbarer Fehlinvestitionen filtert jetzt durch das System, nun, da sich die unabänderlichen Zeitpräferenzen durchsetzen.

Der Staat kann den Unternehmern langfristig einfach nicht vorschreiben, wie sie Kredite zu vergeben oder aufzunehmen haben und wie sie investieren sollen; das Anlagekapital tritt unweigerlich in Streik, wenn es mit einer repressiven Manipulation der freien Märkte konfrontiert wird. Wenn das geschieht, erleben wir die wahren Auswirkungen einer lockeren Geldpolitik: nicht die Schaffung von mehr Wirtschaftsaktivität, sondern die Zerstörung des natürlichen Mechanismus wirtschaftlicher Koordination und Anpassung, die dem System seine Resilienz nimmt. Faktisch hat die Geldpolitik „den Motor der Welt angehalten“.

Am Ende von Atlas wirft die Welt ab bricht das kollektivistische Regime zusammen und Galt bemüht sich, das alte System wiederherzustellen. Wird Entsprechendes auch in unserer eigenen dystopischen Welt passieren (in der alle verbleibenden republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten dafür zu sein scheinen, den Chef der Fed, Ben Bernanke, zu feuern)? Wie lange muss das Kapital noch warten, bis der Wachstumsmotor von verzerrten Anreizen befreit wieder Treibstoff bekommt und brummt?

Hide Comments Hide Comments Read Comments (6)

Please login or register to post a comment

  1. Commentedparthasarathy Shakkottai

    Economic ignorance has become universal in the USA and all politicians, congress and economists talk in terms of household budgets and austerity. MMT is unknown. Paul Myers is right and until USA makes an investment in infrastructure spending, the ridiculous ideology will prevail.

  2. CommentedProcyon Mukherjee

    “Oppressive manipulation of the free markets”, if it is meant for those segments where capital finds a profitable deployment in spite of absence of demand, then it is a pointer that low interest rates coupled with liquidity preference influences this spurt in demand of financial products that were non-existent even a few years’ back. This is sad that capital stock could be locked in unproductive assets that reduces the velocity of money, which otherwise could have goaded effective demand in productive areas of the economy.

    Procyon Mukherjee

  3. CommentedPaul A. Myers

    The difficulties in the United States have nothing to do with the resiliency of capital, or capital being on strike (what a nonsensical assertion) and everything to do with poor public policy created by common sense being on strike in the Republican party.

    The United States is way underinvested in public assets, principally infrastructure. If the United States embarked on a multi-trillion dollar, multi-year program of public infrastructure investment, such a program would lower system-wide costs and create fertile grounds for new private sector investment. Funds flowing into the real economy would provide an ongoing increase in the overall level of demand.

    When one understands that profitable private investment stands on the broad shoulders of public investment, then one can see the road forward to a full-employment economy growing at maximum feasible speed.

  4. CommentedZsolt Hermann

    This article offers an interesting view but it still only scratches the surface as most other assessments because we are still afraid to admit that we are in a system failure.

    Superficial tinkering with regulations, or trying austerirty and then stimulus again like in Europe, asking for more or less government control will make no difference at all because the whole system is rotten.

    And it was rotten from the beginning since the modern constant growth, expansive, excessive production and consumption, increasing credit based system started.

    But up to this point there was still some "looseness" in the system allowing the expansion, and the public was dumb enough to take the constant brainwashing and thus keep buying and taking credit.

    And the same happened with nations as well, in Europe for example the "smaller weaker" nations took the bait and swallowed all the products and credit until now their situation, eonomy and credit debt has become unmanagable.

    All of us are in the same plight now, sitting in bubbles, full of fake capital without any proper foundation, we are running out of resources and we have become completely intermingled and interdependent in the global system.

    Whatever we do this system is going to collapse, and actually this is a good thing.

    We are all slaves right now. The tycoons are slaves to their zeros on their useless bank account and more they get the unhappier they are. The costumers are slaves to the brainwashing media and the banks lending them credits, and now they are losing their jobs, homes, health insurence, and most factory workers especially in the emerging market countries are slaves even in the classical meaning of the word.

    Thus we cannot even imagine the freedom we will get when this is over, what we need to make sure is how to make the transition swift and relaitively orderly, and then what structure we build after.

    For that we already have vast amount of information on the interconnected and interdependent nature of the world today, on the state of the natural resources, and our opposition to our environment.

    Thus the new system needs to be necessity and resource based, with equal distribution, with a mutually responsible, considerate global public driven, single word wide governing system.

    With all the talent and adaptability Humans have if we get it right our potential is unlimited.

  5. CommentedWilliam Wallace

    As a businessman and entrepreneur in the real world, I can tell you flat out what determines investment: expectations of increases in demand. If expected ROI exceeds the interest rate, debt capital makes sense for the investment, otherwise it's cash on hand, stock and equivalents. End of story.

    Gimme demand and I'll invest. The problem today is lack of aggregate demand, and the lack of resources to effectively combat the situation. Monies so poorly spent, and other monies so dearly given away, over King George II's reign in DC, with his "deficits don't matter" court jester laughing in the corner throughout, left the government with so dire a structural deficit that sound stimulus spending has not been available.

    This article perpetuates the myth that most employment and innovation comes from large corporations. It does not; it comes from SMEs. Most new products and services in IT today, for example, result from larger players buying out the innovators, not from in-house R&D. And to further argue that even moderately taxing those who have great wealth would halt innovation and investment is a willful misdirect.

    Didn't expect to find this sort of objectivist drivel on Project Syndicate. Shrug.

  6. CommentedJake Lopata

    It's easy to see how someone, such as a hedge fund manager, can easily become shrouded in a single sector of the economy; but there is much more going on.

    Simply put, employment is very low (especially the labor participation rate), as a result, wages are down. This reduces disposable income; money used to save, pay bills, and consume.

    So why would businesses borrow if there is no demand? Why should firms lend if the economic outlook is bad and inflation expectations are high?

    I understand that there is a belief that market signals are distorted, but how are you arriving at the conclusion that it is due to monetary policy?

Featured