Wednesday, September 3, 2014
0

Könnten hohe Ölpreise ihr Gutes haben?

Die weltweiten Ölpreise überschritten Mitte des Sommers die Marke von 40 Dollar pro Barrel und sind zwischenzeitlich auf 55 Dollar angestiegen. Dabei beträgt der derzeitige Ölpreis noch immer nur zwei Drittel des während der iranischen Revolution des Jahres 1979 erreichten absoluten Spitzenwertes. An den Terminmärkten geht man außerdem davon aus, dass der Ölpreis wieder fallen und sich bei etwa 45 Dollar pro Barrel stabilisieren dürfte. Trotzdem haben viele Konjunkturbeobachter aufgrund des derzeitigen hohen Niveaus bei den Ölpreisen begonnen, ihre Erwartungen an das wirtschaftliche Wachstum zurückzuschrauben.

„Höhere Ölpreise werden uns erhalten bleiben," so der amerikanische Wirtschaftsexperte Allen Sinai. „Dies führt zwangsläufig zu weniger Wirtschaftswachstum und könnte bewirken, dass die Kerninflation ansteigt." Tatsächlich stellen laut Sinai die gestiegenen Ölpreise „die größte Gefahr ... seit dem Platzen der Börsenblase in den Jahren 2000-2001 dar."

Mit dieser Meinung steht Sinai durchaus nicht allein. Falls der Ölpreis bei 40 Dollar pro Barrel verharrt, so steht zu erwarten, dass dies so gut wie keine Auswirkungen auf das kurzfristige weltweite BIP-Wachstum haben wird. Falls der Ölpreis allerdings bei oder in der Nähe von 60 Dollar pro Barrel stehen bleibt, so dürfte dies allgemein zu einer Absenkung der Prognosen für das BIP-Wachstum um 1% pro Jahr führen.

Die hohen Ölpreise drohen außerdem, das langfristige Produktivitätswachstum zu verlangsamen. Bei hohen - und zugleich schwankungsanfälligen - Ölpreisen werden sich die Unternehmen bei ihren Investitionen weniger darauf konzentrieren, ihre Produktivität zu steigern, und mehr darauf, eine flexible Energienutzung zu gewährleisten. Bei 40 Dollar pro Barrel ist zu erwarten, dass der Ölpreis die langfristige Wachstumsrate bei der potenziellen weltweiten Produktion um 0,1% pro Jahr abschwächt. Bei 60 Dollar pro Barrel kann man von einer Abschwächung der „berechneten" langfristigen Rate des potenziellen weltweiten Produktionswachstums um rund 0,3% pro Jahr ausgehen.

Bei den meisten Erschütterungen der Weltwirtschaft erwarten wir ein Einschreiten der Zentralbanken, um deren Auswirkungen auszugleichen. Wenn die Investitionsentscheidungen der Unternehmen zögerlicher ausfallen, gehen wir davon aus, dass die Federal Reserve, die Europäische Zentralbank, die Bank von England und andere die Leitzinsen senken werden, um die Zahlen attraktiver zu machen. Wenn die Verbraucher in einen Kaufrausch verfallen, so erwarten wir, dass die weltweiten Zentralbanken die Zinsen anheben, um eine Abkühlung bei den Bauausgaben herbeizuführen und Ressourcen freizusetzen, die für die Verhinderung von Verknappungen hervorrufenden Preissteigerungen erforderlich sind.

Im Falle von Ölpreissteigerungen jedoch greift diese wirtschaftliche Logik nicht. Obwohl hohe Ölpreise wie eine die Gesamtnachfrage drosselnde Steuer auf die Unternehmenstätigkeit erscheinen, fördern sie gleichzeitig - direkt und indirekt - die Inflation.

Die Zentralbanken reagieren auf eine sinkende Nachfrage, indem sie die Zinsen senken, und auf einen erwarteten Inflationsanstieg, indem sie die Zinsen erhöhen. Da hohe Ölpreise sowohl die Nachfrage drosseln als auch die Inflation ansteigen lassen, besteht die Reaktion der Zentralbanken darin, wenig oder gar nichts zu tun. Die Auswirkungen hoher Ölpreise schlagen daher voll auf die Konjunktur durch, ohne durch die Zentralbanken, die sich dem Wind entgegenstemmen, abgemildert zu werden.

Legt man jedoch eine sehr langfristige Sichtweise an, so ist die Frage, ob die hohen Ölpreise für die Welt als Ganze schädlich sind, weniger eindeutig zu beantworten. Wären hohe Ölpreise etwa das Ergebnis von anschließend wieder an die Ölverbraucher ausgeschütteten Steuern, so wären sie uneingeschränkt positiv zu bewerten.

Selbstverständlich ziehen die meisten Steuern hohe „Zusatzlasten" nach sich: Die Kosten sind aufgrund der unzähligen Versuche potenzieller Steuerzahler, diese Steuern zu vermeiden oder zu hinterziehen, wesentlich höher als der Wert der erzielten Einnahmen. Eine Ölsteuer jedoch zieht keine Zusatzlasten nach sich. Im Gegenteil, sie birgt einen zusätzlichen Nutzen . Eine Verlagerung auf energieeffizientere Transportmittel verringert Verkehrsstaus. Bemühungen, durch sparsamen Energieverbrauch Kosten zu sparen, verringern die Umweltverschmutzung. Höhere Kosten für Ölersatzstoffe spornen die Erforschung anderer Energietechnologien an - was heute dringend erforderlich ist, wenn wir denn die Probleme eines weltweiten Klimawandels in naher Zukunft bewältigen wollen.

Eine wohlkonzipierte Besteuerung des Öls würde außerdem die Nachfrage senken und so die potenziellen Mitnahmegewinne derjenigen, denen das Land über den Ölvorkommen gehört oder die die Kontrolle darüber ausüben, reduzieren. Vor kaum mehr als einem Jahrzehnt bemühte sich Lloyd Bentsen, Präsident Bill Clintons erster Finanzminister, genau dies zu erreichen, und schlug zu diesem Zweck eine Steuer auf fossile Brennstoffe, die so genannte „BTU-Tax", vor, um das Haushaltsdefizit der USA zu stopfen.

Die Republikanische Partei und das American Petroleum Institute sorgten damals dafür, dass aus diesem Vorschlag nichts wurde. Ein Jahrzehnt später haben wir die hohen Ölpreise, aber sie sind nicht das Ergebnis einer wohlkonzipierten Steuer in Amerika oder andernorts. Infolgedessen erhöht der Preisanstieg die Mitnahmegewinne der Eigentümer der Ölvorkommen, statt die öffentlichen Haushalte in den betreffenden Ländern zu entlasten.

Hide Comments Hide Comments Read Comments (0)

Please login or register to post a comment

Featured